Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 39 (26.9.1913)
- Date
- 1913-09-26
- Page
- Seite 465 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3229069-3229109--69787-3282108- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
I 465 Rabbiners, der das Problem des jüdischen Ehgesetzes, über welches er gehandelt, nicht gründlich studiert habe. Auf eine wissenschaftliche, gründliche Wiederlegung jener liberalen Behauptung aber wartet der Leser vergeblich. C., der zwecks Bemängelung des unkorrekten Wortes „durchgedrückt", was dem Leser sehr gleichgültig ist, mit einem großen Zitatenmaterial um sich wirft, tut die liberale Anschauung über das biblisch-talmudische Ehegesetz mit wenigen Sätzen ab, findet es aber nicht für nötig, auch nur einen einzigen quellenmäßigen Beweis hierfür zu nennen. Wie ist es nun aber erklärlich, daß man, nachdem man dem Gegner ungründliches und quellenloses Arbeiten zum Vorwurf macht, für die Gegenbehauptungen noch nicht einen Beweis anführt? Nun, den wahren Grund für dieses „loyale" Vorgehen C.s finden wir schon bald, wenn wir die einzelnen Sätze seiner Gegenbehauptung näher betrachten. C. macht jener liberalen Aeußerung gegenüber geltend, daß „auch nach der Bibel die eigentliche Form der Ehe die Monogamie sei". Nun zeigt uns aber die Bibel sowie fast jede Seite der betreffenden Talmudtraktate, daß ihnen die Polygamie als das Selbstverständlichste der Welt erscheint, vgl. z. B. 5. M. 21, 10—15 u. ö. Wenn nun so C.s apodiktische Behauptung rein aus der Luft gegriffen ist, dann wissen wir auch, warum er von jeglicher Beweisführung äbsieht. C. wendet ferner ein, daß „alle unsere Großen ganz eigentlich nur eine Frau besitzen wollten". Da nun aber auch Jakob, der trotz des Kindersegens von beiden Frauen auch noch die Mägde hinzuheiratete, ebenso David mit seinen sechs Frauen, ferner der Prophet Natan, welcher David jene Frauenzahl auf Wunsch vervielfachen wollte, ebenso Salomo mit seinem tausendköpfigen Harem, dann Saul mit seinen Kebsen, ferner der fromme Hohepriester Jojada, der dem König Joasch zwei Frauen zu gleicher Zeit zugeführt hat (2. Sam. 3,2—7, 11,27, 12,8; 1: Kön. 11,3; 2. Chron. 24,3), alle diese gehören doch auch für C. 31t „unseren Großen", so mußte er wohlbegreiflich den Quellen aus dem Wege gehen. Die biblische Geschichte ist zwar jedem Kinde bekannt, wer jedoch dem Prinzipe des „Israelit" treu bleiben will, muß seinen Lesern die denkbar größte Ignoranz zutrauen. C. hebt drittens hervor, daß „in der Bibel nur im Falle der Kinderlosigkeit eine zweite Ehe geboten erschien". Tatsächlich aber fordert die Bibel nirgends auch nur am leisesten ♦ irgendwelche Einschränkung der Polygamie. Der Talmud, der eine solche Forderung, wenn sie in der Bibel auch nur angedeutet wäre, sicherlich kodifiziert hätte, kennt eine Einschränkung der Polygamie nicht nur nicht, sondern er erklärt (Jebamoth 65 a.) ausdrücklich: „Es heirate jeder so viele Frauen er will, wenn er sie nur ernähren kann." qik 81211 .m rrob nb mn ambnira bv dto na 3 und ibid. 44a erteilt er „den guten Rat, nicht mehr als vier Frauen zu heiraten" (ab '’StD P8 '1 b"Dp .121D .122)- Diese beiden talmudischen Regeln sind durch alle Kodizes des Mittelalters tradiert und sind auch im Schulchan- Aruch wiedergegeben. Wenn nun C. mit der oben zitierten Behauptung den Quellen dreist ins Gesicht schlägt, dann muß er sie selbstverständlich verschweigen. C. berichtet viertens, daß die Polygamie dem alten Judentum schon von jeher unbekannt gewesen sei und daß die Verordnung des Rabbi Gerson nur noch von der Pflicht der zweiten Ehe im Falle der Kinderlosigkeit dispensiert habe. Nun ist es aber allbekannt, daß die gesamte außerdeutsche Judenheit jener Verordnung, trotz des großen Ansehens des Rabbi Gerson, sich nicht gefügt hatte (vgl. Responsen des npltfba D"ma Nr. 95 nibin 211 abi 18 ab Dbi2a Dienj i2»2ii Din naorrbr ibap ab mm baai 212^21 11ad nib^biQDin), wie ja auch bei allen orientalischen Juden die Polygamie heute noch heimisch ist. Ebenso ist nirgends erwähnt, das jene Verordnung nur aus den Fall der Kinderlosigkeit abgezielt habe. Wäre dies der Fall, wie könnten dann Koryphäen wie i"211 'O2"ni"2l1 T'tWlüt Erwägung ziehen, jenerVerordnung im Falle der Kinderlosigkeit auch heute noch die Gültigkeit abzusprechen. Ueberhaupt wird jener Verordnung von den meisten und' größten Dezisoren die Geltung aberkannt, wenn sie mit religiösen Handlungen kollidiert. (Vgl. i'pu-a'p trw pnna .d"1 a, nanna a'ina a“i ‘a.aatzrv) C., der an Stelle der Entscheidung der Alten seine Fiktionen setzt, kann daher von den Quellen keine Notiz nehmen. Nun wissen wir jetzt, warum C. auf jede quellenmäßige Beweisführung seinerseits verzichtet. Den Gegner durch allen möglichen Sarkasmus ins Lächerliche ziehen, ist eben viel leichter, als ihm mit triftigen Beweisen begegnen. C., der die Taktik des „Israelit" gründlich erlernt hat, weiß wohl, daß für die großen Massen der Leser des „Israelit" eine überzeugende Beweisführung keinesfalls nötig ist. Beißende Satiren, Spötteleien und lange Schmähreden erzielen hier ein viel größeren Affekt. * C. sagt: „Daß dem Referenten die seine Darstellung negierenden Tatsachen bekannt gewesen seien, ist nicht anzunehmen, nicht etwa,^ weil ihm der Schutz des anblD .nwa 81 pt2D ab nblb 81^221 zusteht, denn vor einem liberalen Publikum ist auch die gröbste Entstellung der jüdischen Lehre keine nblb 8T221 aflba, sondern weil wir solche Kühnheit psychologisch uns nicht erklären könnten. Der Herr Referent hat sich einfach nicht informiert. Da frage ich: „Hat er ein Recht zu solcher Oberflächlichkeit?" Nun, Herr Dr. C. hat sich demnach ja gut informiert, es war ihm also wohl bekannt, daß seine sämtlichen Gegenbehauptungen pure Erfindungen, sämtlichen Quellen schnurstracks entgegengesetzte Erdichtungen sind, es kann ihm also nicht der Vorwurf der „Oberflächlichkeit" gemacht werden. Wir müssen uns bei ihm also eine „solche Kühnheit" psychologisch ja erklären können. Als Wortführer des „Israelit" hält er eben seine Leser für solche, vor denen ebenfalls „auch die gröbste Entstellung der jüdischen Lehre keine nbub 81221 anba ist." Da frage ich nun: Hat C. das Recht zu einer solchen „Entstellung der jüdischen Lehre"? Zu Ehren des jüdischen Gottes, von dem die Bibel ab “O an Ppn nab (Jjob. 13,16) sagt, tut er dies ganz gewiß nicht. Jeremias (32, 18) und Daniel (9,4) haben, nach Joma 691>, selbst in ihren Gebeten die von Moses geprägten göttlichen Attribute weggelassen, weil die Verhältnisse ihrer Zeit keine Bestätigung für dieselben boten, und auf die Frage: wieso sie eine von Moses selbst geprägte Gebetssormel ändern durften, antwortet der Talmud: „Da sie Gott als den Wahrheitsliebenden kannten, wollte nsie ihn nicht belüge n." 121212 ab -p'ab Kirpn« 12 D’rrnr *jina. Je mehr daher der „Israelit" und seine Getreuen vorgeben, für Gott und seine W a h r h e i t zu kämpfen, d est0 deutlicher manifestier,en sie damit, daß ihre Gottesaufsassungmit d e r d e s Jeremias und Daniels nichts gemein hat. Wir aber nehmen zu ihremVorteil an, daß sie nicht für die göttliche Wahrheit, sondern für ihre Partei kämpfen; denn für den „Israelit" und die Seinigen i st d i e R e l i g i 0 n P a r t e i s a ch e. Mach dem Mrdrnslchluh. Von Dr. Alphon-S I. Sußnitzki. II. it großer Entschiedenheit wurde nun nach der Verkündigung der Verfassung auf eine Verbesserung der finanziellen Verhältnisse hinzuarbeiten gesucht. Ins Finanzministerium wurde ein französischer ■i