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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-10-01 · Heft 40 (1.10.1913) · p. Seite 480

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 40 (1.10.1913)
Date
1913-10-01
Page
Seite 480 (sequence 12)
Language
German
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Der Untikmit. Roman von Ern st Theodor In st i. XIV. 01), mißverstehen Sie mich nicht, Herr Pastor. Es ist in mir eine, ich möchte sagen, angeborene Antipathie ober Idiosynkrasie gegen alles, was an Juden und Judentum streift." „Und doch kamen Sie heute selbst auf das unerschöpfliche Thema Israel, als ich mich des rechtzeitigen Eintreffens der barmherzigen Chewra erfreute." „Allerdings. Und da nun die theologische Frage einmal angeschnitten ist, hätte ich mir gern noch ein paar Bemerkungen oder Fragen gestattet." „So viele Ihnen belieben. Aber für heute vormittag dürfte die theologische Diskussion sür einen Rekonvaleszenten doch schon zu lang sein." „So darf ich bitten, nachmittags noch ein halbes Stündchen mir zu schenken? Die Fragen liegen mir am Herzen." „Von Herzen gern; also auf Wiedersehen nach Tisch!" „Haben Sie Dank! Auf Wiederseh-en!" Der Freiherr sah ihm nach. Dann nahm er den anonymen Brief, der zerknittert auf dem Tisch vor ihm lag, und zerriß ihn in kleine Stücke. „Liebet eure Feinde," sprach er leise — „mag es nun bloß im Evangelium oder auch im Talmud stehen!" Zehntes Kapitel. Der Trödler Aron. Der Nachmittag kam und mit ihm der Pastor. Eine Anzahl anderer Besuche hatte die Schwester abgewiesen. Nur den Pastor sollte sie vorlassen. Der Freiherr bat sogleich, seine Fragen vorlegen zu dürfen, und der Geistliche gab gern seine Einwilligung. „Sie bezeichneten heute vormittag als die einzige neue Lehre Christi, als den neuen Wein, der nicht in die alten Schläuche sich fassen lasse, die Gottessohnschaft." „Ganz gewiß." „Ich möchte doch aber meinen, daß auch die Unsterblichkeitslehre, der Weltgerichts- und der Auferstehungsgedanke etwas spezifisch Christliches sind." Der Pfarrer wies dagegen darauf hin, daß der Unsterblichkeitsgedanke bei den Psalmen und bei den Propheten vielfach ausgedrückt sei. Ferner, daß die Ethik des Alten Testaments nach dem Maßstabe jener alten Zeit beurteilt werden müßte, und daß, selbst wenn die Ethik des Alten Testaments mangelhaft wäre, die Juden unserer Zeit nicht nach der Gesinnung der Juden in Palästina allein beurteilt werden dürften, sondern daß beachtet werden müßte, daß die jetzigen Juden von. solchen herstammten, die schon frühzeitig in manchen Ländern außerhalb Palästinas gewohnt hätten. Endlich erinnerte er an den Einwurf des Kreisrichters, der Pfarrer liebe wohl die Juden, daß selbst Luther, wenn er auch später stark gegen die Juden ausgetreten sei, sie doch als Vorfahren Christi und der Apostel hochgehalten habe. Zum Schluß bemerkte er, daß seine Liebe zu den Juden auf einem speziellen Motive ruhte, und auf die neugierige Frage des Kreisrichters, welches dieses Motiv wäre, erwiderte er: „Die Dankbarkeit!" „So haben Sie Wohltaten von den Juden empfangen?" „Keine Wohltaten im alltäglichen Sinne, nicht in Gold oder Silber und doch einmal eine unschätzbare Wohltat. Ich mache kein Hehl daraus, davon zu erzählen, sofern Sie es hören wollen." „Aber gewiß, ich bitte darum." „Das Ereignis fällt in meine Jünglingsjahre. Als Pastorssohn und Pastorenkel wurde von mir zum Lebensberuf fast selbstverständlich die Theologie erwählt, und ich fühlte mich auch anfangs von meinem Studium hoch befriedigt und innerlich ungemein beglückt. Natürlich hörte ich. auch philosophische und historische Vorlesungen, studierte fHilo, Seneca, Hegel, und ein geistvoller Universitätslehrer lenkte meine Aufmerksamkeit. auf die vergleichende Religionsgeschichte. Mit wahrer Begeisterung stürzte ich mich auf diese Disziplin. Ich las, was ich nur bekommen konnte, über Inder und Perser, Griechen und Germanen, über Kultur-, und Naturvölker. Ich war peinlich überrascht, als ich von Sakjamuni dem Büddhasoviel überliefert fand, was als Jesu und nur Jesu zugehörig zu betrachten man -den Knaben gelehrt hatte. Aber ich konnte mich damit immerhin abfinden, wie ich mich, auch mit des Appolonius von Tyanas Wundern trotz Voltaire und Wieland abgefunden hatte. Als ich aber Bruno Bauer u. a. studierte, Xisuthros, von Dionysios, Poimandres und Balder, als ich von den babylonischen Ea-Söhnen Marduk, Adapa und Thamuz hörte, da, ja da schwankten die Grundfesten meines christlichen Glaubens. Die schlimmste Skepsis nahm von mir Besitz. Im Christentum sah ich nur das mit stoischer und alexandrinischer Philosophie gesättigte Bewußtsein der römischen Kaiserzeit. Ich zweifelte, daß Jesus überhaupt gelebt, zweifelte selbst, daß es je auch nur eine Stadt Nazareth gegeben." „Und die Evangelien?" warf der Freiherr ein? „Können die Reden Jesu, können seine Gleichnisse, seine Aussprüche, wie wir sie bei den Synoptikern lesen, erfunden sein? Oder hätte Ihr gesamter afrikanisch-asiatischer-europäischer Olymp, Ihr. Osiris, Adonis, Sabbatius und wie die mythischen Herren alle heißen mögen, nur einen einzigen Satz Hintersassen, der den Lehren der Bergpredigt entspräche, der sich auch nur mit dem erhabenen Wort messen könnte, daß,.wer frei von Schuld ist, den ersten Stein werfen solle?" „Vortrefflich, teuerster Mitbruder," rief der Pastor; „aber diese so einfache und doch so entscheidende Wahrheit war mir damals vor lauter astralen Mythen und komparativer Symbolik noch nicht aufgegangen oder noch immer abhanden gekommen, und ebenso fehlte mir damals noch jede richtige Würdigung der neun Grundsäülen eines wahrhaft wissenschaftlichen Lebens Jesu." „Was verstehen Sie unter diesen neun Grundsäulen?" fragte der Freiherr verwundert. „Nun,, jene Stellen im Markus- und Matthäus-Evangelium, die der Verehrung des Herrn eigentlich zuwiderlaufen, wie insbesondere die Stelle, daß ihn seine Angehörigen sür geisteskrank hielten und suchen ließen." „Ja, mein werter Herr Kveisrichter! Mein Glaube wurde damals so erschüttert, daß mir nur die Wahl blieb, ein Heuchler zu werden, indem ich predigte, was ich nicht glaubte — doch so tief war ich gottlob auch damals nicht gesunken — oder ein anderes Studium zu ergreifen, Doch dazu fehlte mir die Neigung und auch die finanziellen Mittel. So entschloß ich mich, meinem verfehlten Leben freventlich selbst ein Ziel zu setzen. Verzweifelt eilte ich. dem Flusse zu. Der Weg hinab' führte durch ein elendes Gäßchen, in dessen kleinen Läden alter Plunder von Trödlern seilgehalten wurde. Unwillkürlich haftete mein Blick an einem Ladenschilde, dessen hebräische Buchstaben mir vom Studium her gut bekannt waren. Daß es Hebräer gab, war doch wenigstens nicht Täuschung und Legende. (Fortsetzung folgt.) .

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