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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-10-01 · Heft 40 (1.10.1913) · p. Seite 478

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 40 (1.10.1913)
Date
1913-10-01
Page
Seite 478 (sequence 10)
Language
German
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zunehmen, und wird um so dringender, als Griechen, Armenier und syrische Christen weit von 'der Duldsamkeit den Israeliten gegenüber entfernt sind, die den Türken zugebilligt werden muß. Zum Glück haben zwei große jüdische Körperschaften diese Tatsache in vollem Maße begriffen und sind mit rühmlicher Tatkraft an ihre Beseitigung gegangen: der Hilssverein der deutschen Juden und die Zionistische Vereinigung. Sie haben in Palästina ein jüdisches Lehrer- und ein Lehrerinnenseminar geschaffen, mit Programmen, wie sie dem Boden entsprechen, auf dem ihre Zöglinge zu wirken haben; zwei jüdische Gymnasium, eine jüdische Kunst- und Gewerbeschule; und die Eröffnung einer Realschule und eines Technikums in dem aufblühenden Hafenorte Haifa am.Karmel steht unmittelbar bevor. Es fehlte die Krönung des Gebäudes: die jüdische Universität in Vorderasien. Der elfte'zionistische Kongreß, der vor wenigen Wochen in Wien abgehalten wurde, hat die Gründung einer solchen Universität in Jerusalem beschlossen und sofort dafür die vorbereitenden Maßregeln beschlossen. Schon sind in wenigen Tagen 600 000 Frank für diesen Zweck gesammelt. Ein bewundernswürdiges und vielversprechendes Ergebnis! WelcheStellung auch ein jeder von uns zumZionismus einnehmen möge, diesen Beschluß wird ein jeder seiner Glaubensgemeinschaft treue und für seine Glaubensbrüder warm empfindende Jude mit Freude, ja mit Begeisterung begrüßen. Freilich kann man verschiedener Meinung darüber sein, ob der Ort für eine solche Anstalt, gerade Jerusalem, diese Hauptstadt eines weltentlegenen, armen, lediglich ackerbautreibenden Ländchens sei, ob sie nicht besser mehr dem Mittelpunkte des türkischen Reiches näher und an einem Verkehrszentrum angelegt würde. Aber dieser Umstand ist von untergeordneter Bedeutung. Unbedingt zu verwerfen ist dagegen, daß die ausschließliche Unterrichtssprache an der Universität die hebräische sein soll. Gewiß soll die neue Universität auf jüdischer Grundlage beruhen; gewiß muß das Hebräische seinen voll berechtiglen Platz in den Vorlesungen haben, muß einzelnen Disziplinen zugrunde gelegt werden. Jedoch es zur alleinigen Unterrichtssprache erklären, heißt dieser großen jüdischen Institution von vornherein den Charakter engherzigen Nationalismus und strenger Ausschließlichkeit verleihen, der dem Judentum und den Juden in der Vergangenheit schon so großen Schaden bereitet hat. Es heißt, nicht allein sämtliche Nichtjuden von der Universität fernhalten, sondern auch die ungeheure Mehrheit jüdischer Studenten, für die das Hebräische nicht Umgangssprache ist. Es heißt, die Studentenschaft so ziemlich aus die Zöglinge der zionistischen Gymnasien in Jaffa und Jerusalem beschränken. Damit wäre die Universität schon von vornherein zum Siechtum, ja zum Untergange verurteilt, ihre Wirksamkeit zumal für die nichtpalästinensischen Juden des Orients aufgehoben. Wir hegen zu der Einsicht der zionistischen Leitung das feste Vertrauen, daß sie bald von diesem verderblichen Wege ablenken wird. Um so mehr, als er ein unmöglicher ist. Wir wissen nicht, ob die neu-hebräische Sprache überhaupt schon imstande ist, die technischen Ausdrücke für Medizin und Naturwissenschaft in vollem Umfange darzubieten. Aber keinesfalls wird es eine genügende Anzahl wirklich wissenschaftlich methodisch vorgebildeter und wissenschaftlich befähigter Dozenten geben, die hebräisch vortragen könnten. Und andere, als vollwertige akademische Lehrer kommen doch wohl nicht in Betracht, wenn die ^geplante Universität wirklich zum Segen und zur Zierde des Judentums gereichen soll. Also an diesem Umstande wird die Absicht, die hebräische zur alleinigen Unterrichtssprache zu machen, schon von vornherein scheitern. Hebräisch, Arabisch, Deutsch — das scheinen mir für die nächsten Zeiten die drei natürlichen Unterrichtssprachen an der Universität sein zu. müssen. Denn Arabisch ist-die Landessprache, und Deutsch wird von allen aschkenasischen Juden verstanden. Der Segen, der von dieser jüdischen Universität, wenn sie wirklich den berechtigten Anforderungen entspricht, ausgehen wird, ist ein großer, umfassender. Sie wird jüdische Aerzte, Rechtskundige, Verwaltungsbeamte für den ganzen Orient, Lehrer für die höheren jüdischen Schulen in Jerusalem, Haifa, Jaffa, und wo solche noch begründet werden, ausbilden. Sie wird auch Professoren für die Universität selbst heranziehen. Sie wird die Achtung vor der Wissenschaft und das Streben nach ihr unter der jüdischen Bevölkerung verbreiten. Sie wird die Selbstachtung der levantinischen Israeliten erhöhen und der Geringschätzung ein Ende machen Helsen, mit der die Christen in Kleinasien und Syrien auf sie hinabsehen. Die Juden werden aufhören, ein gänzlich vernachlässigtes Element in der vorderasiatischen Völkermischung zu bilden, sie werden in den Stand gesetzt werden, durch tüchtige und genügend vorbereitete Führer aus der eigenen Mitte den gebührenden Einfluß in jenen Landen zu gewinnen. — Kurz, von der Begründung der Universität, zumal in Verbindung mit der Ingenieur- und Werkmeisterbildungsanstalt in Haifa, wird eine neue, schönere und würdigere Zeit für die vorderasiatische Judenheit ausgehen. Nach innen uni) außen wird sie zur Höhe eines wichtigen und vollberechtigten Kulturfaktors in der schnellen Entwickelung des türkischen Orients sich entfalten. Das ist der hauptsächliche Nutzen, den hie neue Universität stiften wird. Aber sie wird einen solchen auch für'die außerasiatische Judenheit bringen, und zwar in bedeutendem Maße. Der großen Mehrheit der studierenden russisckpjüdischen Jugend ist, wie man weiß, der Zugang zu den heimischen Universitäten versagt, und auch im Ausland macht man ihr je länger desto mehr Schwierigkeiten. Die Universität Jerusalem wird ihr weit die Tore öffnen. Die jüdischen Gelehrten, die der innerste Berus zur akademischen Laufbahn treibt, finden nur selten und, wenn überhaupt, so doch spät den Weg zu einem Lehrstuhl —hier können sie, sobald sie sich dessen würdig erwiesen haben, ihre angemessene Verwertung und Belohnung erhalten. So werden auch die schmählichen Massentaufen, der in ihrem Studium behinderten Jünglinge, die Ueber.tritte der eine Professur anstrebenden Meister vermieden, eine traurige Quelle von Ungerechtigkeit und Unmoral verstopft werden. Es ist klar, daß der Ausbau der neuen Universität nur allmählich geschehen kann, nach dem Maße der vorhandenen Geldmittel. Die Begründer der Anstalt denken deshalb zunächst an die medizinische Fakultät, deren Anlägekoste.n mit Hospital und Instituten auf 1A Millionen, deren Jahresausgaben auf 240 000 Frank berechnet werden. Dann an dre juristisch-staatswissenschaftliche Fakultät, für deren Gebäude man nur 150 000, für die Jähresausgabe 75 000 Frank in Aussicht nimmt. Es wäre die dringende Pflicht wohlsituierter Glaubensgenossen, auch außerhalb der zionistischen'Kreise, für diese notwendige und segensreiche Gründung mit beträchtlichen Beitrügen, einmaligen wie jährlichen, mitzuhelfen. Sie würden dann auch die Möglichkeit eines Einflusses aus die Gestaltung der universitären Einrichtungen gewinnen können. Es handelt sich hier um die Schaffung eines Weges, um nicht nur Tausende der Besten, Klügsten und Idealgesinnten unter unseren östlichen Brüdern zum Ziele ihrer Lebensarbeit zu führen, sondern auch der halben Million in der Türkei wohnender Juden die Fähigkeit zu geistigem, sozialem und ökonomischem Aufschwünge zu verleihen, sie mit den notwendigen Waffen für den. Wettkamps mit den. übrigen Volksteilen des Orients auszurüsten. Es ist eine der größten und schönsten Aufgaben, die die Judenheit sich je gestellt hat.

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