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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-10-01 · Heft 40 (1.10.1913) · p. Seite 475

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 40 (1.10.1913)
Date
1913-10-01
Page
Seite 475 (sequence 7)
Language
German
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Joachim Moses war der fünfte Sohn, er nahm den Namen Friedländer an und begründete 1738 zunächst aus den Schutzbrief seines Schwiegervaters Lewin Fischel eine Familie und ein Geschäft von seidenen, schlesischen, Schweizer und holländischen Waren. Trotz vieler Leiden und Bedrückungen brachte er das Geschäft zu hohem Aufschwung. Er hatte zwölf Kinder, von denen David (1750 geb.) das achte war. Joachim Moses war ein wohltätiger, deutsch gebildeter Mann, der wegen seines Ansehens und Reichtums 1764 ein Generalschutz- Privilegium erhielt, das ihm manche Rechte der christlichen Kaufleute zusicherte; im Jahre 1775 erlangte er die vollkommene Gleichstellung mit christlichen Kaufleuten. Das Geschäft und die Familie dehnten sich ungemein aus und erlangten eine außerordentliche Bedeutung durch Verschwägerung mit der Familie des M. Michel David in Hannover und des Joses Beitel Ephraim in Berlin. Er starb am 13. Juni 1776. Von seinen Söhnen setzten Wulff und Meier das väterliche Geschäft fort, Bernhard und Simon blieben gleichfalls in Königsberg und waren auch geschäftlich tätig; David, der 1771 nach Berlin ging, begründete mit dein Kaufmann Gardein eine Seidenfabrik, ist aber, wie bekannt, nicht nur als Kaufmann, sondern als Sammler, Schriftsteller, als Agitator für die Gleichstellung der Juden unermüdlich tätig gewesen. Im Hause des einen dieser Söhne, Meier, lebte eine Zeitlang Isaak Abraham Euchel, der seine „Gebete der deutschen, und polnischen Israeliten" einer Tochter des Hauses, Rebekka, widmete. Deutscher Geist waltete auch in diesem Hause, der Kunstsinn wurde gepflegt. Meier Friedländer legte eine Sammlung von englischen Kupferstichen an und besaß eine an Seltenheiten reiche Bibliothek. Auch die übrigen Brüder waren. gebildete Männer, sie hatten freilich mit der christlichen Kaufmannschaft und der von diesen beeinflußten Regierung schwere Händel zu bestehen. Sie trieben einen großen Handel, so daß sie im Laufe von 11% Jahren aus der Preußischen Gold- und Silbermanufaktur in Berlin 335 449 Taler an Gold und Silber erhielten und größtenteils nach Polen und Rußland absetzten, und daß sie mit der Berliner Firma zusammen im Laufe von acht Jahren an seidenen, wollenen und Leinenwaren für 527139 Taler absetzten und in etwa sieben Jahren für 156 570 Taler Rauch- und Pelzwaren versteuerten und verkauften. Freilich erlangten die in Königsberg verbliebenen Brüder kein Generälprivilegium. Ueber alle diese kaufmännischen Angelegenheiten teilt unser Buch sehr wichtige Materialien mit. Ueber David Friedländer selbst, der in den von den Brüdern mit der Regierung geführten Verhandlungen als unermüdlicher Bittsteller, als treuer Berater seiner Familie erscheint, braucht hier nicht viel gehandelt zp werden, da er den Lesern dieser Zeitung durch so manche Veröffentlichung bekannt genug ist. Aber das eine soll auch hier konstatiert' werden, daß dieser wackere und wirklich edle Mann immer nur gewinnt, je mehr man von ihm erfährt. Bei anderen tüchtigen. Menschen kommt es häufig vor, daß sie durch Veröffentlichung unbekannten Materials an ihrem Ansehen Schaden erleiden; je mehr von David Friedländer bekannt wird, desto strahlender wird sein Name, desto rühmlicher erscheint sein Charakter. .Stets uneigennützig, nie ausschließlich Wulff I. Friedländer. Joachim Moses Friedländer. auf seinen eigenen Vorteil bedacht, nur dem wirklich Guten hingegeben, ein tüchtiger Kaufmann, ein freier Denker, ein für alles Schöne, geistig und künstlerisch Hervorragende begeisterter Mann, den Seinen in nie rastender Liebe ergeben, seine Teilnahme dem Allgemeinen zuwendend, von unerschöpflicher Liebe für seine Glaubensgenossen, von echt deutschem Patriotismus erfüllt, so erscheint , dieser schlichte Mann, den wir als einen der Wackersten unserer Gemeinschaft zu bewundern und zu verehren, nie aufhören wollen. Unter den Mitgliedern der Friedländerschen Familie aus der späteren Zeit möge nur der Arzt und Reiseschriftsteller Michael Friedländer, 1767—1824, der ein treuer Jude blieb, ferner Benoni, Davids Sohn, mit seinen „ tüchtigen Söhnen Julius, dem hervorragendem Numismatiker, und Gottlieb, dem tüchtigen Historiker, genannt werden. Schon diese beiden waren entweder als Christen geboren oder in ihrer frühesten Kindheit dem Christentum zugeführt wor-, den. Im Lause der Zeit ist die Friedländersche Familie Wohl in allen ihren Gliedern, sowohl den direkten als indirekten Nachkommen, zum Christentum übergetreten. Durch Verschwägerungen hat sich die Familie außerordentlich ausgedehnt, zu ihr gehören zahlreiche hervorragende und berühmte Männer. Außer den Trägern des Namens Friedländer, die sich vielfach ausgezeichnet haben, mögen nur der Jurist und Parlamentarier Eduard v. Simson, der Maler Bendemann, der Historiker Droysen, dessen Biographie außerordentlich viel Material über die Friedländersche Familie beibringt, genannt werden. Trotz dieser Zugehörigkeit zum Christentum hat die Familie sich stets dankbar an ihren jüdischen Ursprung erinnert; der Verfasser unseres Büchleins, der selbst dem Christentum angehört, sagt einmal: „Die älteste Vergangenheit der Familie gehört dem Judentume an und spiegelt die jüdische Kultur und vor allem jene großen Kämpfe Wider, die das Judentum um die Erlangung der bürgerlichen Gleichberechtigung in Preußen führte. Sie zeigt, daß David Friedländer manche Erscheinungen, die auch heute noch keineswegs überwunden sind, bereits vor 130 Jahren als des Zeitalters der Aufklärung unwürdig beklagte. Vielleicht trägt die vorliegende Arbeit an ihrem Teile ein wenig dazu bei, manche derartige Erscheinung zu bekämpfen. Denn wir haben nicht nur Grund, auf unsere jüdischen Vorfahren stolz zu sein, sondern ihnen auch nach jeder Richtung hin Dank zu zollen". - Das Büchlein, dem die vorstehenden Angaben zumeist entnommen sind, ist hübsch ausgestattet und mit vielen schönen Bildern geziert, die so hübsch sind, daß ich am liebsten alle an dieser Stelle wiedergeben . möchte. Da ich indessen das Bild David Friedländers schon einmal gebracht habe, so ist dessen Wiederholung unnötig; ich muß. aber leider auch darauf verzichten, die Bilder von Benoni, Samuel Wulff, John Friedländer, des Buchzeichens David Friedländers von David Ehodowiecki, das der Amalie Friedländer geb. Heine, einer Cousine Heinrich Heines, die durch viele seiner Lieder unsterblich geworden ist, und der Gräber, meinen Lesern darzubieten. Ich begnüge mich damit, nach besonderer Erlaubnis des Herausgebers unseres Büchleins die Bilder des Wulfs Joachim und Joachim Moses-

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