Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 40 (1.10.1913)
- Date
- 1913-10-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Der Demetndeüate. Vellage zur „Allgemeinen Lettuns deK Iudentum^^. SorrelponLen?rn und Ksckrichtrn. Deutschland. Berlin, 29. September. Das in Pankow neu errichtete zweite Waisenhaus' der Berliner jüdischen Gemeinde, über dessen Einweihung wir in der vorigen Nummer aus- _ führlich berichtet haben, hat die jüdische Gemeinde in eigener Regie ausgeführt. Am 15. Mai erfolgte der erste Spatenstich. Die Pläne und architektonischen Einzelheiten waren von Regierungsbaumeister Baer entworfen, iii dessen Händen auch die verantwortliche Leitung des Neubaues lag. Für den Bau stand ein Terrain von 2830 Quadratmetern Grundfläche zur Verfügung, das sich' nach der Berliner- Straße zu in einer Frontlänge von 40 Metern ausdehnt und sich mit einer Tiefe von.53 Metern nach der Hadlichstraße zu öffnet. Dem Bauplatz vorgelagert sind Vorgärten von 10 Metern bzw. 4 Metern Breite. Das Gebäude ist für die Ausnahme von 80 Zöglingen bestinunt, die sich zu etwa % aus Schulknaben, zum übrigen Teil aus Lehrburschen, die in der Anstalt ihre Erziehung genossen haben und bis zur Beendigung ihrer Lehrzeit im Hause bleiben, zusammensetzen. Wir treten von der Berliner Straße aus durch ejn Zweiflügeliges Eingangstor-in den Vorgarten, dessen Flächen von Kieswegen umsanmt mit grünen Rasenteppichen belegt sind, und über diesen durch das- Hauptportal in die Vorhalle. Eine breite Vortreppe führt uns in eine geräumige, mit Kreuzgewölben überspannte Flurhalle, die uns einen klaren Ueberblick über die getroffenen Raumanordnungen gewährt. Zu-beiden Seiten des Eingangs liegen die Räume für Unterrichtszwecke, und zwardrei Klassenzimmer, ein Lehrerzimmer, ein Biblivthekszinuner, ein Amtszimmer des Direktors mit anschließendem Warteraum und die erforderlichen Toiletten. Dem Eingang gegenüber treten wir in den Speise- und Festsaal und mit ihm verbunden in den Arbeitsraum, der den Knaben als Stätte zum Anfertigen ihrer häuslichen Schularbeiten, dienen soll. Rechts und links angegliedert erheben sich die beiden Treppenhäuser mit breiten, bequemen Ausgängen. Im Untergeschoß treten wir in eine breite Vorhalle, unLdie sich die Wohnung des Portiers, zwei große Säle für Handfertigkeitsunterricht, die Räume der Zentralheizung und Gelasse für Brennmaterial gruppieren. Von hier gelangen wir nach dem Hof, der zum Teil als Spielplatz, zum Teil als Obst- und Ziergarten angelegt ist. Im Hof stehenauch eine Turnhalle und eine Kegelbahn, ferner ein Zierbrunnen, der zugleich dazu dienen soll, den auf dem Hof spielenden Zöglingen in heißen Sommertagen Trinkwasser zu spenden. Im ersten Obergeschoß gelangen wir zunächst in eine schöne Flurhalle, an die sich helle, freundliche Schlafräume schließen. Im zweiten Obergeschoß befinden sich, freundlich ausgestattet, die Wohnung des Direktors, die Krankenräume, ein Zeichensaal sowie ein großer, 200 Plätze fassender Betsaal. .■ Das Haus ist mit allen neuzeitlichen technischen Errungenschaften ausgestattet worden. Wie das Innere ist auch die. Architektur im Aeußeren auf das einfachste gehalten. Berlin, 29. September. Nach langem, schwerem Leiden ist am 22. d. M. Herr Sanitätsrat Dr. Julius Preuß verschieden.. Der Entschlafene, der erst im 52. Lebensjahre stand, gehörte zu den immer seltener werdenden jüdischen Aerzten, die neben ihrer Fachwissenschaft auch der Wissenschaft des Judentums lebhaftes Interesse entgegenbringen. Julius Preuß besaß umfangreiche talmudische Kenntnisse, die ihn auch zur Bekleidung eines Rabbinats in einer der größten Gemeinden Deutschlands, qualifiziert Hütten, wenn er, der schlichte und bescheidene Mann, das Verlangen. danach gehabt hätte. Julius Preuß suchte und fand innere Befriedigung. in seinem ärztlichen Berus und verwendete jede freie Stunde, um das ihm liebgewordene talmudische Studium zu pflegen und das Resultat seiner Forschungen weiten Kreisen zugänglich' zu machen. Seine Arbeiten aus dem Gebiete der Medizin inr Talmud — wir nennen nur sein epochales Werk „Medizin der Bibel und des Talmud" — die ungeteilten Beifall fanden, sichern ihm in wissenschaftlichen Kreisen ein treues und ehrendes Gedenken über das Grab hinaus. — Das Leichenbegängnis fand am letzten Mittwoch auf dem Friedhose' der Adaß-Jisroel-Gemeinde statt. .Eine .große Trauerversammlung Hatte sich eingefunden. unter dieser die Dozenten des Rabbinerseminars, die Rabbiner der Adaß-Jisroel- und der jüdischen Gemeinde und viele ärztliche Kollegen des Dcchingeschiedenen. Ein leises Schluchzen ging durch die Reihen, als man den Sarg in die Halle trug. Aus dem Munde des Herrn Rabbiners Dr. Munk erfuhr man die kurze Mitteilung, daß der Tote selbst jeden Nachruf sich verbeten habe. Nur ein Gebet sollte für ihn gesprochen werden, das auch Rabbiner Dr. Munk in hebräischer Sprache zum Vortrag brachte. I a n u a ch b e s ch a l o m! <r/D Berlin, 29. September. Der Verband der Arbeitsnachweise der Groß löge für Deutschland VIII. 11. O. B. B. hat dieser Tage an die ihm angeschlossenen 67 Arbeitsnachweise folgendes Rundschreiben gerichtet: „Wie Ihnen ans den früheren-Protokollen bekannt ist, haben wir gemeinsam mit dem Kartell der Arbeitsnachweise (begründet vorn Jüdischen Frauenbünde) unsere Verzeichnisse an die Gemeindebehörden, Rabbiner, Lehrer, Logen und sonstigen in Betracht kommenden Vereinigungen gesandt. Damit haben wir bezwecken wollen, die Aufmerksamkeit unserer Glaubensgenossen auf unsere soziale Einrichtung der Arbeitsnachweise zu lenken und weitere Kreise der Judenheit zur Mitarbeit anzuregen. Unsere Arbeitsnachweise, die ihre Tätigkeit nicht im Geben von Almosen, sondern im Helsen durch Arbeit erblicken, verdienen die tatkräftigste Förderung. Wir sind bemüht, durch Zuweisung von Arbeitsgelegenheit die Bedürftigen und Verzweifelten zu ermutigen, sie auszurichten und sie in den Stand zu setzen, durch eigene Arbeit für sich und ihre Angehörigen zu sorgen. Den Arbeitsnachweisen fällt aber jetzt noch eine n cuc Ausgabe zu, nämlich durch ihre intensive Arbeit den Abfall vorn Judentum aufzuhalten. Der wirtschaftliche Antisemitismus unserer Zeit, der die Anstellung von Juden in Banken, industriellen Etablissements und selbst in großen kaufmännischen Geschäften erschwert, hat so manchen Glaubensgenossen einer ausreichenden Erwerbsmöglichkeit beraubt und durch Nahrungssorgen zum Austritt aus dem Judentum veranlaßt, wie dies die statistischen Daten über die Taufbewegung in den letzten Jahren klar dartun. Selbstverständlich verurteilen wir aufs allerschärsste die Fahnenflucht. Aber damit ist nicht geholfen, vielmehr müssen wir durch Schaffung von Erwerbsmöglichkeiteu die Ursache der Austritte beseitigen. Durch persönliche Bemühungen müssen wir bei unseren vorurteilslosen christlichen Mitbürgern dahinwirken, daß sie in ihren Betrieben Kaufleute, Bankbeamte, Chemiker, Ingenieure einstellen und daß sie jüdische arbeitsfähige und fachtüchtige Handwerker, Gewerbetreibende und Arbeiter beschäftigen. Insbesondere aber müssen wir bei unseren Glaubensgenossen, die in Banken und industriellen Unternehmungen ein gewichtiges Wort mitzureden haben, vorstellig werden, ihr Gewissen schärfen und sie an ihre Pflicht gegen die angestammte Väterreligion erinnern, damit sie all ihren Einfluß aufbieten sollen, daß bei Besetzung von Vakanzen auch jüdische Bewerber mit berücksichtigt .werden. Unsere jungen Leute, Angestellte, Akademiker, Handwerker usw, müssen die Ueberzeugung gewinnen, daß wir ihnen ihre Lebensbahn mitebnen zu helfen bemüht sind, daß sie in ihrem Daseinskämpfe nichr verenrsamt und verlassen dästehen. Dann werden sie nicht erbittert 'ihre Zugehörigkeit.zum Judentum verleugnen und sich von ihm zurückziehen. Wir bitten Sie, dieser neuen überaus bedeutungsvollen Aufgabe Ihre Aufmerksamkeit und Ihre Bemühungen zuzuwenden; dann werden die Arbeitsnachweise'nicht nur zur Hebung der materiellen Lage unserer Glaubensgenossen, sondern hierdurch zugleich auch zur Erstarkung des Judentums'beitragen. Verband der Arbeitsnachweise, Großloge für Deutschland VIII U. O. B. B. (E. V.). Dr. Ginsberg, Vorsitzender, Dr. Finkel, Sekretär i. V. 6. T. Berlin, 29. September. Professor A n t o n v. W e.r n e t schreibt als Direktor der Hochschule für die bildenden Künste in Berlin-Charlottenburg eine Reihe von Stipendien für junge Künstler aus. Aus der Mols-Menzel-Stiftung, die am 70. Geburtstage des Meisters errichtet wurde, sind für junge, befähigte deutsche Künstler, die die Hochschule oder..ihre Meisterateliers besuchen, als Unterstützung für die Studienzeit für ein. oder mehrere. Jahre 700 Mark zu vergeben. Ferner, stehen aus der Ginsbergstiftun g für junge Maler, die ihre akademische Studienzeit, absolviert und mindestens inr letzten Semester die Hochschule besucht haben; als Stipendium 1700 Mark.