Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 41 (10.10.1913)
- Date
- 1913-10-10
- Page
- Seite 482 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3229069-3229111--69820-3282143- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
auch 'damals, obgleich der zehnke Tischri ' ausnahmsweise - in ein Freudenfest 'verwandelt wovden war, wurde feiner in -alter Treue gedaM,- indem die vierzchn-täg-ige Feier a-m^n-elyrWMgann^- nach.- der ..Vorschrift der f Ova: ,-._UM^Neüni^nr.^s' Monats -abends beginne "die igr btisjes^'eures Sabbals°). '- Es dürfte nicht ausgeschlossen sein, daß zur Erinnerung an diesen Ausnahmefall der zehnte Tischri in der Folgezeit nicht nur als Fast- und Bußtag, sondern^ auch als Fest- und Frendentag 2H2 DT1 gefeiert wurdet Freilich ist es nicht anzunchmen, daß der heilige Ernst und Pitz Kenge, mannigfache Lebensgenüsse verbietende Feier des Tages durch rauschenden Jubel und .überschäumende Freude, Witz'der Talmud sie schildert«), 'irgendwelche Einbuße erlitten hätten. Immerhin aber ist es möglich, daß, nachdem der ^Wag überstanden war, was man noch gegenwärtig bei den >Bekennern des Islam jeden Abend während des Fastenmonats Ramadhan beobachten kann, das infolge seines -Glaubens an die sühnende Macht des Tages in freudige Stimmung versetzte Volk, insbesondere die lebensfrohe Jugend, auf eine alte Tradition sich stützend, zur Ehre und Verherrlichung des an historischen Erinnerungen überaus reichen Tages«) ein stimmungsvolles Freudenfest veranstaltet hatte. Der Talmud zi- . tiert hierbei das Wort des Hohelied es: Gehet hinaus und schauet, Töchter Zions, den König Salomo in der Krone, mit der seine -Mutter ihn bekränzt am.Tage seiner Vermählung und am Tage seiner Herzensfreude"), und knüpft daran folgende sinnige und beachtenswerte Bemerkung: Das Ehebündnis, das Gott mit Israel am Sinai geschlossen, aber durch das TOifä» ^2, durch die häßliche Tat der Anbetung eines gegossenen Tierbildes für kurze Zeit eine Trübung erfahren hatte, wurdeam Jom Kippur, an dem Moses dem. Volke die zweiten Bundestafeln überbrgcht und Salomo den Tempel ..zu.-einer Stätte der Anbetung des -einig einzigen Gottes geweiht hat, aufs neue, besiegelt und für ewige Zeiten, geweiht und geheiligt). Das alte Israel feierte also den zehnten Tischri nicht allein als einen Tag der Sündenvergebung, sondern es gedachte an ihm auch der Tage der Vorzeit, der großen Begebenheiten seiner Geschichte, die ihm den Lebensweg vorzeichneten und .in.guten wie in bösen Zeiten als Führer und Lehrmeister dienten. Nach der Zerstörung des ersten Tempels erlosch die Prophetie in Israel, und das von den Propheten jahrhundertelang verwaltete Lehramt ging auf die Chachamim übet), die, wie es scheint, die Psyche des Volkes gründlicher als ihre berühmten Vorgänger gekannt und auch immer berücksichtigt haben. Wir zweifeln nicht, daß die Propheten ebenso wie früher die Alten (Sekenim) und später die Männer der „Großen Versammlung" den. zehnten Tischri, als einen Tag der Sündenvergebung heilig gehalten und das Volk unterwiesen haben, ihn streng nach den Vorschriften der Thora zu feiern. Allein, daß sie mit Ausnahme Ezechiels, der, nebenbei bemerkt, diesen denkwürdigen Tag ebenso wie die Thora •‘T1EW3 nennt, über ihn stillschweigend hinweggingen, beweist, selbst wenn wir zugeben, daß für seine Erwähnung als eine Mahnung mwb an künftige Geschlechter zu ihrer Zeit keine besondere Veranlassung vorlag, daß sie, trotz ihrer «) 3. Mose 23, 32, siehe auch Weiß, Dor, Dor Wedorschow,, Teil 1, K. 3. 7) Taanith 26b. «) ibid. 9) ibid. , 10) Hohelied 3, 11. u) Taanith 26b. 12) Baba batra 12a. Sehergabe, den erziehlichen Wert dieses Tages entweder unterschätzt oder nicht in vollem Maße überschaut haben. Die geistige Entwicklung des Judentums seit Esra und den .nach'ihm Weisen hüt gezeigt, daß -) ÖDfiv däß der Weife in seiner Milde und Nachsicht höher einzuschätzen ist als der temperamentvolle Prophet, der'in seinem ungestümen Eifer für Sittenreinheit und Lauterkeit der Gesinnung zuweilen vergißt, daß min tib; 14)mto d.aß die Thora nicht üb-erivdischen Wesen, sondern Menschenvon Fleisch und Blut gegeben wurde, die nur. als solche auf Grund der ihnen innewohnenden menschlichen Schwächen beurteilt w-erden müssen und den dem Propheten vo rschweb enden hohen Mensch'hei tsi-deäten nur. allmählich .entgegengesührt werden können.' Von diesem Gedanken geleitet, haben unsere -alten Weisen .den Jom Kippur in den Mittelpun'kt des jüdischen- Geisteslebens -gestellt und ihm -unter den anderen Festen des Jahres eine Ausnahmestellung verliehen. In gleicher Weise .wie die Propheten kannten und beklagten auch sie den wankenden Sinn des Volkesin dem sie die Quelle aller seiner Leiden erblickten. Allein das hielt sie nicht ab, das wegen seiner angeblichen Gottvergessenheit von Freunden und Feinden mit Vorwürfen, überhäufte Israel sprechen zu lassen miTO 15)7!1831: Wenn ich auch das ganze Jahr hindurch infolge meiner Sünden geschwärzt erscheine, am-Jvm Kippur bin ich anmutig?«) Moses, fahren sie in diesem Zusammenhänge fort, durfte deswegen das gelobte Land nicht, betreten, weil er das Volk mit: Höret ihr Widerspenstigen anredete, und Jesaia starb einesunnatürlichen Todes, weil er sich der Israel beleidigenden Worte bediente: Ich wohne unter einem Volke, unreiner Lippen. Während die Prophetie in ihrer unerbittlichen Strenge den verstockten Sünder sofort zum Tode verurteil?7 * 9), geben ihn die Chachämim nicht ohne weiteres auf, sondern sie führen ihn in ihrer Milde auf dem Wege der Thora, die freilich zuweilen schwere Opfer fordert, allmählich zur Quelle des Lebens, zu Gott zurück, -der auch den sündigsten Menschen, sobald er sich reuevoll an ihn wendet, in Liebe aufnimmt und das von dem Propheten über ihn verhängte harte Geschick rückgängig macht?«) Als der Prophet Jesaia dem schwerkranken, mit ^dem Tode ringenden König Hiskia zurief: „Bestelle dein Haus, denn du mußt sterben," gab dieser ihm zur Antwort: „Sohn des A'möz, schließe deine Prophezeiung und geh fort. Von meinen Vätern her habe ich die Lehre überliefert erhalten, daß der Mensch, auch wenn der Tod unabwendbar scheint, die Hoffnung auf Gottes Erbarmen nicht aufgeben darf?«) Ja, die alten Chachamim waren es, die in ihrer großen Liebe zu Israel und in genauer Kenntnis seiner'Seelenregungen den zehnten Tischri, den die Thora in ihrem- Lapidarstil Jom Kippurim nennt, und -dessen Bedeutung als Erziehungsmittel für das Volk in späteren Zeiten die Propheten, wie es scheint, nicht genügend gewürdigt haben, zu. einem Jom Teschuba, zu einem Tage der Buße und der Rückkehr zu Gott gestalteten, von dessen Gnade allein die Sündenvergebung zu erwarten ist. Sie lehrten?«) mi8 mdS 827!' Des Menschen Bestreben,' sich von Schuld.und Fehl zu reinigen, wird von Gott gefördert und unterstützt, von Gott, an dessen allgnädigen Thron der Mensch ohne Opfer und Priester und ohne 13) ibid. ") Jomn 30a. - w) Hohelied 1, 5. 10 * 12) Schir haschirirn Rabba. l7) Ezechiel 18, 4. Siehe auch Jalkut Schimoni zur Stelle. “)' mm K’OJ'rrm ") Berachoth 10, a. - 2«) Joma 38, b.