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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-09-26 · Heft 39 (26.9.1913) · p. Seite 462

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 39 (26.9.1913)
Date
1913-09-26
Page
Seite 462 (sequence 6)
Language
German
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462 würde, daß die Briefmarken auf -der Rückseite mit Eiweiß versehen werden, so wäre das Problem noch immer nicht gelöst. Denn, bemerkt der Schreiber des fraglichen Artikels zum Schlüsse, das Eiweiß könnte möglicherweise einem Ei angehören, das von einer Henne an einem jüdischen -Festtag gelegt worden ist und daher, den rabbinischen Satzungen gemäß, nicht benutzt werden darf. Was SimcheSuson anlangt, so war er den Gästen des Boarding House als professioneller Heiratsvermittler (Schadchen) bekannt.- Seinem Namen und Beinamen gemäß, war er stets von guter Laüne> und ein gefälliges Lächeln spielte häufig, auf seinem mit einem kleinen schwarzen Bärtchen versehenen Antlitz. Merkwürdig ist es aber, daß, während, er beständig heiratslustigen Personen zu Frauen verhalf, er selber ledig blieb und keine passende Partie für sich ausfindig machen konnte. Charakteristisch war es bei Simche Suson, daß er nämlich hin und wieder in seiner Konversation Phrasen gebrauchte, die in klassischer oder moderner Literatur ihren Ursprung haben. Wenn er zum Beispiel irgendeine Behauptung seinen Tischgenossen gegenüber gemacht hatte, die er mit gewissen Gründen bestätigte, so schloß er sie mit den Worten: quod erat demonstrand'um. Oder, wenn er befragt wurde, ob die letzte -von ihm veranstaltete „Partie" mit günstigem Erfolge gekrönt sein würde, so antwortete er: qui vivra v er r a. Das Leben an der Seeseite während der Sommerserien bezeichnete er als ein allgemeines dolce fa r niente, obschon er selber, wie er'bemerkte, in dieser geschästslosen Periode sich nicht ganz der süßen Träumerei und der Untätigkeit hingibt. Simche Suson unterhielt zuweilen die Tischgäste im Boarding House, indem er manche amüsante. Episoden erwähnte, die in Verbindung mit seiner Praxis als Heiratsvermittler zum Vorschein traten. Eine von diesen war folgende: Jüngst, sagte er, sei es ihm gelungen, die. bejahrte und keineswegs anziehende Tochter seines Freundes Mr. Cohen, mit einem unbemittelten Witwer zu.verloben. Dies. geschah,: nachdem Mr. Cohen sich verpflichtet hatte, seiner-Tochter eine Mitgift von hundert Pfund Sterling zu geben,', welche Summe Geldes dem Bräutigam am Morgen der stattzufindenden Hochzeit von chm eingehändigt werden sollte. Demgemäß waren alle Vorbereitungen zur Hochzeit gemacht, und. am. festgesetzten Hochzeitstage waren in üblicher Weise die Hochzeitsgäste nebst dem Rabbiner und der Braut in der Synagoge erschienen. Wer aber nicht erschien, das. ..war der Bräutigam. „In dieser Enttäuschung," so schloß Simche Suson seine Erzählung, „begab ich mich eiligst nach der Wohnung des Bräutigams, und da fand ich ihn, „kühl bis ans Herz hinan", in einem Lehnstuhl sitzen, wobei er zugleich eine lange Pfeife gemütlich schmauchte. Aus meine Frage, warum er denn nicht zur Synagoge käme, gab er mir folgende Antwort: „Sehen Sie," sagte er, „wie Sie wissen, hat der Vater meiner Braut mir versprochen, mir heute morgen die Mitgift derselben in barem Gelde einzuhändigen. Statt dessen aber reichte er mir einen Wechsel aus hundert Pfund Sterling, den ich nach der Trauung einkassieren sollte. Diesen wollte ich nicht akzeptieren nnd habe es daher unterlassen, zur Trauung in der Synagoge - zu erscheinen." Die Erzählung dieser Episode erregte allgemeine Heiterkeit unter den Tischgenossen, und selbst Miß Sauerkraut, die ein saueres Temperament hatte und nur recht selten lächelte, wgr dadurch in eine recht heitere Stimmung versetzt. Seitdem sah man sie häufig mit Srmche Suson an der Meeresküste lustwandeln, und sie schien seinen Worten mit lebhaftem Interesse. zu lauschen. . ,; Am' Tage meiner Abreise gab mir Reb Pessach /T.inst.ensaß die lausende Nummer seines Wochenblattes zu lesen,'wobei er mich zugleich auch auf die darin angekündigte Verlobung des S im ch e Suson mit Miß S a u erkraut aufmerksam machte. Diese Ankündigung war mit einigen poetischen. Zeilen begleitet, die den Editor des Blattes zum Verfasser hatten, und folgendermaßen lauteten: 'Freue-dich, Suson, daß du hast zur Braut Miß Clara Rebekka Sauerkraut; Sie hat etwas Geld und ein schönes Punim1). Lebt beide glücklich ad meoh schon im2). Jüdisches im Gelehrtenkreile Iscob Grimms. Von L. Frankel. er geniale Germanist und Sprachforscher Jakob Grimm, mit seinem ziemlich langen Leben (1785 bis 1863) aus dem Sturm und Drang vor.der französischen Revolution als ein Sohn des Zeitalters des. sogenannten „Aufgeklärten Absolutismus" bis an die Schwelle Neudeutschlands reichend, war, unbeschadet seines sonstigen berühmten Freimutes, dem auch der Widerstand gegen Fürstenwillkür — 1837 gegen den König Ernst August von Hannover — und die Betätigung einer, wenn auch sehr maßvollen liberalen Politik im Frankfurter Parlament entstammten, in vielen Punkten ein geradezu ausgesprochener Gegner neuzeitlicher, fortschrittlicher Ideen, meistens, mit ganz seltsamem Starrsinn. So hegte er, was wohl bei einem Zeit- und zum Teil Strebensgenoffen F. L. Jahns, E. M. Arndts und anderer „Deutschtümler" verständlich/ auch nichts weniger als freundliche Gefühle für seine israelitischen Mitbürger und deren politischbürgerlichen Befreiungsdrang. Seine Anschauung deckte sich darin mit der bezüglichen des ihm sonst sehr nah verbundenen geistreichen Juristen Kar l Fr i e d r i ch v. S a v i g n y, eines freilich trotz mannigfachen modernen Anstrichs durchaus reaktionären Mannes, /eines Vaters des heutigen deutschen konservativen Ultramontanismus. Aus dessen Munde ist das doppelte. Verhalten gegenüber einem jungen Schützling seiner ausgesprochen freisinnigen Schwägerin Bettina v. Arnim, dem später als Politiker und Publizist rühmlichst bekannt gewordenen Hermann Bernhard O p p e n h e i m, ungemein, bezeichnend: jüngst in W. Ahrens' köstlichen authentischen „Getehrtenanektoden", Berlin-Schöneberg 1911, H. Sack, S. 191/192, aus Max Rings „Erinnerungen" I, 147—149, ausgegraben. Als Oppenheim, 19jährig, die juristische Doktorwürde erworben hatte, sprach ihm Savigny die Berechtigung ab, sich „Doktor beider Rechte" zu nennen, da ein Jude unmöglich Doktor des Kirchenrechts sein könne! Oppenheim, später in der Tat eine Zeitlang Privatdozent (in Heidelberg), ging damals mit dein Plan um, sich an einer preußischen Universität zu habilitieren. Bettina, die. den hochbefähigten jungen Mann zu fördern suchte, verlangte, wenn auch wohl nur im Scherz, von ihrem Schwestermanne Savigny, daß er sich überwinde und Oppenheims Annahme bei der Berliner Universität befürworte. Savigny fand diese Zumutung unerhört und wies sie mit den Worten zurück: „Ein Jude kann und darf nie- Lehrer und /Privatdozent an einer preußischen Universität werden" — ein Ausspruch, der, dem berüchtigten des noch stockjunkerlichen Otto v. Bismarck von 1847 (er könne sich keinen Juden als preußischen Staatsbeamten vorstellen) ebenbürtig, allerdings durch das Drängen der Zeit bald illusorisch wurde. Uebrigens setzte Bettina, wie der angegebene Bericht mitteilt, dein Schwäger in ihrem Frankfurter Dialekt folgenden spöttischen Trumps entgegen: „Was! Nit emol Privatdozänte solle die Judde. werde, nit emol ver- *). Gesicht. 2) Hundert" .Jahre lang.

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