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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-09-26 · Heft 39 (26.9.1913) · p. Seite 461

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 39 (26.9.1913)
Date
1913-09-26
Page
Seite 461 (sequence 5)
Language
German
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461 Theodor Neubürger wurde den 16. Oktober 1830 zu Düsseldorf geboren, wo sein Vater Direktor einer Schule war. 1838 siedelte die Familie Neubürger nach Frankfurt a. M. über. Von dem Vater für die Sekunda des Frankfurter Gymnasiums vorbereitet, besuchte er diese Anstalt zweieinhalb Jahre lang und wurde im Herbst 1849 mit dem ersten Preise als Primus zur Universität entlassen. Das Zeugnis der Reife des Frankfurter Gymnasiums wurde vom preußischen Ministe- .rium als ein dem inländischen gleichwertiges anerkannt. Neubürger studierte dann Medizin in Marburg, Bonn, Wien und Berlin, wo er seine Doktor- und Staatsprüfung ablegte. Aus besonderer Vergünstigung wurde ihm gestattet, den 1. April 1854 seiner Militärpflicht als einjähriger Arzt in Frankfurt a. M. bei dem 38. königlichen Infanterieregiment nachzukommen. 1855 wurde er zum königlichen Assistenzärzte bei dem gleichen Regiment befördert, bei dem er bis zum 31. Dezember 1857 verblieb. 1858 ließ er — vor seiner Verheiratung und nochmals in Frankfurt zurückgelegtem Staatsexamen — sich daselbst nieder und gewann dort bald einen großen Wirkungskreis als Arzt, aber nicht nur als Arzt war er tätig, als Präses seiner Gemeinde setzte er die Fixierung der Lehrergehälter und den Neubau des Königwinterschen Hospitals durch. Zum Stadtverordneten gewählt, bemühte er sich erfrigst für die Verstadtlichung des Wasserwerks, bekämpfte die Errichtung eines besonderen Blatternhospitals, während er für den Bau des städtischen Krankenhauses mit Isolierräumen für Infektionskrankheiten im allgemeinen zu wirken suchte. Bei seinem 50jährigen Doktorjilbiläum überreichten ihm dankbare Patienten zur Gründung einer wissenschaftlichen, den Namen Neubürger tragenden Stiftung 75 000 Mark, die er auf. 100 000 Mark erhöhte und bisher der Krebsforschung dienen ließ. So einfach Neubürgers äußerer Lebensweg erscheint, so reich und vielgestaltig war sein Wirkungskreis als Arzt und Forscher. Ruskin nennt die Medizin „eine schöne Kunst, wenn sie als das Ergebnis des harmonischen Zusammenwirkens von Hand, Kops und Herz sich kundtut". Neubürger setzte sein Wissen mit Herz in die Tat um. Sein reiches Wissen, sein großes, ihm stets gegenwärtiges Erfahrungsmaterial, seine seltene Menschenkenntnis, die ihn stets von der Psychotherapie hervorragenden Gebrauch machen und das kleinste unscheinbarste Symptom nicht unbeachtet ließ, verliehen ihm große Sicherheit. So verschiedenartigen Klassen seine Patienten auch angehörten, seine Vielseitigkeit machte ihn jedem genießbar, seine seltene Klarheit machte ihm jeden zugänglich. Seine Menschenfreundlichkeit gewann ihm alle Herzen, und der von ihm ausgeübte Eindruck auf seine Patienten war ein sehr großer. Jedes hielt sich für den Liebling des nicht nur an seiner Krankheit, nein, an seinem, ganzen Geschick teilnehmenden Mannes mit den durchdringenden freundlichen Augen. Trotz seiner Berufstätigkeit, die sich oft weit in die Nacht hinein ausdehnte, fand er Zeit, seinen Geist den bedeutendsten Interessen zuzuwenden, denen er mit Leichtigkeit zu folgen vermochte, so vor allem den Studien des großen, leider so früh verstorbenen Gelehrten Lazarus Geiger, der den Schlüssel erkannte, der die Geheimnisse der Natur aufzuschließen imstande ist, der seine Werke über diese tiefsten Probleme Theodor Neubürger gewidmet hat. Seine medizinischen, spezialistischen, wissenschaftlichen und philosophischen Schriften sind meist in Zeitschriften erschienen. M. 0. Mus einem rnglilchrn lösdeort. Von Dr. G. C h o tz n e r. n den letzten paar fahren haben die jüdischen sogenannten Boarding Houses, die in den verschiedenen Badeorten in England etabliert sind, an Zahl recht sehr zugenommen. Doch kann man keineswegs mit Bestimmtheit sagen, daß die Qualität der meisten von ihnen mit der Quantität derselben gleichen Schritt gehalten habe. In einem dieser Boarding Houses, wo ich diesen Sommereinige Wochen verweilte, logierten zur selben Zeit einige Gäste männlichen und weiblichen Geschlechts, die recht kuriose Beinamen hatten. Während nämlich drei von ihnen respektiv: H i r s ch B i e g el e i s e u, P e s s a ch Tintenfaß und S i m ch e S u s o n hießen, nannte sich ein daselbst wohnendes ältliches Fräulein: Miß Clara Sauerkraut. Es kam mir auch recht ausfallend vor, daß nämlich die besagten Beinamen mit der Beschästigimg oder dem Temperament der Träger derselben etwas zu tun hatten. Sv war zum Beispiel Mr. B i e g e l e i s e n ursprünglich Flickschneider in Rußland gewesen, der späterhin nach London auswanderte, wo er jetzt die Schneiderei in großen! Maßstabe betreibt und dabei recht güte Geschäfte macht. R e b P e s s a ch Tintenfaß ist seinerseits Eigentümer und zugleich auch Editor und Verkäufer eines in einer englischen Provinzialstadt wöchentlich erscheinenden Jargonblattes, das „Der Tag" (Tag) tituliert ist. Derselbe ist ein höchst eifriger Zionist, und demgemäß ist sein Blatt beständig voll von größeren -und kleineren Artikeln, die den Zionismus zum Gegenstand haben. — Bei einer gewissen Gelegenheit las Reb Pessach seinen Tischgenvssen einen Auszug aus seiner Wochenschrift vor, der sie alle in eine heitere Stimmung versetzte. Sollte, hieß es daselbst, in nächster Zukunft ein jüdisches Parlament in Jerusalem zur Wirklichkeit werden, so würde sich den Mitgliedern desselben ein Problem präsentieren, das sie nicht so leicht werden lösen können. Dasselbe würde nämlich während der Mittelfeiertage (Chol- Ha-Moed) des Passahfestes zum Vorschein treten, zu welcher Zeit gesetzestreue Israeliten Briefmarken nicht benutzen können, da sie bekanntlich auf der Rückseite mit einer klebrigen Substanz behaftet sind, die mit der Zunge nicht geleckt werden darf, da sie von „Chometz" (Sauerstoff) nicht ganz rein ist. Sollte aber der jüdische Generalpostmeister in Jerusalem dieses Dilemma dadurch zu beseitigen suchen, indem er verordnen Geh. Sanitätsrat Prof. Dr. Th. Neubürger in Frankfurt a. M.

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