Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 39 (26.9.1913)
- Date
- 1913-09-26
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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77. Jahrgang Nr. Zil » Berlin, 26. September 1913 Beilage zur „Allgemeinen Leitung drK Judentums. Lorrekponden?rn und Kachrjchten. Deutschland. . y. Berlin, 21. September. Eine ungemein zahlreiche Festversammlung wohnte der heutigen Einweihung des in Pankolv neuerbauten zweiten Waisenhauses der Berliner jüdischen Gemeinde bei. Ein hochausstrebendes imposantes Gebäude, das dem schönen Borort zur Zierde gereicht, hat man hier an der Berliner Straße den Waisen errichtet, das in seiner inneren Einrichtung allen Ansprüchen der Hygiene und der Behaglichkeit wie Zweckmäßigkeit im höchsten Maße entspricht.. Eine Flucht von hellen, lustigen Räumen steht Zöglingen und Erziehern in diesem neuen Hause zur Verfügung. In der Anstaltssynagoge, die festlich erleuchtet war, vollzog sich der Einweihungsakt, der zugleich mit einer Feier des sünsundzwanzigjährigen Amtsjubiläums des verdienten Leiters der Anstalt, Herrn Grunwald, verbunden war. Erschienen waren fast der gesamte Vorstand der Berliner jüdischen Gemeinde, nahezu alle Repräsentanten, die Herren des Kuratoriums der Anstalt und die Ehrendamen, der Bürgermeister von Pankow, Herr Kuh r mit einer Anzahl Gemeinde- Vertreter, vom Berliner Magistrat Herr Stadtrat Dorflein, von der Regierung Herr Schulrat D ü r i u g als Vertreter des Kultusministeriums. Auch die evangelische Kirchengemeinde war durch Herrn Superintendent Beier, die katholische durch Herrn Kuratus Skarbina vertreten. Die große Mehrzahl der Ehrenbeamten der jüdischen Gemeinde Berlins, der Schul- und Talmud-Thora- Vorstaud, eine große Reihe ehemaliger Zöglinge dev Anstalt und eine Fülle von Gemeindemitgliedern füllten den Raum des Gotteshauses bis aus den letzten Platz. Emgeleitet wurde die Feier mit dem Vortrag des: „Wie schön sind deine Zelte, Jakob", durch den Knabench'or der Anstalt. Die Weihepredigt hielt Rabbiner Dr. Warschauer. „Eine Leuchte ist die fromme Tat. Ein frommes Werk der Liebe ist das Haus, das wir geballt, die Stätte ist errichtet, daß den Verlassenen leuchte der Liebe Stern. Hier wird es zur Gewißheit, daß uns Erdenkindern immerdar leuchtet die Sonne der Liebe." Nach dem 'Anzünden .der ewigen Lampe führte der geistliche Nedner etwa aus: „Es sei ein neues Haus, das wir heute hier einweihen, aber nicht sei es ein neues Beginnen. Hier stand lange Jahre ein bescheideneres, schlichtes Haus. Das Werk, dein es Obdach geboten, soll gedeihliche Fortführung in den neuen Räumen finden. Drei Jahrzehnte sei es her, daß das. Werk erstand als eine Tat der Liebe. Wiederum war eine furchtbare Verfolgung über unsere Brüder im Osten hereingebrochen. Da ging einer der Edelsten unserer Gemeinde, eine wahrhaft vornehme Persönlichkeit, und brachte eine jugendliche Schar hierher, um ihr ein stützendes Obdach 31t gewähren, von ihnen das doppelte Dunkel des Ghetto und der Barbarei zu nehmen und sie hier zu erziehen in europäischer Kultur und Treue zum Judentum. So pflanzte der Edle über jene Unglücklichen ein Panier der Liebe auf, dem Haß und dem Vorurteil setzte er die Liebe entgegen, das heißt im besten Sinne int Geiste Gottes wirken. Ist doch der Kampf gegen das Böse das oberste Ziel unseres Daseins. Daher war es ein wahrhaft frommes Werk, als aus dieser Anstalt von der jüdischen Gemeinde ein Waisenhaus'eingerichtet wurde. Für Waise zu sorgen, ist von Anbeginn das Gebot der Thora gewesen. Wer dem Gott der Liebe glaubt, der muß hier Mitwirken, hier handelt es sich um ein Werk im Geiste aller Religionen, besonders aber im Geiste des Judentums. Dank gegen Gott, der die Liebe gepflanzt in die Herzen der Menschen, Dank allen Mitarbeitern und Helfern! Dankerfüllt gedenken wir des edlen Gründers dieses Hanfes und aller Toten und Lebenden, die es gefördert. Dankerfüllt auch blicken wir aus den Mann, der heute zurückschauen darf aus ein volles Vierteljahrhundert Pflichttreuester und gesegnetster Arbeit. Dank auch sei den königlichen und städtischen Behörden, die dem Werk stets ihr Wohlwollen betätigt, Dank auch der Gemeindeverwaltung und allen' Förderern und Spendern, insbesondere auch denjenigen, die für die Einrichtung und Ausschmückung dieses Gotteshauses gesorgt haben. Was hier geleistet werde, .sei echt soziale Arbeit, die sich nicht im Hergebeit! von äußeren Mitteln erschöpfe." Die Weihe- Predigt schloß mit dem Gebet für König und Vaterland. Nach dem Vortrage eines Chorgesanges hielt Justizrat.Brest n u e r die Festrede: Von ernster Seite sei bereits'des Mannes gedacht worden, dessen Initiative dieses Werk zn verdanken sei. Er wolle ihn nennen, unvergeßlich ist sein Name. Hermann Makower war es, der am . 22. Oktober 1882 mit einem kleinen Kreis anderer Hochgesinnter, die Anstalt . errichtete. Von den Mitwirkenden lvandle nur noch einer unter den Lebenden, Oberlandesgcrichtsrat Masse, der damals junger Amtsrichter lvar. Der Zweck der Anstalt war, arme verfolgte Knaben 31t schützen. Es ist bemerkenswert, daß von Anbeginn die Haltung der Regierung eine wohlwollende lvar. Von dem damaligen Minister v. Hersurth lvurde die Genehmigung freudig erteilt. Ihm gebühre Dank. 39 fremdländische Knaben gestattete er hier zu erziehen. Die Knaben sollten vorzugsweise Handwerker tverden. Allerdings mußten die Knaben, sobald sie die Schule absolviert, das Handwerk erlernt hatten, das Haus verlassen. Dadurch entstanden freie Plätze. So wurden erstmals nach Ablanf von drei Jahren.drei Waise der jüdischen Gemeinde Berlin ailfgenommen und in der lveiteren Entwickelung ergab es sich ganz von selbst, daß die Zahl, der Waisenknaben der Berliner Gemeinde immer wuchs. Sv kam es nach, und nach, daß auf Veranlassung des Kuratoriums die Berliner jüdische Gemeinde das Haus übernahm. Die Grundsätze für die Erziehung im Zweiten Waisenhause lvurden von Hermann Makower festgesetzt. Sie fanden vielfachen Widerspruch, allein es hat sich doch gezeigt, daß jene' Grundsätze sich bewährten. Man hatte Bedenken, die Lehrlinge und Schüler zusammen in der Anstalt zu belassen, allein es zeigte sich,, daß dadurch die Handwerkslehrlinge länger kindlich erhalten und borden Gefahren des Lebens außerhalb der Anstalt besser bewährt lvurden. Der zweite Grundsatz war das Zusammenwirken zwischen Haus und Lehrmeister und der dritte das Zusammenhalten des Hauses lnit den früheren Zöglingen. Mit dem Dank an die Schulaufsichtsbehörden, die mit diesen Grundsätzen einverstanden . waren, bitte er, diesem Hause auch weiter die Gunst - zu bewahren. Jenen Geist Makowers zu erhalten und neu zu wecken, das war die Aufgabeseiner Mitarbeiter, ganz besonders aber des Direktors dieser Anstalt, an den er die Worte herzlichster Anerkennung richtete. Er verbindet mit seinem Danke zugleich den des Vorstandes der jüdischen Gemeinde und spricht die Erlvartung aus, daß der Jubilar mit seiner Gattin, d.er' Mutter dieses Hauses, noch lange in gleichem Geiste auch im neuen Hause das Werk weiterführe. Der Vorstand der Berliner Gemeinde, hatte es sich nicht nehmen lasten, ihm zu diesem Jubeltage den Betrag von 1500 Mark zur freien Verfügung zu stellen. Ohne an sich zu denken, habe der Jubilar diesen Betrag der Grunwald-Stiftung überwiesen. Der.Festredner dankte ferner der Gattin des Jubilars, den Erziehern dieses Hauses und auch' dem Verein ehemaliger Zöglinge der Anstalt. Dank spreche er ferner dem Erbauer dieses Hauses, Herrn Negierungsbaumeister Bär sowie allen Arbeitern, die dieses schöne Haus haben errichten helfen. Dank allen Stiftern und Förderern, insbesondere Herrn Garbaty-Rosenth al, dem wir den schönen Betraum verdanken, Herrn Max Mecklenburg, der uns den schönen Zierbrunnen gestiftet hat usw. Dann hält der Festredner eine sehr crnstfrohe Ansprache an die ,-Jungens". Er ermahnt sie zur Treue gegen das Haus, zur Treue gegen , das Vaterland und zur Treue vor allem-gegen das Judentum. — Nach ihm ergriff zuerst Herr Bürgermeister Kuh r , Pankow, das Wort. Gemeindevorstnnd und Gemeindevertretung hätten ihn beauftragt, der jüdischen Gerneiltde die herzlichsten Glückwünsche auszusprechen. Es sei vielleicht kein Zufall, sondern bemerkenswert, daß gerade im Jahre des Regierungsjubilüums des Kaisers dieses neue Haus entstanden sei, des Kaisers, der an solchen sozialen Institutionen seine besondere Freude habe. Er gratuliert dem geschätzten Direktor Grunwald und gibt der höchsten Hochachtung vor dem Wirken dieses Mannes Ausdruck. Auch Se. Majestät der König habe des Wirkens des verdienten Mannes gedacht und ihm den Kronenorden vierter Klasse verliehen. Im Aufträge des Herrn Ländrats, der leider am Erscheinen verhindert sei, überbringe er ihm auch dessen Glückwünsche und überreiche ihm den Orden. — Sodann sprach HerrSchulratDüring:Jnkemem Gemeinwesen hat das