Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 41 (10.10.1913)
- Date
- 1913-10-10
- Page
- Seite 484 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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484 Dem „Berliner Tageblatt" wird aus-London gemeldet: Die englische Geistlichkeit erhebt am Vorabende des Kiewer Prozesses nochmals ihre Stimme, um gegen die Blutbeschüldigung zu protestieren. Erzbischöfe, Bischöfe, Peers und die hervorragendsten Vertreter der Wissenschaft Unterzeichneten das Manifest, worin erklärt wird, die ganze Angelegenheit sei eine Frage der Menschlichkeit und Zivilisation. Die Blutanklage sei ein Ueberbleibsel aus der Zeit der schwarzen Magie und Zauberei, eine grausame und grundlose Verleumdung des Judentums, eine Beleidigung der Kultur des Westens, eine Schande für die Kirchen, in deren Namen sie von Fanatikern erhoben wurde. Der „N. I. K." entnehmen wir folgenden Artikel: Der Großrabbiner d e r T ü r k e i über die jüdischen Kolonien Palästinas. Haim Nahum, der Großrabbiner der Türkei, Hielt sich dieser Tage vorübergehend in Berlin auf, um den hiesigen jüdischen Organisationen, die sich an dem Hilfswerk für die türkischen Inden während der Balkankriege beteiligt haben, den Dank der ottomanischen Judenheit äbzustatten, und um die Schaffung einer Kreditorganisation für die während des Krieges ausgewanderton und jetzt repatriierten Juden der türkisch gebliebenen Landesteile mit den hiesigen jüdischen Korporationen zu besprechen. Der. Chacham Baschh — dies ist der offizielle Titel des Großrabbiners— hatte die Liebenswürdigkeit, einen Mitarbeiter der „N. I. K." zu empfangen, und ihm u. a. auch einiges über seine Eindrücke gelegentlich seiner letzten Reise durch Palästina mitzuteilen. Der Großrabbiner erklärterer habe mit wahrer Freude die wunderbare Entwicklung der landwirtschaftlichen Kolonien Palästinas gesehen, die ebensosehr den Juden zur Ehre wie dem Staate und der einheimischen Bevölkerung .zum Nutzen gereichten. Die jüdischen Kolonien seien wirkliche Kulturstätten und Muster von gut organisierten, modernen landwirtschaftlichen Siedlungen. Auch die Ordnung' des Gemeindelebens in ihnen könne als vorbildlich gelten, und sie brächten dem Staate mcht-nur indirekt, sondern ganz unmittelbar durch die starke Steigerung der Einnahmen großen Vorteil. „Was mich aber besonders erfreut und verwundert hat", fuhr der Großrabbiner fort, „das ist das merkwürdige Ausleben der hebräischen Sprache in Palästina, besonders in den Kolonien, wo sie schon heute zur lebendigsten Umgangssprache geworden ist." Der Chacham Baschh erwähnte sodann, daß der türkische Thronfolger wahrscheinlich demnächst nach Palästina reisen werde, und erklärte, daß er Gelegenheit nehmen werde, den: Thronfolger die eingehende Besichtigung der jüdischen Kolonien 31t empfehlen, damit die mustergültigen Verhältnisse dieser Kolonien bei der Ausgestaltung der Kolonisation der muselmanischen Einwanderer berücksichtigt werden könnten, die jetzt, aus den ehemaligen europäisch-türkischen Provinzen nach der asiatischen Türkei auswandern und angesiedelt werden müssen. Ueber die Verhandlungen des XI. Zionistenkongresses, der Anfang September in Wien tagte, zeigte sich der Großrabbiner sehr informiert. Er hat den Verlauf des Kongresses nach den ausführlichen Depeschen der türkischen Zeitungen verfolgt und erklärte, er freue sich, sagen zu können, daß die Kongreßberichte nirgends, wie früher oft, übelwollende Kommentare hervorgerufen hätten, lieber- Haupt sei die Stellung der türkischen Regierung und der türkischen Bevölkerung den Juden gegenüber äußerst freundlich, und es sei ja bekannt, daß die Juden in der Türkei niemals unter ähnlichen Bedrückungen oder Verfolgungen zu leiden gehabt hätten wie in den meisten anderen Ländern. „Gerade die letzte Krise," fuhr der Chacham Baschh fort, „hat aufs neue bewiesen, daß Volk und Regierung keine verläßlicheren Freunde als die ottomanischen Juden haben. Dieser lleberzeugung ist auch S. M. der Sultan, der mich vor meiner Abreise in einer halbstündigen Audienz empfing, und im Gespräch diesen Gedanken und Gefühlen in freundlicher Weise Ausdruck gab." * Recht interessant ist die nachfolgende Reminiszenz der „Franks. Zeitung": Der zionistische Gedanke im 16. Jahrhundert. Man schreibt uns: In der Urschrift der (an dieser Stelle schon kürzlich erwähnten) Beschreibung einer Reise nach Konstantinopel'und Kleinasien des Fuggerischen Faktors Hans Dernschwam von Hraditschjn (geb. 1494 zu Brüx, gest. um 1568) findet sich ein längerer, „De Judaeis“ überschriebener Abschnitt, in dem der Verfasser ausführlich über die jüdische Bevölkerung Konstantinopels spricht. Die Zahl der Juden (15 035 im Jahre 1553), ihre Kleidung, Wohnungen, Gewerbe, Sitten, Gebräuche — alles Wissenswerte erfahren wir über den jüdischen Bestandteil der Einwohnerschaft Konstantinopels um die Mitte des 16. Jahrhunderts. Die Leute mußten sich, wie aus der anschaulichen Schilderung des Reisenden hervorgeht, mühsam durchs Leben schlagen, die jedoch, welche zu einigem Wohlstand gelangt waren, der ihnen ein, wenn auch dürftiges Auskommen für die Zukunft sicherte, „zihen sich In das Heylig laudt vnd gen Jerusalem, verhaften noch das Sy von allen landen In Ir landt wider zusamen werden kvhmen vnd ein Regiment oberkhomen." — Weiter heißt es in dem Bericht, daß die vermögenden Juden ihren Volksgenossen in Palästina Geldunterstützungen zukommen lassen. Man sieht, es handelt sich um beit zionistischen Gedanken in reinster Ausprägung, und zwar lange bevor ihm Theodor Herzl (1860—1904) durch sein Werk „Juöenstaat" (Wien, 1896) zu neuem Leben verhaft. F. Babinger (Würzburg). O Zum Schluß mag hier folgender interessanter Bericht der „Voss. Ztg." ein Stätte finden: Eine neue Ausgrabung in Palästina. Eine neue hochinteressante Ausgrabung hat in diesem September der soeben nach Kiel berufene Prof. Dr. Ernst Sellin begonnen. Eschandelt sich mit die Stätte des berühmten alten biblischen Sichem, über dessen genaue Lage die Ansichten der Forscher ziemlich weit auseinandergingen. Sellin vermutete dieselbe, wie noch einige andere Fachgenossen, in einem wenig ausfallenden kleinen Hügel bei dem eine Viertelstunde östlich von Nablus gelegenen Dorfe Balata, aus dessen Westseite in einer Breite von etwa zehn Metern eine alte Mauer herausschaute und in dessen unmittelbarer Nähe noch heute das sogenannte Jvsefsgrab gezeigt wird. Nach zwei Jahre währenden schwierigen Verhandlungen mit den fanatischen Besitzern des Hügels gelang es Prof. Sellin, sich in Konstantinopel die erforderliche Grabungslizenz zu verschaffen. Die Hälfte der nötigen pekuniären Mittel bewilligte ihm die k. Akademie der Wissenschaften in Wien, die andere Hälfte verschaffte er sich auf privatem Wege. Die Akademie attachierte ihm den Sekretär des österreichischen Archäologischen Instituts'Dr: Praschniker als Begleiter. Während dreier Septemberwochen haben nun die beiden Gelehrten, zum Teil unter glühendem Schirokko, eine Pröbegrabung durchgefühvt, die die Annahme Sellins glänzend bestätigt hat. Sie fanden zwei parallel laufende gewaltige Stadtmauern, die denen von Jericho nichts nachgeben. 'Beide liefen aus in Türme, deren Fundament vorzüglich erhalten ist, und es ist kein Zweifel, daß damit die eine Hälfte des Stadttores gefunden ist, von dem aus nach Freilegung der anderen Hälfte nunsystematisch in die Stadt eingedrungen werden kann. Ein in der Mitte des Plateaus angelegter langer Probegraben, der bis auf 6A Meter in die Tiefe hinuntergesührt wurde, ergab, daß der ganze Hügel aus Schichten alten Kulturlebens erwachsen ist. Uebereinander gelagert fand man die Hausfundamente aus kanaanitischer, früh- und spätisraelitischer Zeit bis hinein in die griechische, in der die Besiedlung des Platzes ein jähes Ende gefunden haben muß. Viele Bronze und eine Fülle prächtiger Keramik aus allen Schichten war in den Häusern enthalten. Wenn die nötigen Mittel Zusammenkommen werden, wird es gelingen, im nächsten Jahre das ganze alte Sichem, mit dem sich die israelitischen Erinnerungen an Abraham, Jakob und Josef verknüpfen, welches Residenz des Königs Jerobeam und überhaupt zu allen Zeiten eins der wichtigsten Zentren des politischen und kultischen Leb'ens im Lande war, wieder freizulegen. Dir Mümilstion der Juden. Von LudwigGeiger. ür uns, fr h. für die freisinnigen deutschen Juden ist die Assimilationsfrage überhaupt keine Frage: wir sind assimiliert oder wünschen es zu sein. Die Assimilation ist uns ein restloses Aufgehen in dem Deutschtum, wenn man darunter Nationalität, Sprache, KulLureigentümlichkeit versteht; kein