Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 40 (1.10.1913)
- Date
- 1913-10-01
- Page
- Seite 477 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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477 weit des Individuums ebenso wie für die Großwelt der Völker und Nationen, Rassen und Religionen. Menschen ohne Erwartungsgefühle für die Zukunft, ohne Hoffnungen, ohne Spannungen müssen mit der Zeit seelisch verarmen, erschlaffen, vergreisen. Alles Aufstrebende, Emporarbeitende und Hochgemute empfängt seinen unterirdischen Energiequell, der die Zuversicht -speist, aus seinen Erwartungsgefühlen. Der „Sinn für die Zukunft" ist infolge dieser ihnen angezüchteten Erwartungsgefühle bei den Juden besonders stark entwickelt. Unser Blick ist immer vorwärts gerichtet, sogar „bis ans Ende der Tage". Wir lobpreisen nicht die Längstvergangenheit, wie die buddhistische Nirwanalehre, sondern jauchzen der kommenden Beglückung und Vervollkommnung des Menschengeschlechts entgegen. Daher erklärt sich auch psychologisch die vielfach als Affenliebe verspottete Fürsorge der Juden für ihre Kinder und Enkel, für die man selbst darbt, nur damit sie es besser haben. Man überträgt die Erwartungsgefühle von der eigenen Aussicht, die für manche fragwürdig geworden ist, auf das „Kinder- und Enkelland", weil man, wie die Monade bei Leibniz, zukunftsschwanger ist. Diesen Zukunftserwartungen bleiben wir unentwegt treu, denn sie geben uns Halt und Rückgrat im mörderischen Kampf um unser seelisches Gleichgewicht. Solche. Ideale firUb gleichsam das Sammelbecken, aus welchem unsere Persönlichkeit ihren Lebenswert, ihre Daseinsfreude, ihre Schaffenskraft schöpft. An so gearteten Idealen ehrfurchtlos herumzausen, heißt Heiligenschändung treiben. Denn diesen aus Erwartungsgefühlen erwachsenen Idealen danken wir es, daß wir uns durch die Jahrtausende unbeirrt behauptet haben. Natur und Geschichte künden gleicherweise, daß Plan, Sinn, Ordnung und Zusammenhang im Weltall herrschen. Nur nennen wir die Ordnung in der Natur das Weltg es etz und den Zusammenhang der Geschichte den Weltenzweck. Zureichender Grund für die Erklärung beider Ordnungssysteme ist Gott als logische Voraussetzung der Welt. Line jüdische Anioerütüt im Orient. Won Martin Philippson. er Orientkrieg ist beendet. Das wilde Morden hat aufgehört, und die Völkerschaften deS Ostens rüsten sich, durch emsige Friedensarbeit die ihnen geschlagenen Wunden zu heilen unid ihren zerstörten Wohlstand herzustellen. Das türkische Reich scheint ohne großen Kummer den Verlust säst aller seiner europäischen Provinzen zu ertragen. Wird es sich in Asien erhalten können oder auch da eine Beute -fremder Mächte werdend Niemand vermag es vorauszusehen. Jedenfalls -wetteifern die europäischen Nationenunterein-ander, sich in dem türkischem Vorderasien sestzusetzen, zunächst -auf ökonomischem- Gebiete, durch Dienste, die sie dem materiellen Aufschwünge jener weiten, durch ihre Natur einst blühenden und für die Zukunft wieder zur Blüte berufenen Lande leisten. Eine gewaltige Entwicklung steht Vorderasien bevor: es handelt sich nur darum, welche unter -den es bewohnenden- VolksftämMen sich in eingreifender und versprech-ender Weise an ihr beteiligen wird. Die bisherige Erfahrung spricht nur sür die Griechen in erster, sür die Armenier in zweiter Lime. In allen Handelsstädten der Levante -wiegen diese Elemente vor und bemächtigen sich immer, mehr der -maßgebenden Stellung. Die .Reeder, die Großkaufleute, die Bankiers, die Fabrikanten und Werkstättenbesitzer, die Kapitäne, die Aergte und Rechtskundigen sind überall Griechen oder doch Armenier. Auch auf dem Lande dringt das Griechentum, wenigstens in Kleinasien und Nordsyrien, unaufhaltsam vor. Und die Juden? Die Juden-, -die jetzt schon 400 000 Seelen umfassen, und deren Zahl'sich durch die vussisch-Polnisch-rumänische Immigration beständig nrehrt? Sie spielen dort bisher eine mehr als bescheidene Rolle. Sie gehören in ihrer ungeheuren Mehrheit zu den unt-ersten -Ständen,: Trödler, Hausierer, kleine Handwerker, Kommissionäre und Vermittler jeder, auch der bedenklichsten Art. Sie bewohnen -das schmutzigste und armseligste -Viertel der Stadt. Günstigstenfalls arbeiten sie in den Werkstätten für den griechischen oder den armenischen Kaufherrn. Eine Ausnahme bilden bloß wenige Palästinensische Orte, auf die der befruchtende Goldregen der jüdischen Kolonisation oder der Auswandererstrom aus Rußland günstig gewirkt haben. So steht es seit Jahrhunderten, und so ist -es -bis auf den heutigen Tag geblieben. Wenn -wir uns fragen, wie solche Zustände -bei der doch unzweifelhaften- Intelligenz des jüdischen Stammes möglich sind, so ist neben der starken Macht einer säkularen U-eberlieferun-g die Unbildung hervorzuheben, in der die lev-antinischen Juden verharren. Und die Schulen der „Alliance Jsraelite Universelle", die schon seit beinahe einem -halben Jahrhundert im Oriente tätig sind-? Gewiß sind die Bemühungen der „Alli-anoe" um die Persönliche Sicherheit und die geistige Hebung der dortigen Juden sehr löblich. Aber in letzterer Beziehungsind sie leider, trotz der ungeheuren daraus verwendeten Mittel, -im ganzen unfruchtbar geblieben, wie jeder bestätigen wird, der die Levante kennt, das heißt, durch Persönliche Anwesenheit und nicht aus etwaigen Berichtenanderer, und dem nicht Potemkinsche Dörfer vorgezaubert werden. Unter den mannigfachen Gründen für diese betrübende Tatsache sind zwei hervorzuheben: einmal der rem abendländische, dem Wesen, der Anschauung und den Bedürfnissen des Orients ganz srenide Charakter dieser Schulen, und dann vor allem der Umstand, daß die Kinder zu früh — -mit dem Ende des dreizehnten. Jahres — entlassen und im bildungsfähigsten Alter den üblen Einwirkungenihrer Familie und Umgebung wieder überliefert wevd-en. Da verlernensie bald jedes höhere Streben, die oberflächliche, -abendländische Kulturfärbun-g, den Sinn für körperliche und moralische Reinlichkeit, die ihnen in den Schulen beigebracht waren. ' Wenige Jahre, und sie gleichen ihren Vorfahren und Eltern und vergessen, -was sie in der Schulzeit gelernt haben,. Nur die Begabtesten unid Kühnsten unter ihnen fetzenihre Kulturbestrebungen in Europa fort -und verachten Heimat und- Glaubensgenossen. Die Beschränkung des Unterrichts auf Elementarschulen hat noch eine weitere schlimme Wirkung. Es fehlt dadurch dem jüdischen Volkselement der belebende Geist, der sichvon der höheren Bildung und der Wissenschaft auf alle Stände und besonders auf den gesamten Lehrerberus -erstreckt. -Ein Volk ohne das Licht und die Wärme wahrer und voller Bildung, ein Lehrertum, das von dieser nicht gehoben und durchdrungen ist, sind zum Wettkampf der -heutigen Zivilisation unfähig. Die christlichen Völker haben -diese Notwendigkeit für ihre orientalischen Glaubensgenossen längst erkannt. Die Engländer haben protestantische Fakultäten in Kon-stantinopel errichtet: die Presbyterianischen Amerikaner eine naturwissenschaftliche u-ndmeidizinische in-Beirut; die französischen Jesuiten in letzterer Stadt di-e Universität des heiligen Joseph. Selbstverständlich besitzen diese Institute auch Vorbereitungsanstalten, unseren Gymnasien und Realgymnasien vergleichbar. Alle diese Einrichtungen tragen nicht allein streng konfessionellen, sondern geradezu propagandistischen Charakter -und -gehen aus die Bekehrung 'andersgläubiger Zöglinge -aus. Die Türken haben sich deshalb injüngster Zeitveranlaßt -gesehen, in Beirut -eine -eigene mohammedanische Universität zur Ausbildung von Aerzten und Rechtskundigen zu begründen. Die Juden aber beharrten in -dem traurigen Zustande geistiger Inferiorität, die für sie zur Ursache auch ökonomischer -und gesellschaftlicher Unterordnung wurde. Die Gefahr aber -wächst, je mehr die christlichen Bevölkerungen an Bedeutung