Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 40 (1.10.1913)
- Date
- 1913-10-01
- Page
- Seite 473 (sequence 5)
- Language
- German
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473 erkennen ist, will ich hier jetzt einen anderen Grundgedanken hervorheben, durch den Professor Bertholet die prophetische Religion zu einer neuen Anerkennung und Bedeutung gehoben hat. Schon der Titel weist auf die Disposition der Rede hin. Die Eigenart der alttestamentlichen Religion bildet das Problem, welches nicht anders als aus der altsemitischen Gemeinschaft heraus gelöst werden kann. Diese Gemeinschaft wird nicht bestritten und nicht bezweifelt; sie bildet vielmehr die selbstverständliche Voraussetzung; aber aus ihrem Grunde erhebt sich um so dringlicher die Frage nach der Eigenart; unb jetzt erst recht entsteht die Möglichkeit einer genauen, wahrhaften Eigenart. Es liegt nahe, vornehmlich in dem Gedanken der Zukunft, des „Endes der Tage" den Grundgedanken und die Eigenart des Prophetismus zu erspähen, da sonst die Mythen aus die Vergangenheit zurückgehen. Indessen selbst für diese Abweichung nimmt Bertholet eine Gemeinschaft mit babylonischen Gedanken an. Um so schärfer aber hebt sich nunmehr die prophetische Eigenart von diesen Anklängen ab: Während nämlich der baylonische Tag der allgemeinen Erwartung als ein Tag des G l ü ck s besungen wird, wird er von A m o s, dem ersten der literarischen Propheten, in den Tag des Ung l ü ck s und des Strafgerichtes umgewertet. „Und das Furchtbarste ist: der so spricht, ist kein anderer als Jahve selbst... ein unerhörter Gedanke, der alle natürlichen Bande, die Gott und Volk sonst zusammenbinden, unbarmherzig zerreißt! Aber für Amos nicht minder natürlich, denn sein e s Gottes eigene sittliche Natur kann nur das Eine verlangen, daß Recht sprudele wie Wasser und Gerechtigkeit wie ein ständig fließender Bach, und wo sie versiegt sind, bleibt einzig die Forderung vernichtenden Gerichtes". So wird der Ursprung des Messiasgedankens in die Gere ch t i g k e i t, und zwar i n die Stras g er e ch t i gkei t gegen d as eigen e Volk verlegt. Nicht Eudämonismus, nicht die Glückverheißung für die Welt überhaupt, geschweige für das eigene Volk, ist sonach der Ursprungsgedanke des Messianismus, sondern vielmehr aus der -Bedeutung Gottes für die Aufgaben und für den Begriff der sittlichen Welt ist die Idee des Messias hervorgegangen. „Die si t t l i che Ho h e i t d er Gottesvorstellung ist einer der markantesten Züge alttestamentlicher religiöser Eigenart." So macht denn letztlich die sittliche Bedeutung Gottes, die Bedeutung Gottes für die Grundlagen der Sittlichkeit, die Eig e nart der alttestamentlichen Religion aus. Nichk im Zauberder Mythologie beruht die Macht des altjüdischen Gottes, sondern schlecht Und recht in der menschlichen Sittlichkeit. Diese Eigenart weist der Redner schon an der Si n t f l u t sag e nach, trotz aller ursprünglichen Gemeinschaft, die. hier mit dem babylonischen Gilgames ch e p o s besteht. Auf die Einschränkungen, die der Redner sowohl religionsgeschichtlich, wie in der Charakteristik einzelner biblischer Stellen macht, gehen wir nicht ein;- sie beeinträchtigen das durchgängige Urteil nicht, welches dahin geht: .die religiöse Bedeutung des biblischen. Gottes in einer ethischen und allgemein wissenschaftlichen Grundansicht zu bestimmen und zu begründen.. „Unter der Einwirkung dieser prophetischen Verkündigung vertieft sich ein Gedanke, den> wenn nicht alles täuscht, schon Mose den Stämmen eingeprägt zu haben scheint, . . . der Gedanke, daß Jahve ein G e sch i ch t e schaffender Gott sei." So erscheint hier der höchste, man könnte sagender letzte Gedanke - der Propheten v o m B e g i n n e der N a - tion an als der Leitgedanke dieses Volkes. Der Messias, in dem wir bereits die sittliche Natur Gottes selbst erkannt haben, er bringt in der Botschaft vom Gotte der Sittlichkeit zugleich die Botschaft von der Geschichte. Und wie die Botschaft des Messias keineswegs schlechthin eine Heilsverkündung für das eigene Volk ist, so wird in der Botschaft der Geschichte der Gedanke der Menschheit erweckt. Denn die Geschichte kann nicht gedacht werden, etwa nur in der Enge des eigenen Volkes, der Begriff der Geschichte fordert in seinen ersten Keimen und Versuchen sogleich den Gedanken der Weltgeschichte. So wird der sittliche Gott, als Gott der Geschichte, zum Gotte der Menschheit. Und so entsteht aus dem Gotte der Geschichte eine neue Erklärung und Bedeutung für denjenigen Begriff, in dem man an sich schon hinlänglich die Eigenart des jüdischen Gottes zu erkennen pflegt: nämlich für den Einzigen Gott. In diesem Zusammenhänge entspinnt sich nun ferner eine interessante Exegese aus dem Worte des I e r e m i a von dem Gott aus der Ferne. Unmittelbar wird darunter nur die Allge ge n w a r t Gottes verstanden. Aber der Gott der Geschichte gibt diesem naiven Worte eine tiefere Bedeutung und Anziehungskraft. Jahve ist nicht an die Scholle gebunden, wie Baal und Astarte, die Götter des Landes, die Götter „von nahebei". „Diese Gottesferne war für den Jahveglauben gleichbedeutend mit Jahves Fähigkeit, in die Ferne zu wirken, und darin lag ein entschiedener Zug, der den Glauben an Jahves G e s ch i ch t e s ch a f f e n d e Macht gewaltig fördern mußte . . . und das macht ihn im Vollsinn des Wortes zum'lebendigen Gott." Aus dieser Wirkung in die geschichtliche Ferne erklärt der überall in die Tiefe, sinnende Forscher das Leben bei Gott: daß er das Leben der Völker, das Leben der Menschen, als Völker, das Leben der Weltgeschichte schafft. Der gelehrte Redner führt auch diesen Gedanken an exegetischen Beispielen durch, und zwar in allen Quellenwerken, welche die Bibelkritik aussondert, und er kommt zu dem bedeutsamen Urteil: „Die Entdeckung der Teleologie in der Geschichte ist der Ruhm der alttestamentlichen Religion." Damit ist allerdings die höchste Anerkennung ausgesprochen, welche vom ethischen und vom kulturgeschichtlichen Gesichtspunkte aus der jüdischen Religion erteilt werden kann. Denn die Teleologie.in der Geschichte bedeutet schlechthin den Sinn derGeschichte. Und der Sinn der Geschichte, das ist der Sinn des mens chlichen Daseins, der in nichts anderem bestehen kann als in demjenigen Leben, in dem das Menschenleben sich unterscheidet von dem der Tiere. Der Sinn des menschlichen Lebens liegt im Völkerleben und in der Entwicklung des V ö I k e r l e b e n s zum Lebender Mensch heit. In dieser Entwicklung gipfelt die Teleologie in der Geschichte. Die Menschheit ist der höchste Zweck der Völker, das letzte Ziel der Menschen. Die Entdeckung der Teleologie in der Geschichte sei das Werk der jüdischen Religion: das ist nicht nur ihr höchster Ruhm; darin besteht alsdann der genaueste Sinn und Wert ihrer Eigenart. Es ist in der Tat die logische Schärfe, welche dem Begriffe der Eigenart beiwohnt, die diesen Forscher zu dieser gedanklichen Präzision emporgeführt hat. Sie hat auch aus diesem Gesichtspunkte heraus seiner Gesamtaussassung des Monotheismus eine Klarheit und Bestimmtheit verliehen, aus welcher die biblische Exegese sicherlich noch tiefe Förderung erfahren wird. „In dieser Verbindung Jahves m it d e r Geschichte darf man wohl den eigenartigsten Zug des alttestamentlichen Gottesglaubens erkennen. Sie bildet den vollen G e g e n s a tz z u all er N atur b e fan g en h e i t der Gottheit.". So wird der Monotheismus, als der Gegensatz zur Natur, aus dem Gegensatz der G e s ch i ch t e gegen die Natur erläutert und dadurch in der Tat erst genau bestimmt. Nebenbei wird es so auch erklärt, „daß im alttestamentlichen Gottesglauben jeder Gedanke an eine weibliche Gottheit ausgeschieden ist. Gharakteristischerweise besitzt