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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-10-01 · Heft 40 (1.10.1913) · p. Seite 471

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 40 (1.10.1913)
Date
1913-10-01
Page
Seite 471 (sequence 3)
Language
German
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wir ohne Scheu und ohne Klügeln und ohne Zaudern ihnen so voraller Welt laut zuriefen: Glaubensbrüder, wir sind mit euch, wir verwahren uns alle mit euch gegen die ungeheuerliche Verleumdung gewissenloser Demagogen, die es verstanden haben, bis zum Zarenthron vorzudringen! Oder würde es dem Ansehen der Berliner Judengemeinde geschadet haben,' wenzr sie in einer Massenkundgebung wieder einmal hätte Stellung nehmen wollen gegen die Verfolgung ihrer Religionsgenossen in Rußland? Eine Verfolgung, wie sie in der Geschichte der Judenheit kein Beispiel hat und für die nunmehr die Blutanklage vor den Augen der Welt den rechtlichen Hintergrund bieten soll! In dem antisemitischen Wien tagte der Zionistenkongreß. Und siehe, vor der „warmblütigen" Hingebung, des Kongresses verbeugten sich selbst die größten Hasser, und die judenseindlichsten Zeitungen konnten nicht umhin, dem Kongreß einige Worte des Respekts zu widmen: Wo des Idealismus' echte, wahre Begeisterung zu Worte kommt, schweigt der Haß. Darum kann der Vorstand der jüdischen Gemeinde in Wien des Dankes unserer Gesamtheit und der Geschichte sicher sein, da er für den 6. Oktober zur Protestversammlung alle größeren Gemeinden Oesterreichs nach Wien bittet und von allen die Zustimmung zur Erklärung sich einholt, daß sich die Judenheit der ganzen Welt wie ein Mann erhebe gegen die Annahme auch nur der Möglichkeit eines Ritualmordes in irgendeinem Winkel der Erde. Man wird. mir? entgegenhalten, die ö st e r r e i ch i s ch e n Juden tun recht daran, sie haben auch ihr eigen Haus zu bestellen, sprechen pro domo; wollen — sollen ja auch — mit diesem Protest die unglückselige Hilsneraffäre einer Revision näher bringen. Die deutschen Juden hätten das nicht nötig, in Deutschland sei sowohl ein Hilsnerals auch ein Beilisprozeß ein Ding der. Unmöglichkeit. Juden Deutschlands, wieget euch nicht in allzu große Sicherheit! Vergesset nicht: der Judenhaß ist überall das Land der unbegrenzten Möglichkeiten; gestern traf es uns, heute trifft es die russischen. Juden, morgen kann es euch treffen. Gegen uns ist alles möglich. Hätten die österreichischen Juden das vor Hilsner bedacht, es wäre ihnen vielleicht erspart geblieben, alles in Bewegung setzen zu müssen, um endlich dem Recht zu seinem Rechte zu verhelfen. Und wenn dem doch so wäre — Gott gebe es.— wenn ihr deutschen Juden vor solcher Verunglimpfung dennoch sicher wäret, dann erst recht, dann ist erst recht eure Pflicht zu sagen, aber laut, so laut ihr könnet: in dieser Sache ist jeder Unterschied.ausgelöscht zwischen uns und unseren Glaubensbrüdern auf dem weiten Erdenrund! So trete ich denn nochmals an den Vorstand der jüdischen Gemeinde in Berlin mit der Bitte heran: Begnüget euch n i ch t mit d en paar Wo rte n , sie mö gen noch so geharnischt gewesen sein, in dem Beratungsz im m er d er R ep r ä s e n La n t e n verlesen. Rufet aus zum P r o t e st gegen den R i t u a l m o r d p r o z e ß in Kiew die Gemeinden Deutschlands! Sobald als möglich, vor oder nach Dem Prozeß oder während desselbcn sollen die Delegierten der denlschen Gemeinden v or den Tausenden der Besten nnd Edelsten nnserer Gesanitheit — nnd wenn möglich auch den Angesehensten der Christenheit -- lanten nnd weithin dringenden Protest erheben gegen die Blntlnge, die schamlos ansgenntzt wird zur Entrechtung von sechs Millionen Menschen. Ihr Männer vom Vorstand der jüdischen Gemeinde in Berlin! Es ist eine Zeit zum Schweigen da, nnd wieder eine znm Redens Fraget nicht, ob es nutzt, ob es chadet> redet, denn die Zeit Des Nusers ist gekommen. Lastet -eure Herzen sprechen, diesmal nur eure Herzen. Lastet euch tragen nnd hinreißen vom prophetischen Zorne, von der großenLeideNschastechterUeberzeugnttg. „Das Ueberschwängliche niacht die Größe." (GoetheJ Die Woche. B e r l i n, den 29. September 1913. enn diese Nummer in die Hände der Leser gelangt, ist ein neues Jahr nach jüdischer Zeit - Rechnung angebrochen. Es sei unseren Lesern ein gutes Jahr! Wir entbieten ihnen allen den herzlichsten Glückwunsch. Wie wir bestrebt sind, ihnen Gutes zu bieten, und besonders in dieser Nummer eine wahrhafte Elite deutscher Schriftsteller jüdischen Glaubens ausgeboten haben, so mögen auch sie bestrebt sein für uns, für die immer größere Verbreitung dieses Blattes zu sorgen. Jeder, der einer neuen Nummer der „grünen Zeitung" mit Verlangen entgegensieht und wir wissen, daß die Zahl dieser Freunde nicht klein ist — werbe in seinem Kreise. Je größer die Zahl der ständigen Abonnenten ist, um so mehr kann die Zeitung ihre Wicht erfüllen, ein Zentralorgan aller jüdischen Interessen zu werden. . * In dem ersten Monat des neuen jüdischen Jahres wird voraussichtlich eine neue Schmach den vielen früheren hinzugefügt werden: der Beilisprozeß in Kiew. Worte und Versammlungen nützen dagegen nichts, und so werden auch die flammenden Ausführungen unseres Mitarbeiters I. Ziegler, denen wir in dieser Nummer Raum geben, nichts fruchten. Wie es mit der Sache steht, zeigt folgende Ausführung des „Berliner Tageblatts": Senator Meißner, Vorsitzender des Kiewer Gerichtshofes, vor dem sich demnächst der Beilisprozeß abspielen wird, hatte jüngst einen: Vertreter des „Russkoje Slowo" erklärt, daß die Staatsanwaltschaft „mit aller Macht" aus der Anschauung bestehe, daß ein Ritualmord' vorliege, ohne indessen „das jüdische Volk in seiner Gesamtheit mit Nitualmorden in Verbindung zu bringen." Anderseits erklärte Senator Meißner, daß der Vertreter der Anklage „wahrscheinlich davon absehen werde, zu erörtern, ob es sich um eine Sekte oder um eine Tat einzelner Fanatiker handele." Die Persönlichkeit des Senators Meißner, eines klugen Mannes und gewiegten Juristen, verleiht seinen Worten eine ganz besondere Bedeutung, und da bis jetzt/kein Dementi seiner Aeußerungen erfolgt ist, so darf auch an der Richtigkeit der vom „Russkoje Slowo" veröffentlichten Erklärungen wes Senators nicht gezweifelt werden. Wie steht es nun aber um den Angeklagten Beilis, der im Verdacht steht, den „Ritualmord" an dem Knaben Justschinsky verübt zu haben und dieses Verdachtes wegen bereits über zwei Jahre in Untersuchungshaft gehalten wird? Bis jetzt' hat ihm nichts weiter bewiesen werden können, als daß er der einzige Jude war, der in der Nähe der Mordstätte gewohnt hatte. Zwar hat der Vertreter der Anklage eine Reihe Zeugen geladen, die gesehen haben wollen, wie Beilis. den Knaben Justschinsky irgendwohin geschleppt Haben soll, indessen — so erklärt Senator Meißner.selbst — „Handelt es sich dabei um eine Sorte Menschen, deren Aussagen mit äußerster Vorsicht aufzunehmen sind". Die Mordsnche Justschinsky stellt sich demnach, der Ansicht des Vorsitzenden des Kiewer Gerichtshofes zufolge^ folgendermaßen dar: die von der Anklage geladenen Zeugen „sind mit äußerster Vorsicht auszunehmen" — trotzdem sitzt Beilis schon das dritte Jahr in Untersuchungshaft. Das jüdische Volk wird nicht der Ritualmorde beschuldigt (was, wie Senator Meißner bemerkt, „keinem ernst denkenden Menschen einsallen kann"), trotzdem besteht die Anklage „mit aller Macht" aus dem Ritualmord und verzichtet nur daraus, zu untersuchen, ob es sich um eine „Sekte" handelt, die Ritüalmorde ausführt. Die Anklage richtet sich somit „mit aller Macht" gegen eine Präsumtion, die indessen weder das jüdische Volk, noch irgendeine bestimmt ümrissene Gruppe M Unter wiesen Umständen, sollte man meinen, wäre ein Prozeß nach streng ' juristischen Grundsätzen' gar nicht denkbar. Nullum>

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