Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 40 (1.10.1913)
- Date
- 1913-10-01
- Page
- Seite 479 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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479 Akrikguilche Klauberei. Von G e o r g M in d en. I. n einem alten jüdischen Geschichtenbuche las ich einmal, A daß Hillel auf die Frage, warum die „Afrikim" „breite Füße" haben, geantwortet habe: „Sie wohnen zwischen „Gemüs" (d. i. Moor) und Sümpfen,' und deshalb haben sie breite Füße, um besser gehen zu können. Wenn sie schmale Füße hätten, würden sie in die „Gemüse" fallen." So oft ich afrikanischen Boden betrat, und dies ist« dreimal der Fall gewesen, fiel mir' diese tiefgründige, geographisch-anthropologisch-anatomische Bemerkung ein, welche schon lange vor Darwin die Anpassung der Organismen an die Umgebung lehrt. Ich will aber gleich bekennen, daß ich eine Bestätigung derselben weder in bezug auf die Füße, noch auf die Sümpfe gefunden habe. Was ich dem Leser hier bieten will, sind auch keine wissenschaftlichen Untersuchungen hierüber, sondern einige flüchtige Beobachtungen über unsere Glaubensgenossen in jenen Gegenden. Sie sind vielleicht nicht ganz so ungetrübt von jeder Sachkenntnis, wie die angeblich Hillellsche Antwort, aber sie beanspruchen nicht, als „Studien" zu gelten. Mein erster afrikanischer Besuch galt Tanger. Unsere Glaubensgenossen in Marokko stammen von jenen Sephardim ab, die in dein Fahre, in dem Kolumbus Amerika entdeckte, von den „katholischen Königen" Ferdinand und Jsabella aus Spanien vertrieben wurden. In letzter Zeit ist dem Kolumbus selbst jüdische Abstammung zugeschrieben worden; betreffs einiger seiner Schisfsgenossen ist das schon früher behauptet worden. Jedenfalls eröffnete seine Tat die Gelegen-, heit, daß nach Jahrhunderten dort jüdische Gemeinden von einer Großartigkeit entstanden, wie sie wohl vorher nie, .auch nicht in Palästina, vorhanden gewesen sind. Doch ich will nicht länger von Afrika abschweifen. In Marokko hatten die Juden kein sehr gutes Leben. Die Herrscher des maghreb (Abendland, maarib) waren halbwilde Tyrannen; die Juden waren in besonderen Ghettos, dort mellah genannt, zusammengedrängt. Sie durften zwar Handel und Gewerbe treiben, aber was sie erwarben, war bei den vielen blutigen Umwälzungen dem Raube der Moslim preisgegeben. Sie sind an der Tracht kenntlich. Die Män-. ner tragen einen schwarzen Kaftan, von einem breiten bunten Gürtel zusammengehalten, die Frauen eine eigentümliche Kopfbedeckung. Die Gestalten der Männer zeigen im allgemeinen einen stolzeren Wuchs als die osteuropäischen Juden. Sie sind ganz und gar Orientalen, wie überhaupt Tanger mit seinen engzusammengebauten Straßen, mit seiner malerischen Farbenpracht, mit seinen aus der Wüste stammenden schwarzen und braunen Besuchern zu den charakteristischsten Städten Nordafrikas gehört. Vielleicht hat sich dies in den letzten acht Jahren nach der Konferenz von Algeciras, die unserem Aufenthalte dort unmittelbar folgte, etwas geändert. Groß wird der Unterschied schwerlich sein. Einen merkwürdigen Gegensatz dazu bildete die in der Synagoge befindliche Schule der Alliance JsraÄite. Die Kinder machen dort einen ganz zivilisierten Eindruck. Wir hielten uns nicht lange in der Schule auf; denn die Schüler wurden durch unser Erscheinen sichtlich zur Unaufmerksamkeit verleitet. In das Innere des Landes drangen wir nicht ein. Nachdem das Interesse an Afrika durch diesen Besuch geweckt war, hatten wir Sehnsucht, nach dem dunklen Erdteil zurückzukehren; es war uns auch einige Jahre später vergönnt, das französische Nordafrika, Algerien und Tunesien zu bereisen. Die Hauptstadt Algier ist wegen ihrer wundervollen Lage am Meer und chres paradiesischen Klimas längst ein Lieblingsaufenthalt der vornehmen europäischen Welt geworden. Hier sind viele mohammedanische Prachtbauten erhalten, die zwar nicht mit der Alhambra und dem Dom von Cordova wetteifern können, aber an jene Wunderwerke der Architektur doch lebhaft erinnern. Algier hat moderne Hochkültur mit orientalischem Einschlag. Die algerischen Juden haben sich schnell in Franzosen verwandelt. Das Ministerium Cremieux brachte, ihnen volle Gleichberechtigung, während die Araber noch keine politischen Rechte haben. Dann kam einige Jahrzehnte später die Reaktion in Gestalt einer antisemitischen Sturzwelle, die aber jetzt überwunden zu sein scheint. Der algerische Jude unterscheidet sich kaum vom christlichen Franzosen. Wir suchten den jüdischen Friedhof auf, der in der Vorstadt St. Eugene gelegen ist am Fuße der Steilküste, auf deren Gipfel die vom Kardinal Lavigerie geweihte Kirche Notre-Dame dAfrique thront. Auf dem Friedhofe trafen wir einen Herrn, der sich als Commissaire, das heißt Mitglied der Chewrah Kadischah, zu erkennen gab und unsere Fragen in liebenswürdiger Weise beantwortete. Die neueren Gräber sind meist im italienischen Geschmack mit jenem Uebermaß an Skulptur allsgestattet, das uns in den Camposanti so eigentümlich berührt. Das biblische Verbot, die menschliche Gestalt darzuftellen, über welches sich die Amsterdamer Portugiesen ungeniert hinwegsetzten, ist in Algier in merkwürdiger Weise umgangen. Ein Marmorsarkophag zum Beispiel trug eine mit einem Tuche bedeckte menschliche Gestalt, deren Füße sichtbar blieben; das Gesicht aber war halb verhüllt. Ein anderes Grabmal zeigte eine kindliche Figur mit einem verstümmelten Ohr. Durch die Verletzung sollte angedeutet sein, daß es kein wirkliches Porträt sei. Eine Inschrift lautete: David Cohen Bakri, interprete judieiaire deeede Alger 15. 5. 1885 ägc de 71 ans. Ein Grabmal stellte einen Sarkophag unter einem von korinthischen Säulen getragenen Baldachin dar. Der älteste Teil des Friedhofes enthielt ein aus Bab-el-Oued herübergebrachtes Grab. Ganz alte Inschriften waren, Jsaac Barfal, Fest. 1408, 81 Jahr alt und Simon Duran, gest. 1414, 82 Jahr alt. Wir erkundigten uns bei unserem Commissaire nach den Gemeindeverhältnissen. Wie in Frankreich, waren früher der grand rabbin und die rabbins Staatsbeamte. Nach der vor einigen Jahren durchgeführten Trennung von Kirche und Staat sind die Rabbiner ebenso wie die katholischen Priester ihrer Staatsbeamteneigenschaft entkleidet worden; auch zählt der Staat nicht mehr ihre Gehälter. Eine Frage möchte ich hier einfließen lassen, über die ich um Aufklärung bitte. Auf unseren deutschen Friedhöfen werden die Gräber, der Cohanim bekanntlich durch die zusammengelegten Hände, das Zeichen des Duchan, kenntlich gemacht. In Afrika fand ich nun vielfach die Hände etwas anders gezeichnet: Nur die beiden Daumen berühren sich; die zweiten und dritten Finger sind senkrecht gerade in die Höhe gerichtet, die vierten und fünften zusammengekrümmt. Dieselbe Handstellung findet man aber überall in mohammedanischen Ländern als „Fatmehand". Sie stellt ein den Fluch, den „bösen Blick" abwehrendes Amulett dar. Ist vielleicht zwischen dieser den Fluch abwehrenden Fatmehand und den den Segen anzeigenden Cohanimhänden ein uralter Zusammenhang vorhanden? Wir besuchten am. 8. Pessachtage eine Synagoge in Algier, und zwar die orthodoxeste. Sie bildet einen schönen Zentralbau mit gewaltiger Mittelkuppel und ist vor ungefähr hundert Jahren, also noch unter der Herrschaft des arabischen Deys, erbaut. Viele beturbante Beter, also nicht Bewohner der Stadt, nahmen hier am Gottesdienste teil. Predigt findet nicht statt, da der grand rabbin nach seiner Entstaatlichung nach Lyon verzogen und ein Nachfolger nicht gewählt ist. Die Frauengalerie war verschlossen; meine Frau wurde vom Schammes in den Männerraum gewiesen. ’ (Schlusr folgt.)