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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-09-26 · Heft 39 (26.9.1913) · p. Seite 467

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 39 (26.9.1913)
Date
1913-09-26
Page
Seite 467 (sequence 11)
Language
German
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—-467 von Gentlemen". Aber das nicht etwa -bloß in dem Sinne, daß fast alles dabei ohne Blutvergießen abßelau^en, sondern zugleich auch, weil die Aktion von einer kleinen 8char Intellektueller ausgegangen ist. Leider nur rekrutierten sich diese „Intellektuellen" vorwiegend aus den Kreisen der Armee, deren Bajonette erst der Verfassung die Wege bahnten. So war es gekommen, daß das türkische Heer nicht aus freien Stücken, vielmehr durch den Zwang der Vexhältmsfe zur Beschäftigung mit Politik angehalten wurde. Umgekehrt wieder entfalteten die politischen Parteien ihrerseits den größten Eifer, um das Offizierkorps mit ihren Anschauungen zu erfüllen und möglichst viele Offiziere. ihren Reihen zuzuführen. Die unvermeidliche Folge davon war eine Spaltung , des Heeres in zwei getrennte, sich gegenseitig bekämpfende Läger. Und als in den Wahlen von 1912 das Komitee abermals die Oberhand gewann, pflanzte kurz nach dem Zusammentritt der Kammer eine Gruppe von Offizieren die Fahne der Empörung auf. Dieses von der Offiziersliga geleitete militärische Pronunziamento bedeutete mehr als den Sieg der Latente liberale über die Komiteepartei; es enthüllte gleichzeitig einen tiefgehenden Bruderzwist und eine krebsartig um sich greifende Zersetzung im Heere. . Die Politik der Offiziere verdarb die Sitten der Arinee, erzeugte Disziplinlosigkeit und Mangel an Verantwortlichkeitsgefühl und nährte Gleichgültigkeit, Mißtrauen und Feindseligkeit. Die politische Wirkung des Putsch es, der den Sturz Mahmud Schefkets und mit ihm des Gesamtministeriums zur Folge hatte, war ungeheuer; denn zum mindesten hat er den Ausbruch des Balkankrieges beschleunigt. Wie weit diese Zustände nach der rein militärischen Seite von Einfluß gewesen sind, hat gerade Freiherr v. d. Goltz in seiner bereits erwähnten Studie über die Niederlage der Türkei in sehr eingehender, äußerst fachlicher und überzeugender'Weise geschildert. (Fortsetzung folgt.) Der Antisemit. Roman von Ernst Theodor Justi. XIII. mein werter Herr Amtsrichter. So hört man es freilich in den Gassen, und so steht es allerdings auch in so mancher Streitschrift, die im Geist der Fremdlingsliebe eben nicht geschrieben ist. Aber dieser Auffassung des Wortes widerstreiten doch namhafte christliche Theologen, Philologen, Lexikographen, wie Gesenius, Dietrich, Ryssel und Friedrich Delitzsch; überdies steht die Behauptung im schroffsten Widerspruch zu dem Alten Bunde und zu den Evangelien selbst." „Da muß ich doch um genauere Aufklärung bitten." „Sie liegt dem Alten Testament nahe genug; rät doch vordem Auszuge aus Aegypten Moses den Kindern Israels, daß jeder Mann von seinem „Rea" goldene und silberne Gefäße fordern solle. Wer war nun dieser Rea? Der jüdische Volksgenosse oder der Aeghpter?" „Natürlich der letztere." - . „Und Levitikus 19, Vers 34 befiehlt geradezu: „Und wie der Eingeborene unter euch sei, sei euch der Oer, das ist der Fremdling, der bei euch weilt, und du sollst ihn lieben wie. dich selbst.". Ueberdies -lesen wir im ersten Buch der Könige, im 8. Kapitel, Vers 41 und 43, daß Salomo bei der Einweihung des Tempels zu Gott fleht: „Auch auf den Ausländer, der nicht von deinem Volke Israel ist, höre du im Himmel, der Stätte deines Sitzes, und tue alles, um was der Ausländer zu dir ruft." \ Kann die Fremdlingsliebe einen stärkeren, schöneren Ausdruck finden, als in diesen Stellen des Alten Testaments?" „Aber Sie beriefen sich, Herr Pastor, auch auf die Evangelien. Da bin ich doch gespannt." Der Pastor griff in seine Brusttafche und reichte sein kleines Handexemplar der Schrift dem Freiherrn hin. „Darf ich Sie bitten, Herr Amtsrichter, Matthäi 22, 36 bis 4(1 und Marcus 12, 28 bis 31 zu vergleichen." Felseck warf einen schnellen Blick in das Exemplar. „Ich kenne beide Stellen ziemlich genau, Jesus spricht hier von Gottesliebe und Nächstenliebe als von den beiden vornehmsten Geboten. Er gibt aber diese beiden Gebote doch von sich aus, ohne dabei auf das alte Gesetz irgendwie Bezug zu nehmen." „Die Bezugnahme auf Levitikus 19, 18, scheint mir doch deutlich genug ausgedrückt; aber da Sie zweifeln, so möchte ich Sie noch auf Lucas 10, 28 bis 28 Hinweisen. Nicht wahr, da heißt es: „Und siehe, da stand ein Schriftgelehrter auf, versuchte ihn und sprach: „Meister, was muß ich tun, damit ich das ewige Leben erwerbe". Er aber sprach zu ihm: „Wie stehet im Gesetz geschrieben, wie liesest du?" Er antwortete und sprach: „Du sollst Gott deinen Herrn lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüte und deinen Nächsten als dich selbst." Nun, teurer Glaubensbruder, haben Sie hier nicht die ausdrückliche Verweisung aus das geschriebene Gesetz, auf das Alte Testament?" „Allerdings. Eine Verweisung auf die lex scripta, und zwar expressis verbis." „Ist nun die Nächstenliebe hier als etwas Neues gelehrt? . Oder als eine schon bestehende und in keiüer Beziehung abgeänderte oder abzuändernde Lehre des Alten Testaments?" „Allerdings als ein Lehre des Alten Bundes." „Unser Herr Jesus erachtet also zur Seligkeit ausreichend, so wie Mose gelehrt, Gott und den Rea zu lieben. Da muß doch Rea auch die Nichtjuden bedeutet haben. Denn wäre dem nicht so, so hätte ja unser Herr als die zweite Bedingung der Seligkeit auch nur - die Liebe zu den eigenen Volksgenossen bezeichnet. Oder können Sie als Jurist anders interpretieren?" „Nein, allerdings nicht. Tertium non datur." „So hat denn bereits Moses mit der Nächstenliebe auch die Fremdenliebe befohlen." „Ich kann es nicht bestreiten. Aber, Herr Pastor, mag es Moses auch befohlen haben, wann hätten die Juden uns Christen als ihre Nächsten angesehen, uns in ihre Nächstenliebe wirklich eingeschlossen?" „Ich kenne doch recht viele jüdische Stiftungen, die jüdische und christliche. Arme, jüdische und christliche Witwen und Waisen, Blinde, und Kranke beider Religionen in ganz gleicher Weise bedacht haben." „Da mag wohl so mancher jüdische Stifter nach einem Orden oder Titel geschielt haben." „Wohl möglich! Sieht, doch nur Gott den Menschenkindern in das Herz. Aber glauben Sie auch, dasi die Sterbenden noch nach den Eitelkeiten der Welt streben?" „Dies freilich nicht!" „Uüd doch ist es hier wie an manch anderen Orten ganz üblich, daß die Juden in ihrem Testament für ihren Beerdigungstag und an dessen Wiederkehr Almosen an jüdische und christliche Arme zu verteilen anordnen. Ich habe manche Christenträne nach jüdischen Sterbetagen trocknen können." Der Amtsrichter schwieg betroffen. Er erinnerte sich des von ihm selbst ausgenommenen Goldenbergschen Testaments. Der Pastor fuhr fort: „Glauben Sie, mein werter junger Freund, einem alten Priester Christi, in der allgemeinen Wohltätigkeit übertrisft leider mancher Jude so manchen Ehri- ' sten, auch von den begüterten Christen, und gerade der vielgeschmähte Talmudjude vielleicht am meisten. Lehrt doch ihr

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