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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-10-10 · Heft 41 (10.10.1913) · p. Seite 485

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 41 (10.10.1913)
Date
1913-10-10
Page
Seite 485 (sequence 5)
Language
German
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485 restloses, wenn man .darunter den Glauben einbegreist. Wir sind Deutsche unserer Gesinnung, Gesittung, Sprache nach, wir bleiben Juden, ohne daß wir aushören, Deutsche zu sein. Einen anderen Standpunkt vertreten die Zionisten, die Antisemiten und die Alldeutschen. Die Zionisten erklären, daß die -Juden, also auch die in Deutschland, wohnenden, Angehörige eines fremden Volksstammes sind, und wollen damit in einer Weise, die ich nicht verstehe, Patriotismus und deutsche Gesinnung vereinen. Sie begehren die Begründung eines neuen jüdischen Reiches, zunächst zwar nur als Heimstätte für die Verfolgten, im.Grunde aber für alle Juden. Die Antisemiten möchten die Juden loswerden.. Die Alldeutschen sind zwar zunächst keine Antisemiten, aber in einem mißverstandenen Rassenbewußtsein glauben sie die arische Raffe, der anzugehören sie sich rühmen, durch die Juden in ihrer Reinheit bedroht. Der Herausgeber einer Monatsschrift „Diskussion" hat nun geglaubt, die Assimilationssrage zu fördern, wenn er in Nummer 4 des Jahrgangs 1913 nach beliebter Art verschiedene Schriftsteller über diese Angelegenheit zu Worte kommen läßt. Keiner der von dem Herausgeber zur Abgabe seiner Meinung Ausgesorderten vertritt unseren Standpunkt vollständig. Mar Marcuse stellt zwei Fragen aus: 1. ist die Assimilation wünschenswert? 2. ist sie möglich? Er bejaht beide Fragen. Er hält die Assimilation für die Juden wünschenswert, ebenso wie für Staat und Gesellschaft, ist aber der Ansicht, daß zur Durchführung der Assimilation Tarife und Mischehe notwendig seien, eine Forderung, in der wir dem Verfasser nicht folgen können. Richard Dehmel plaudert über die Mischehe, für die er gleichfalls „das Ablegen der mosaischen. Konfession" fordert, als wenn dann die Ehe überhaupt noch eine Mischehe wäre. Er wendet sich gegen die Zionisten und plädiert für den Protestantismus. Theilhaber, „Der Kinderstand in jüdisch-christlichen.Ehen", behandelt sein eigentliches Thema wenig, sieht in der Mischehe eine Gefahr für das Judentrun, nimmt-sie aber nicht tragisch. Sombart, „Die wirtschaftlichen Folgen der Assimilation", gibt in seinem Aussatz durchaus etwas anderes, als ymn nach, dem Titel erwartet. . Er tritt für Arterhaltung aus und wendet sich gegen Artenvernichtung. Deutlicher als in seinen früheren Schriften erklärt er als seine persönliche Meinung, „daß mir das Judentum in seinem objektiven Kulturleben nicht übermäßig sympathisch ist". Von den wirtschaftlichen Folgen, die er zu behandeln behauptet, redet er eigentlich gar nicht. Friedrich Naumann in seinen wenigen Zeilen über „Glaubenswechsel" braucht nicht so starke und einschneidende Worte, wie man von ihm erwarten sollte gegen den aus Opportunitätsrücksichten vollzogenen Uebertritt, sondern äußert sich ziemlich zahm in folgender Weise: „Wer von den bereits assimilierten Juden einer der christlichen Konfessionen ernstlich sich so weit genähert hat, daß er aus seelischen Gründen ihr angehört, der soll uns willkommen sein, aber Assimilationsmittel im Sinne der Herstellung einer rasselosen Menschheit ist die Taufe nicht. Es gibt genug christliche Juden unter uns, denen es gar nichts geholfen hat, daß sie sich und vielfach ihren Anverwandten ein Opfer zumuteten, indem sie ein Bekenntnis ablegten, das ihnen deshalb fremder bleiben muß als uns, weil es für sie kein Väterglaube ist." Zangwills „kurze Antwort" ist recht pessimistisch. Er meint, das beste wäre wohl ein jüdischer Staat, der „wieder auferstehen läßt, was Hellas' Ruhm und Roms Größe ausmachte", und saßt am Schluß seine Ansicht in die Worte, zusammen: „Da keine, der Möglichkeiten praktisch durchführbar ist, und da alle die Möglichkeiten sich zu gleicher Zeit durchzusetzen versuchen, so werden die Juden auch in Zukunst die schlimmen Rückschläge von allen Seiten erdulden müssen." Richard Nordhausens unklare Darlegung „Verschmelzung und Zionismus" darzulegen, lohnt sich nicht. Endlich tritt Fritz Mauthner, „Zionismus und Assimilation", zwar gegen den Zionismus und für die Assimilation, aber leider auch für die Taufe ein, denn als vorbereitendes Mittel für Affimilierung gibt er an, „den Austritt aus seiner Religionsgenossenschaft, den Austritt aus seiner rassenhaften Gemeinde". Ich habe die Schrift, der diese Auszüge entnommen sind, aufmerksam gelesen, kann aber auch hier gegenüber nur mein altes Sprüchlein wiederholen: Umfragen nutzen nichts, ja sie sind geradezu von Uebel. Einen wirklichen Erfolg könnte eine solche Umfrage nur dann haben, wenn wirklich hervorragende Männer aller Parteien (aber auch alle, ohne jeden Ausschluß) ihre Meinung abgeben. Das ist bei der hier veröffentlichten Umfrage ebensowenig der Fall wie bei ähnlichen früheren. Und dann: die meisten der Gefragten gehen mit Unlust oder mit einer Art von Koketterie an die Antwort. Sie haben anderes, die meisten zweifellos Besseres zu tun, als auf eine plötzlich gestellte Frage zu erwidern. Sie gewähren daher meist nur einen schwachen Ausguß ihrer früher begründeten Anschauung, oder sie begnügen sich mit flüchtigem Hinwerfen von Gedanken, die ihnen gerade durch den Kopf gehen. Für mich und meine Gesinnungsgenossen gibt es, wie gleich am Anfang gesagt wurde, nur eine Lösung: unsere Assimilierung ist vollzogen: sie besteht in dem vollen Ausgehen in die deutsche Kultur bei ernster und heiliger Wahrung unseres Glaubens. Dss Hecht (?) suk den gemieteten Synagogenplstz. m letzten Karfreitag war der Andrang zum Besuch des Abendgottesdienstes in der Synagege Fasanenstraße so abnorm groß, daß der Vorstand derselben sich, für verpflichtet hielt, zur Vermeidung einer Lebensgefahr für die Zweitausend,, welche schon Platz genommen hatten, das Gotteshaus äbfperren zu lassen. Hunderte mußten wieder umkehren, darunter mehrere, welche ihre Platzkarte vorzeigen konnten, und welche sich nun in ihrem Rechte geschmälert glauben. Nach einer Entscheidung des Reichsgerichtes kann der gemietete Platz allerdings beansprucht werden, wenn der Gottesdienst noch nicht begonnen hat. Der Anspruch hört aber unbedingt auf, wenn die Synagoge so überfüllt ist, daß im Interesse der Sicherheit der Besucher gemäß polizeilicher Vorschrift die Türen vor dem Beginn der Andacht geschlossen werden müssen. Es ist eine alte Erfahrung, daß unsere Synagogen an christlichen Feiertagen, wenn diese auf einen Sabbat oder Jomtow fallen, , sehr stark besucht werden, was ja natürlich ist, weil die meisten Juden an jenen von ihrem Beruf ausruhen und Zeit für Teilnahme am Gottesdienst haben. Nban soll ja auch nicht fragen, wann die geeignetste Zeit ist, Gott zu suchen, sondern soll sich freuen, daß er überhaupt gesucht wird. Bisher ist immer geklagt worden, daß unsere Gemeinde teure Synagogen für drei Tage im Jahre, nämlich für unser Neujahrsfest und den Versöhnungstag, bauen müsse, daß sie dann das ganze Jahr leer blieben. Nun ist zum erstenmal der Fall eingetreten, daß eine Synagoge — um welche herum zirka 25 000 Juden wohnen — bei jedem Gottesdienste gut besucht, an vielen Freitagabenden sogar überfüllt ist; welches jüdische Herz sollte ob solcher Erscheinung nicht frohlocken?!

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