Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 40 (1.10.1913)
- Date
- 1913-10-01
- Page
- Seite 470 (sequence 2)
- Language
- German
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innere; sie ermöglicht die Vollendung der Menschennatur, sie ermöglicht auch vollendete Schöpfungen;, sie sichert die Persönliche Existenz und das Persönliche'Glück. Der Erlösungsidee öffnet sich unser Rosch haschana als „Gedächtnistag des Posaunenschalls-. Er feiert Gott auch in der Geschichte. Da aber das Vergangene oft erst nach sehr langer Zeit verstanden wird, so' grenzen wir die Geschehnisse nach Zeitaltern ab. Unaufhaltsam rollt das Rad der Zeit über alles hinweg, aber nichts bleibt der Vergessenheit verfallen; wir errichten allen Errungenschaften, die das Gemeingut der Menschheit geworden sind, wir errichten ihnen Marksteine und weisen zu ihm empor, der „Gedächtnis stiftete seinen Wundern." Unser Zielgedanke wird das Reich Gottes. Mit ihm gewinnen wir die umfassendste Idee, die Idee von der Menschheit, die eine Einheit darzustellen hat. Also nicht bloß in der Naturwelt, auch in der Menschenwelt Entwicklung, Fortbildung, Aufstieg.. Sollten wir da verzagen, wenn der Aufstieg nicht rascher vonstatten geht? Auch die Geschichte zählt ihre Marksteine nach großen Zeiträumen, genug, wenn wir auch nur eine allmähliche Vorwärtsbewegung wahrnehmen. So unwillig der Geschichtsforscher über Rückschläge, über Um- und Nebenwege werden könnte, an uns vermag er sich zu orientieren, wie ein ganzes Volk durch die Jahrtausende schreitet, nur von der Ueberzeugung beseelt und durch sie erhalten, daß es in der Zukunft der Tage eine Vollendung gibt. Sind auch die Grausamkeiten des Altertums und die noch entsetzlicheren des Mittelalters nicht völlig verschwunden, der Erlösungsgedanke treibt täglich neue Blüten. Und so ruft unser Fest in universellem Geiste, in die weite Welt hinaus: „Laß, o Gott, deine Liebe walten über alle Völler und sende deine Erkenntnis allen Sterblichen, daß alle eine Gemeinde bilden!" Dem Erlösungsgedanken eröffnet unser Fest einen hossnungsfrohen Ausblick. Darum ist der Tag heilig dem Herrn,- ( darum seid nicht traurig, die Freude am Herrn sei eure feste Burg! III. Naturwelt, Menschenwelt sind Allgemeinheiten, doch der. einzelne sucht nach einem persönlichen Verhältnis zu Gott, dem Schöpfer und Erlöser. Ihm genügt nicht eine Vorsehung, die nur das Gesamte im Auge behält, er will sich auch selbst und ganz im besonderen unter, der Obhut Gottes wissen. Bevor noch der Sabbat im Zehnwort gesetzlich sestgelegt wurde, ward dem Volk in der Wüste in augenfälliger Weife eine der Sabbatideen erschlossen, nämlich die der göttlichen Fürsorge, die sich auf alle erstreckt. Sechs Tage wurde das Manna jeder einzelnen Person zuerteilt, ausgenommen am siebenten; dafür erhielt jeder am sechsten Tage Brot für zwei Tage. Spricht das tägliche Brot von der Fürsorge Gottes, so spricht die Sabbatseier von dem Vertrauen des Menschen. Und davon spricht auch Rosch haschana als Tag des Gedenkens.. Wie der Herr unser gedenkt, so sind auch wir seiner eingedenk. Das Gottvertrauen wird der Stab, der uns täglich stützt und aufrechthält, da die göttliche Fürsorge durch das ganze Jahr waltet. „Beständig ruht das Auge , des Herrn auf dem Lande, vom Anfang bis zum Ende des Jahres"°). Schlage doch jeder sein Lebensbuch auf, er wird finden, daß sich an jedem Tage die göttliche Fürsorge in irgendeiner Weise gezeigt hat, und wenn auch , mancher Tag von Not und Sorge erfüllt war, der Herr verlieh ihm die Kraft, über ihn fortzukommen, und er gelangte zu Tagen, die ihn doppelt entschädigten. Rosch haschana duldet keine Seelenfeierstimmung; es ist ein Fest für die Lebenden, es ist ein Tag des Jubelschälles! «) 5. Mose 11, 12. ' Gleich dem-Sabbat, will Rosch haschana jeden Trübsinn verscheuchen; er will die Seele frei und weit machen und sie bis zur Freude.emportragen. Wie der Vater sich seiner Kinder erfreuen will, so sollen auch die Kinder sich des Vaters erfreuen. ' . Es ist wahr, der Schmerz hat die führende Melodie im Leben, und die Freude ist nur die Begleiterin, die jene herben Töne in harmonischen Akkorden beschwichtigt. Wie aber der Schmerz uns zu einem erziehlichen Faktor wird, der in uns eine Ueberlegenheit herstellt über die unheilvollen Mächte, so erneuert die.Freude unsere Triebkraft in Geist und Gemüt. Mehr als an der Hoffnung erprobt sich das Gottvertrauen an der Freude. Während die Hoffnung noch der Ermunterung bedarf, ist die Freude zur Erfüllung gelangt. Jener gewaltige Tondichter, der sich durch alle Gemütsstimmungen durchgerungen, der den Schmerz in feiner tiefsten Tiefe empfunden, der alles Erdenleid und Erdenweh durch seine Seele gehen ließ, er konnte auf dem Gipfelpunkt feines Schaffens nichts Höheres mehr finden, als seine Töne der Freude zu weihen. Der allmächtige Schöpfer der Welt, der erlösende Lenker der Zeiten, der fürsorgliche Vater ist unser Herr! Die Freude am Herrn verleiht uns die Freude am Leben; die Freude am Herrn bringt Zweck und Ziel in unser Dasein; die Freude am Herrn macht uns fchafsenssreudig und genußfreudig; die Freude am Herrn drängt die Dankesworte auf unsere Lippen: Gelobt seist du, o Gott, Herr der Welt, der du uns am Leben erhalten und zu dieser festlichen Zeit hast gelangen lassen! ° Heilig ist der Tag unserem Herrn, seid nicht traurig, die Freude am Herrn fei eure feste Burg! . löeills! Von Dr. Ziegler, Karlsbad. ustizrat Salinger mag tausendmal recht haben, es gibt Imponderabilien Ver Solidarität, die nicht verletzt werden dürfen. Die Antwort des Vorstandes der Berliner jüdischen Gemeinde auf die Anfrage, was sie in dieser entsetzlichen Beilisafsäre zu tun gedenke, war sicherlich sehr besonnen, sehr korrekt, vornehm-selbstbewußt und abwehrend, aber Tausende und Tausende hätten ihm zugejubelt, wenn die Antwort nicht in einer kleinen Versammlung mit einigen wenigen Worten erteilt worden wäre, die keinen Widerhall finden in der großen Gesamtheit und ungehört verhallen, sondern vor der ganzen Oeffentlichkeit des deutschen Reiches. „Ruhig Blut" vor dem Prozeß, nachher werden wir ja sehen, was sich tun läßt: wie kalt, wie nüchtern, wie unbrüderlich kalt« das klingt. Wir können nichts nützen, wozu also der Lärm? Ist das aber wirklich schon so ausgemacht, daß die Stimme von.Zehntausenden ganz ungehört geblieben wäre? Ist es so unwahrscheinliche daß die russische Gesandtschaft in Berlin nach Petersburg berichtet hätte, wenn in dem größten Saale Berlins, die gesamte Judenheit Deutschlands, allein, oder im Verein mit hervorragenden Vertretern der deutschen Christenheit, feierlich Protest erhoben hätte gegen die Möglichkeit eines Ritualmordprozesses überhaupt? Wenn einer solchen Demonstration nichts anderes gelungen wäre, als die Pogromfolgen eines eventuellen ungünstigen Rechtsspruches hintanzuhalten — und das wäre zweifellos ihr Ergebnis gewesen — war der Erfolg geringzufchätzen, nicht erstrebenswert genug? Unsere Glaubensbrüder in Rußland sehen voll Bangen und Zagen dem 8. Oktober entgegen. O, glaubt nur, ihr Brüder im Reich, es wäre für die Bedrückten und Geknechteten kein geringer Trost, wenn