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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-10-10 · Heft 41 (10.10.1913) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 41 (10.10.1913)
Date
1913-10-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse 77. Jahrgang Nr. 41 Berlin, 10. Oktober 1913 Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philipps»« Unter Cettnng des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Luch. Handel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebrstellen) bezogen vierteljährlich S M. — Postscheckkonto 32<k. Alle Zusendungen fflr Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der ^Allgern. Zeitung des Judentum»*, Berlin SW., Jerusalemer StraHe *S/W, zu richten. Verlag von Rndolf rttoffe, Berlin. Der zehnte Tifchri. Von Alber t Katz. — Die Woche. jllujuU. Die Dissimilation der Inden. Von Ludwig Geiger. — Das Recht (?) auf den gemieteten Synagogenplatz. — Von der jüdischen Reform gemeinde in Berlin. Von L. G. — Der Zioni stenkongres; in der Herzlstavt. Von Hierosolymitanns.-- Feuilleton:Zum Versöhnungstage. Von R. I\. — Der Antisemit. Roman von Ernst Theodor Justi- — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Posen, Züllichau, Nürnberg, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hagenau, Wien, Johannesburg. — Bon Nah und Fern. Der zehnte Tilchri. Bon Albert Katz. n das Schriftwort: „denn an diesem Tage wird Er euch sühnen", knüpfen unsere alten Weisen die Bemerkung: Wenn auch alle anderen Jahresfeste nicht mehr gefeiert wer» den sollten, der Joru Kippur wird fortbestehen, denn er bringt Vergebung für leichte wie für schwere Vergehens Es ist also die mit diesem Tage von altersher im ZusatthweNhang stehende Hoffnung auf Sündenvergebung, die ihm den Ewigkeitscharakter verleiht. Nur dürfen wir nicht glatt-- den, daß der zehnte Tischri, wie heilig und bedeutsam er an sich auch sein mag, allein es ist, der die Sündenvergebung bewirkt. Er ist vor allen anderen Tagen des Jahres nur deswegen zu einem besonderen Tage der Gnade und Versöhnung, zu einem Jom Kippur erhoben worden, weit ütt ihm, wie Mai- MottideZ sich ausdrückt, die rtflfcK* 2)» der Glaube, daß Reue und Buße den auf Abwege geratenen Menschen zur ursprünglichen Reinheit, zu dem in ihm lebenden und wirkendeir Gottesbewußtsein zurückzuführen vermögen, zum erstenmal dem jüdischen Volke kund getan ward. Nach einer Tradition soll es nämlich der zehnte Tischri gewesen sein, an dem Moses mit den zweiten Bundestafeln zurückgekehrt lvar und dem vor Neue, Scham und Schmerz ob der in einem leichtsinnigen Augenblick begangenen Missetat, der Vergötterung und Anbetung eines selbstgefertigten Tierbildes, zerknirschten und verzweifelten Volke die tröstende und aufrichtende Heilsbotschaft verkündigt hatte: Gott, der Elvi ge, Allmächtige ist gnädig und barmherzig, langmütig und reich an Huld und Treue, er bewahrt Gnade dem tausendsten Geschlecht und vergibt Sünde, Missetat und Schuld'). Wir haben keine Veranlassung an der Authentizität dieser Ueberlieserung zu zweifeln, und ebenso wenig liegt ein triftiger Grund vor, die auf diese Ueberlieserung sich stützende Behauptung, daß zur Erinnerung an die an jenem zehnten *) Jalkut Schimoni, Achare. 2) More Mbuchim 3, 41, '■*) 2. Mose 34, 6—7. ' Tischri erfolgte Vergebung der fürchterlichsten aller Sünden Israels, der Götzenanbetung, dieser Tage für alle Zeiten zu einem '122 Dl\ zu einem Tage der Buße und Seelenkasteiung eingesetzt lvorden sei, als hypothetisch zu bezeichnen. Jener große Tag, der dem von Gott abgefallenen. Israel nicht allein das Bewußtsein seiner schmachvollen Verfehlung, sondern auch die beseligende Erkenntnis von der ewig waltenden Liebe und Barmherzigkeit Gottes offenbarte, kann unmöglich spur- und wirkungslos an dem Denken und Empfinden, dem Seelenleben des Volkes vorübergegangen sein. Man darf daher mit Sicherheit annehmen, daß Israel diesen Tag nicht minder als die anderen Gedenktage seiner Geschichte in der Erinnerung festgehalten, schon in grauer Vorzeit als eine Qüell-e des Heils und des Trostes gewürdigt und streng nach den Vorschriften der Thora als einen Sabbat der Sabbate geheiligt hat. Das bekunden indirekt auch unsere alten Propheten, indem sie ihren Zeitgenossen alle möglichen Gesetzesübertretungen vorwerfen, nur nicht die Entweihung des zehnten Tischri. Nicht etwa, weil zu ihrer Zeit dieser Tag als Jom Kippur unbekannt gewesen oder in Vergessenheit geraten wäre, sondern aus dem ganz einfachen naheliegenden Grunde, weil er damals ebenso wie früher und später streng gehalten wurde und sie über seine Entweihung zu klagen nicht die geringste Veranlassung gehabt haben. In der richtigen Würdigung der Propheten und ihres heilvollen Einflusses auf die Gegenwart und Zukunft des jüdischen Stammes bemerken unsere Weisen, daß nur eine*) N2N22 nm“6 NX122 prophetische Auslassung, die, aus den Verhältnissen der Zeit hervorgegangen, künftigen Geschlechtern zur Belehrung und Warnung vor Gesetzesübertretungen dienen sollte, sorgfältig niedergeschrieben wurde, nicht aber eine') rü’“!2W HK'pU nWHb d. h. eine Mahnung oder Zurechtweisung, zu der keine Veranlassung gegeben war; eine solche brauchte künftigen Geschlechtern nicht aufbewahrt zu werden, und ist darum auch nicht niedergeschrieben worden. Aus diesem Grunde wohl 'spricht Ezechiel, der einzige unter den Propheten, der den zehnten Tischri erwähnt, nicht von seiner Bedeutung als Jom Kippur: er war nämlich als solcher allgemein bekannt und respektiert und nie, auch nicht in der trostlosen Zeit nach der ersten Tentpelzevstörung aus dem Gedächtnis des Volkes geschwunden. Nur einmal, in dem Jahve, als der salomonische Tempel eingeweiht wurde, soll die Feier des zehnten Tischri als Buß- und Fasttag nicht beobachtet worden sein, und zwar aus dem Grunde, weil der neue, Gott geweihte Altar dieselbe Aufgabe wie der Jom Kippur hatte: die Versöhnung des Allgütigen dem Volke begreiflich zu machen. Aber 4) Jalkut Schimoni, 1. Samuel. 6) ibid.

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