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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-09-26 · Heft 39 (26.9.1913) · p. Seite 466

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 39 (26.9.1913)
Date
1913-09-26
Page
Seite 466 (sequence 10)
Language
German
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Fachmann berufen und mit der ' Durchführung der nötigen Reformen Und der Ausbreitung . von Plänen zur Sanierung des Staatshaushaltes betraut. Vor allem wurden zwei Maßnahmen in Erwägung gezogen: die Einführung von Monopolen und die .Erhöhung des Zolls aus fünfzehn Prozent. Zu dem bereits bestehenden Salz-, Tabaknnd Pulververschleißmonopol gedächte die Negierung noch ein Petroleum-, ein Zündhölzer-, ein. Zigarettenpapier- und ein Spiritusmonopol einzuführen. Die Monopole hätten freilich - keine Produktionsmonopole fein können, da in diesem Falle die hierzu nötige Industrie erst geschaffen respektive die Gewinnung des Rohmaterials, wie beim Petroleum, ermöglicht werden müßte. Sie sollten vielmehr nur Verkaufsmonopole sein, wobei der Fiskus am Zwischengewinn der Verkaufsgesellschaft feinen Anteil hätte. Allzu groß wäre unter solchen Umständen der Nutzen des Staates nicht geworden. Um so erfolgreicher' hätte dafür die Zollerhöhung werden können, für deren Einführung die Regierung mit allem Nachdruck eingetreten war. Aber in solchen Dingen ist.der türkische Staat nicht selbstherrlich, sondern ganz von Europens Gnaden abhängig. Und die Großmächte stellten Bedingungen, so verschiedenartig und vielgestaltig, knüpften ihre Zustimmung an Voraussetzungen, so schwerwiegend und kaum durchführbar, daß die Verwirklichung des Planes zur Unmöglichkeit wurde und in der Türkei alles wieder im alten Schlendrian stecken blieb. . . ' i Während so auf der einen Seite durch Nichtstun verheißungsvolle Hoffnungen im Keime zerstört wurden, wurde auf der anderen Seite durch ein Zuvieltun ununterbrochen ein Gefühl der Enttäuschung, der Erbitterung und der Empörung gezüchtet. Als die Jungtürken mit unbestreitbarem Geschick durch einen kühnen Streich den Hamidischen Absolutismus niedergezwungen hatten, glaubten sie im selben Maße und mit gleichem Gelingen auch ihre reformerischen Ideen zur Durchfi'chrung'bringen zu können und bedachten dabei nicht, daß Niederreißen leichter ist als Äufbauen, und .daß.wohl die Willkürherrschast für den Sturz schon, reis war, nicht aber entwicklungsgeschichtlich auch das alte islamitische Erobererreich für die Verwirklichung des heutigen Staatsgedankens. Geblendet vom. ersten, schnellen Erfolg, berauscht vom Gefühle, Träger einer neuen Zeit zu sein, befangen in einem ungezügelten Doktrinarismus und Radikalismus, hat das Komitee für Einheit und Fortschritt auf dem kürzesten Weg undim eiligsten Tempo die Wahrmachung seiner politischen Ideale betrieben. Verschwinden sollten die alten traditionellen Gegensätze der Rasse, der Religion, der Sprache, der Kultur und der Sitte; verwischt all die Unterschiede werden, die in ihrer bunten Vielgestaltigkeit dem Osmanenreich das Gepräge gegeben haben. Nicht aber etwa, daß die Unterschiede aufgehoben und die Gegensätze versöhnt wurden, sondern indem die Regierung alles, was ihr nicht paßte, einfach zu unterdrücken persucht hat. Es war etwas von jenem Hegelschen Absoluten, das sich nicht nur über die Tatsachen hinwegsetzen zu können, sondern sie sich auch unterordnen zu müssen glaubte. So ging das jungtürkische Re-' giment daraus aus, ohne Berücksichtigung der eigentümlichen Verhältnisse in den verschiedenen Gebieten das weite Reich durch einen zentralistischen Verwaltungsmechanismus und nach einem gemeinsamen Rezepte zu regieren, und hatte bald damit glücklich das Ziel erreicht — daß sich das ganze Land in vollem Aufruhr befand. Kein Jahr verstrich, ohne in einem Teile des Reiches einen Ausstand sowie eine blutige Kampagne zu. dessen Unterdrückung mit sich gebracht zu haben. Zuerst erhoben sich die Drusen, die in einem mörderischen Vernichtungskrige wieder unterworfen wurden. Es folgten dann die Empörungen unter Scheich Jdris und Imam Bahia in Arabien, bei deren Bekämpfung die Jungtürken zahllose ihrer besten Truppen auf dem Schlachtselde ließen; und sie hätten sich /womöglich hier nicht einmal. auf die Dauer behaupten können, wenn es nicht dem Angriff Italiens auf Tripolis Vorbehalten geblieben wäre, die getrennten Glieder des islamitischen Glaubenskörpers wieder zu einigen. Schließlich kam die Auflehnung der über ihre autonomen Rechte eifersüchtig wachenden- Albaüesen, wodurch der Hohen Pforte auch noch das einzige Gebiet aus der Balkanhalbinsel, in welchem sie gegenüber der ihr seitens der christlichen Völkerschaften drohenden Gefahr bisher eine zuverlässige Stütze gefunden hatte, verloren ging. Es soll gewiß nicht in Abrede gestellt werden, daß die neue Aera in der Türkei viel Gutes gebracht und viel Nützliches geschaffen hat. Gerade wer. den Orient kennt und mit den dortigen Zuständen von früher her vertraut ist, wird das Geleistete dankbar anerkennen und seinen Urhebern Gerechtigkeit widerfahren lassen. Viele Uebel wurden abgestellt, viele Mängel beseitigt. So wurde mit dem Jnlandspaß aufgeräumt, ein Teil der Verkehrs- und Akzisensteuer ausgehoben und gegen die alten, das Geschäs'tsleben stark unterbindenden zahlreichen Einfuhrverbote in weitreichendem Maße Abhilfe geschaffen. Auch der Straßen- und Eisenbahnbau wurde gefördert und Handel und Wandel mit gutem Erfolge unterstützt. Zum erstenmal geschah es, daß .die Gehälter der Beamten und Offiziere nicht bloß auf «dem Papier stehen blieben, sondern auch wirklich regelmäßig zur Auszahlung gelangten. Dafür wurden anderseits wieder Offizierkorps und. Beamtentum erheblich beschränkt und das Pfründen- und Schmarotzerleben nach Möglichkeit unterdrückt. Vor allem brachte man einen Staatshaushaltsplan zur. Aufstellung. Und wenn es auch zunächst, trotz der gestiegenen Einnahmen, nicht gelingen wollte, das Budget ins Gleichgewicht zu bringen, so rührte das zum großen Teil davon her, daß der Staat diesmal mit der Einhaltung seiner Verpflichtungen Ernst machte. Auf alle Fälle bedeutete die Etatisierung der Finanzen allein schon eine Tat, denn damit war die feste Absicht, zum Ausdruck gebracht, mit der ziel- und uferlos betriebenen Pumpwirtschaft endgültig aufzuräumen. Aber was wollte das alles angesichts der hochgespannten Erwartungen besagen! Wie ein Sendbote vom Himmel wurde der Umsturz begrüßt, wie die gütige. Unendliches vermögende Fee im Märchen die Verfassung bejubelt. Nun würde sich alles zum besten wenden und aus. die lange Zeit der Bedrückung und der Not eine lichte Zukunft ungetrübten Aufschwunges folgen. Von diesen heiß gehegten, zum Teil überhaupt nicht realisierbaren Hoffnungen konnten begreiflicherweise zunächst nur die wenigsten in Erfüllung gehen. Zudem geschah alles so unvermittelt, so sprunghaft und so. gewaltsam, daß man zuletzt dabei noch, kaum das Bild einer auf natürlichen Voraussetzungen sich ausbauenden organischen Fortenwicklung hatte. Die daraus, resultierenden Gefühle der Unzufriedenheit und Enttäuschung mußten aber um so eher eintreten und um so stärker um sich greisen,..als die Neugestaltung der. Dinge im osmanischen Reiche ja nicht eigentlich das Werk der Massen war. Eine politische Bewegung ist ein Wechsel auf Sicht, dessen-Einlösung am Verfalltage nur erfolgen kann, wenn für das Kapitalvermögen von vornherein durch Spareinlagen vorgesorgt wurde. Auf eine solche vorbeugende Einsicht war jedoch in der Türkei bei den breiteren Volksschichten nicht zu rechnen. Selbst in der allerelementarsten Form nicht. Der Arnaute konnte ebensowenig begreifen, daß er im Interesse des Staates fortan, auf sein Vorrecht der Steuerfreiheit verzichten, müßte, wie der Kurde es einzusehen vermochte,.warum er dem nationalen Gedanken zuliebe den Armeniern gegenüber seinen räuberischen Instinkten nicht mehr nachgehen sollte. Die staatliche Umwälzung im Reiche des Halbmonds war nach einer häufig gebrauchten Wendung „eine Revolution

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