Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 40 (1.10.1913)
- Date
- 1913-10-01
- Page
- Seite 476 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3229069-3229110--69805-3282127- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
476 Friedländer, letzteres nach einer Miniature ans einer Tabaksdose, sowie das des Friedländerschen Stammhauses hier zu veröffentlichen. Es wäre sehr zu wünschen, daß manche jüdische Familie, mögen nun ihre Nachkommen noch dem Judentum angehören oder ihm entsremdet sein, sich entschlössen, ähnliche Bücher herauszugeben. Wir würden dadurch einen Schatz von Familrenerinnerungen und Gedenkblättern aus der Vergangenheit erlangen, der eine wirkliche Bereicherung der Familiengeschichte genannt werden müßte. Matur und Geschichte. Von Prof. Dr. L u d w i g S t e i n. f|2 me tiefe Sehnsucht hat die Besten ergriffen. Man lechzt nach neuen Ewigkeitswerten. Mit Wehmut beobachten die Ernsteren und Reiferen, wie plumpe Finger die akten Tafeln in Scherben schlagen, ohne die aufbauende Kraft zu besitzen, neue an deren Stelle zu setzen. Von der Negation können wir nicht leben. Soll unser Dasein einen Sinn haben, so muß es sich mit neuen Idealen füllen, wenn die alten verblassen. Aus diesem heißen Drang nach höheren Lebensinhalten erwachsen jene populärphilosophischen Strömungen und Bewegungen, die uns allerorten entgegentreten. Hie Monistenbund, hie Keplerbund! Dort das Feuerbachsche: Begnüge dich mit der gegebenen Welt, hier das unstillbare Verlangen, vom Sinnlichen zum Uebersinnlichen, vom Wissen zum Glauben eine Brücke zu schlagen. Die einen berufen sich auf den Prozeß der Natur, der lückenlos äbläuft und kein Eingreifen übersinnlicher Gewalten gestattet, die anderen auf die Tendenzen der Geschichte, die offenkundig einen „Finger Gottes" aufzeigen. Wir wollen hier aufzeigen, wie sich ein abgeklärtes Judentum zu den Problemen von Natur und Geschichte verhält. Kant sagt einmal: Die wirklichen letzten Realitäten sind die Gedanken Gottes. Auf diesen Boden vermag sich das Judentum zu stellen, um von hier aus der Probleme von Natur und Geschichte Herr zu werden. Die Naturwissenschaft ermittelt die Gedanken Gottes, indem sie die Ordnungsserien der Außenwelt nach den strengen Gesetzen von Maß und Zahl untersucht und das ganze Ordnungssystem des Universums in mathematische Formeln kleidet. Diese „mathematische" Methode ist indes auf den Prozeß der Geschichte nicht anwendbar, wenngleich auch hier feststeht, daß ein gewisser Rhythmus der Ereignisse nachweisbar ist, wie ihn beispielsweise die Moralstatistik aufzeigt. Nicht bloß das „Sein", sondern auch die „Handlungen" der Menschen, die den Geschichtsprozeß konstituieren, zeigen Ordnung, Zusammenhang, Regelmäßigkeit, ja Periodizität. Also äußern sich die Gedanken Gottes, von denen Kant spricht, im Geschichtsprozeß nicht minder als im Naturprozeß. Kant fordert in seiner teleologischen Geschichtsauffassung einen „regelmäßigen Gang der Weltgeschichte". Es müssen daher nach Kantscher Auffassung auch die Schicksale der- Völker in den „Gedanken Gottes" irgendwie vorgebildet und begründet sein. Wir-sehen die Lösung der Probleme vonNatur und Geschichte vorn Standpunkte der Geschichte des Judentums aus in folgender Unterscheidung. Die Natur ist das Reich der strengen Gesetze. Die „Gedanken Gottes" sind im Naturprozeß, der mechanisch-kausal verläuft, als Naturgesetze verwirklicht. Der Geschichtsprozeß hingegen zeigt keine Gesetze, sondern nur Zwecke, denen die „Gedanken Gottes" zustreben. In der Natur bedienen wir uns daher mit vollem Recht der kausalen, in der Geschichte dagegen der teleologischen Erklärungsweise. Dort gibt es Gesetze, die wir k e n n e n, hier nur T e n d e n z e n, an die w ir g l a u b e n. Das Wißen befriedigt unseren Erkenntnistrieb, der Glaube unsere Erwartungsgefühle. Das Wissen erschließt uns den . Sinn der Natur, der Glaube den Sinn der Geschichte. In der Natur herrscht ein strenges Ordnungssystem, weil Gott als ewiges Ovdnungsprinzip der Welt die logische Voraussetzung ist, daß es überhaupt eine Welt gibt, und im Prozeß der Geschichte offenbaren sich Entwicklungstendenzen zur Höherbildung des Typus Mensch, weil der Gott in der Geschichte kein anderer ist, als der Gott in der Natur( Der Geschichtsprozeß muß ebenso einen logischen Sinn in sich bergen, wie der Naturprozeß. Insbesondere muß die Geschichte jenes Stammes, der sich als einzig Ueberlebender aus den Trümmern der alten Welt in die unsrige hinübergerettet hat, irgendeinen verborgenen Sinn haben, wenn anders das Universum keinen tollen Traum eines schlafenden Gottes darstellen, soll. Diesen Sinn der Geschichte zu ermitteln, ist dem Glauben als Aufgabe zugefallen. Der Mensch soll zur Humanität herangebildet werden, das ist der verborgene, unterirdische 'Plan der Geschichte. In diesem Erziehungswerk des Menschengeschlechts von der.Bestialität zur Humanität hat der zur Weltherrschaft bestimmte homo sapiens zwei Schulen zu durchlaufen. Die Elementarschule des Menschengeschlechts heißt: Natur, weil sie die „Gedanken Gottes" in vollendeter logischmathematischer Ordnung darstellt. Die Hochschule des Menschengeschlechts aber heißt: Geschichte, welche die Ziele und Aufgaben, die Schicksale und Bestimmungen der Völker und Nationen zum Inhalte hat. In der Elementarschule.der Natur lernt der Mensch das Alphabet, in der Hochschule der Geschichte den tiefsten Sinn der Welt. Dort ist alles zusammengetragen, was man von der Welt weiß, hier ahnungsvoll gedeutet, was man von der Bestimmung des Menschen auf Erden und dem Sinn unseres ganzen Lebens fühlt. Wo dem Wissen eine letzte Grenze gezogen ist, da hat der Glaube einzusetzen. Einen solchen Glauben an das Erziehungswerk der Geschichte zur „vollkommenen Kultur der menschlichen Gattung aus eigener Vernunft" (Kant) kündet die Prophetenreligion seit dreitausend Jahren. Die Prophetenreligion ist keine Vergangenheits-, sondern eine Zukunftsreligion. Die Griechen schenkten der Welt Dichter, bildende Künstler, Denker und Forscher, die Römer Gesetzgeber, Techniker und Feldherren, die Juden nur Propheten. Prophetie heißt: Zukunstsdeutung. Gewiß, auch die Wissenschaft kündet die Zukunft. Sieht doch sogar der Begründer der positivistischen Philosophie in Frankreich, Auguste Eomte, den letzten Zweck aller Wissenschaft im voir, pour prevoir, das heißt in der Voraussage des Kommenden. Deswegen gilt die Astronomie von jeher als das Modell aller exakten Wissenschaft, weil ihr gelingt, Sonnen- und Mondfinsternisse auf Jahrtausende mit unfehlbarer Präzision vorauszuberechnen. Aber etwas anderes ist die Voraussage des kosmischen Geschehens, das unabänderlichen Naturgesetzen -unterworfen ist, und wieder etwas anderes die Verkündigung von Völkerschicksalen, die aller exakten Berechnung widerstreben. Dort und nur dort gibt es ein W i f s e n, hier ein instinktives Fühlen. Dort entscheidet der Intellekt, hier die Intuition. Die Propheten berechnen nicht die Zukunft, wie die Astronomen, sondern sie erwecken nur Erw artungsgesühle für die Zukunft des Menschengeschlechts. Die Prophetenreligion ist keine Rückwärtsprojektion, wie der Buddhismus, sondern eine Vorwärtsprojektion wie die Zarathustralehre. Die Anhänger der Prophetenreligion sind seit drei Jahrtausenden durch die Mefsiasidee systematisch zum Glauben an die künftige Vervollkommnung des Menschengeschlechts erzogen worden. Und so erklärt es. sich, daß die Erwartungsgefühle bei den Juden stärker entwickelt sind, als bei den Anhängern anderer Religionen-. Ein starkes Erwartungsgefühl für die Zukunft Haben, bedeutet aber für jeden Menschen ein-Gnadengeschenk feiner (meist vererbten) Instinkte, die -ja ihrerseits nur den Niederschlag aufgespeicherter Gattungserfahrüngen .darstellen. Die Erwartungsgefühle sind nämlich Schutz.und:Hort für die Klein-'