Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 39 (26.9.1913)
- Date
- 1913-09-26
- Page
- Seite 468 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Talmud: „Unfang und Ende der Lehre ist Wohltätigkeit" und „Es gehört, zu den Taten'des Friedens, die Armen der Heiden mit den israelitischen Armen zu unterstützen, auch ihren Kranken zu Helsen, auch ihre Toten zu bestatten." Der Freiherr war sichtlich überrascht. „Die Fremdenliebe muß ich hiernach allerdings, so schwer es mir wird, dem Judentum lassen, aber der zweite unüberbrückbare Unterschied zwischen jüdischer und' christlicher Nächstenliebe bleibt doch bestehen." „Sie meinen die Feindesliebe?" „Und diesen Unterschied lasse ich uns nicht wegdisputieren. Denn wo stünde im ganzen Alten Testament das göttliche Wort: „Liebet eure Feinde, segnet die euch fluchen, tut wohl denen, die euch wehe getan." „In Wahrheit ein göttliches Wort," sagte ernst der Pastor. „Oh, daß . alle, alle es erfüllten! Können auch nur wir zwei vor unserm Gewissen bekennen, es immer erfüllt, es besonders auch den Juden gegenüber, die uns ja so vielfach als Feinde gegolten haben, allzeit treu beobachtet zu haben? Beweist nicht die Geschichte des jüdischen Volkes, daß es von den Bekennern der Religion der Liebe eher das Gegenteil als Liebe erfahren hat?" Der Freiherr stutzte einen Augenblick, doch schnell gefaßt ries er aus: „Von mir kann ich es freilich nicht bekennen, aber wir verrücken unseren Streitpunkt. Für unsere Frage kommt es nicht sowohl darauf an, ob wir oder unsere Vorfahren den Juden gegenüber das Gebot wirklich erfüllen, als vielmehr darauf, ob dieses - Gebot uns im Alten oder erst im Neuen Blinde gegeben worden ist. Oder irre ich mich auch hierin? So bitte, nennen Sie mir doch den Vers im Pentateuch oder den Propheten, in dem dies göttliche Wort zu finden wäre." „Das nämliche Wort nicht, aber den gleichen Gedanken und das gleiche Gebot finden wir allerdings im Exodus 23, 4 und 5." * „Und es lautet?" „So du triffst auf deines Feindes Ochsen oder Esel, der irregeht, bringe ihm denselben zurück. - Und so du stehest den Esel deines Hassers, erliegend unter seiner Last, und du wolltest unterlassen, es ihm leichter zu machen, mache es ihm leichter." „Sollte dieses Gesetz," replizierte der Freiherr, „nicht nur jener schönen Tendenz des Tierschutzes entspringen, die es verbietet, dem Ochsen beim Dreschen das Maul zu verbinden?" „Doch wohl nicht. Denn das verirrte Tier soll ja dem Eigentümer, also dem Feinde, zurückgebracht werden. Uebrigens fällt, jeder Bezug auf die Tierwelt fort in dem Gebot, das sich Sprüche 25, 21 und 25 findet.-Dort heißt es: „Wenn deinen Feind hungert, gib ihm Brot zu essen, und wenn ihn dürstet, gib ihm Wasser zu trinken; denn Kohlen sammelst du auf sein Haupt, und der Ewige wird es dir vergelten." Auch liegt das Gebot der Feindesliebe implizite, wie der. Herr Kreisgerichtsrat Rauher zu sagen pflegte, schon im Gebot der allgemeinen Nächstenliebe, denn auch der Feind ist dein Nächster." „Aber, wertester Herr Pastor, wenn Christus nur die alte Lehre richtig ausgelegt und nichts Neues gelehrt hätte, wie konnten sich denn die Juden, wie es in der Schrift am Schluß der Bergpredigt heißt, über seine Lchre entsetzen?". „Dieses Entsetzen mag doch wohl mehr eine mächtige Verwunderung, ein Staunen über die Art der Predigt, über die gewaltigen Gleichnisse und die flammende Begeisterung des Mittlers gewesen sein, über jene Heldenkühnheit, die der Heuchelei und der Werkheiligkeit der Regierenden die Maske abriß und dem Natter- und Ottergezücht der Pharisäer den Spiegel vorhielt. Ueberdies waren denn wirklich alle Juden über die Predigt des Galiläers entsetzt?" „Nun freilich, die zwölfe, die ihm folgten, nicht." 468 -- „Nicht nur die Apostel meine ich, auch das viele Volk, daZ zu seinen Predigten sich drängte, und Juden waren es doch auch, die Palmen trugen und- Hosianna riefen.". „Ja, heute „Hosianna" und morgen „kreuzige", und Juden waren es, die Barnabam statt Christum frei verlangten." . „Die Unglücklichen," seufzte der Pastor, „die mit Blindheit Geschlagenen, die dem Gesetze genügen zu müssen vermeinten." „Dem Gesetze, Herr Pastor?" „In ihrer Verblendung zu genügen vermeinten, Herr Amtsrichter. Diese Unglücklichen irrten eben." „Doch genug von jenen Unglücklichen, Irrenden, Verblendeten, die den Heiligen den römischen Henkern überlieferten. Wir disputierten doch über das Gebot der Feindesliebe, das sich. implizite in der der Selbstliebe gleichen Nächstenliebe findet." „lieber das sich das jüdische Volk entsetzte." „Und aus dem ihm doch weder die Pharisäer . noch das Shnedrium jemals einen Vorwurf gemacht hat./Und haben nicht die Juden nach dem Opfertode des Erlösers seine extensive Auslegung der Nächstenliebe selbst akzeptiert? Haben sie nicht die Pflicht der Feindesliebe sogar der Pflicht der Freundesliebe. vorangestellt?" „Die Juden? Das ist ja nicht zu glauben!" „Und doch haben sie die Satzung ausgestellt: Bedarf der Freund unserer Hilfe beim Abladen und der Feind beim Ausladen, so wollen wir dem Feinde zuerst helfen." „Und wo steht diese schöne Satzung?" „Im vielgeschmähten Talmud, werter Freund." „Wieder der Talmud. Ich fasse es kaum, wie Sie, unser christlicher Seelsorger, dieses abscheuliche, christenfeindlichc Buch im Ernste rühmen können." „Hätte ich es wirklich gerühmt und nicht bloß zitiert? Und hätte ich im Ernst den ganzen Talmud gerühmt?" „Das nun freilich nicht." „Ich hätte es auch, einem so bunten Gemisch verschiedenartigster Bestandteile gegenüber weder, gewollt noch gekonnt. Aber herrliche Schätze birgt der Talmud doch, und wie ich aus den indischen Veden und aus dem Koran einen schönen und erbaulichen Vers herausheben kann, so darf ich es auch aus jenem seltsamen, viel bekämpften, von Reuchlin schon verteidigten und von den Christen doch so wenig gekannten Buch. Sie kennen, Herr Amtsrichter, wahrscheinlich nur die rein juristischen Partien, das talmudische Recht?" „Auch davon habe ich, offen gestanden, so gut wie keine Ahnung." „Wir Diener des göttlichen Wortes sind aus gründliche, hebräische Sprachstudien angewiesen, und doch möchten wir in Christentum und deutscher Gesinnung keipem anderen Stande nachstehen." (Fortsetzung folgt.) SpreHM. An die Schriftleitung der „Mg. Zeitung des Judentums". Alls Grund des 8 11 des Preßgesetzes ersuchen wir um Aufnahme folgender Berichtigung: Sie hoben in-Nr. 34 der „Allg. Zeitung des ' Judentums" unter der Aufschrift „Die Woche" gesagt: Herr Ph. Stauff ruft sogar in einem Artikel,' der anscheinend der Korrespondenz des „Verbandes gegen lleberhebüng des Judentums" entstammt, -die gesamten Parteien der Rechten zum Sturm gegen den „verjudeten" Hof und die „verjudete" Negierung auf. Das ist unrichtig. Richtig ist vielmehr, das; Herr Stauff nicht Mitglied unseres Verbandes ist, auch in keiner Beziehung zu uns steht, und das; wir Nieder in unseren monatlichen-Mittellungen „Aus Vorposten" noch sonstwo etwas haben drucken lassen, was Herrn Stauff dem Wortlaute oder dem Sinne nach als Grundlage für seine Auslassungen hätte dienen können. Hochachtungsvoll. Verband gegen Ueberhebung des Judentums E. V. Müller v. Jensen, Vorsitzender.