Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 39 (26.9.1913)
- Date
- 1913-09-26
- Page
- Seite 460 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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460 In Rußland wohnen etwa 8—9 Millionen Juden. Das nnsitt- . lichste Stück Erde, der Pogromstaat, gibt diesen Staatsangehörigen kein freies Wohnrecht. Eingepfercht in den Ansiedlungsrayons wie in Käfigen, ist den Juden jede Existenzverbesserung unmöglich gemacht; sie haben keinen Zutritt zu den Börsen; sie dürfen sich nicht an Handelsgesellschaften beteiligen;, sie werden in ihrer geistigen Entwicklung gewaltsam gehemmt. Nur 3—10 Prozent der Schüler an Gymnasien dürfen Juden sein, die Universitäten haben diese Norm sogar auf durchschnittlich 4 Prozent festgesetzt. Bisher war es üblich, daß Abiturienten mit besonders guten Zeugnissen ein Vorrecht hatteil. Da sich zeigte, daß der jüdische Schüler in den meisten Fällen das geistig tüchtigere Element bedeutete, verfielen die Machthaber neuerdings auf folgende Bosheit: die zuzulafsenden 4 Prozent bestinnnt der Würfelbecher. Juden werden zur juristischen Fakultät zugelassen: ein Erlaß aus den letzten Wochen macht jüdischen Juristen jedoch die Ausübung ihres Fachberufs unmöglich. Da diese Infamie rückwirkende Kraft hat, haben Tausende dem Studium umsonst Jugend und Vermögen geopfert. Es gibt freilich für sie wie für alle russischen Juden einen Ausweg: die Taufe macht gleichberechtigt. Daß aber, trotz allen Hetzereien, doch nur ein winziger Bruchteil der Inden diese Komödie mitmacht, daß die Mehrheit der jüdischen Jugend fest bleibt, das darf als ein wundervolles Beispiel von heldenhaftem Idealismus gepriesen werden. Denn die Taufe bedeutet für die Juden Rußlands mehr als für deutsche Taufjuden: Freikommen ans unwürdiger Sklaverei. Sie bleiben dennoch fest, die russischen Juden. Auch dort, wo die neue Generation sich von den orthodoxen Ideen der Väter völlig frei gemacht hat, weist sie das schamlose Ansinnen einer Regierung zurück, die aus tierischer Brutalität und erbärmlicher Feigheit ein ganzes Volk entrechtet. Ihr aber, deutsche Juden, reiche, machtvolle, königstreue, freisinnige deutsche Juden, die ihr aus jedem Traub einen Helden macht, wo seid ihr? Wo seid ihr im Augenblick, da eure russischen Glaubensgenossen ihrer Glaubenstreue wegen stündlich beleidigt und verfolgt werden? Weshalb schweigt ihr wie feige Hunde? Weshalb duldet ihr, daß eure Presse stündlich auf der Lauer liegt, um Märtyrer der evangelischen Kirche zu züchten, während sie. die heldenhaften jüdischen Kämpfer gemein im Stich läßt? Die. Zustände, die ich kurz skizzierte, sind der deutschen Presse , kein. Geheimnis. Die deutschen Herrschaften aber haben Wichtigeres zu tun. Man kämpft um das preußische Wahlrecht, um jüdische Offizierspatente, .man kämpft gegen die „Unduldsamkeit" der christlichen Kirche, man wird für .die Menschenwürde der Marslnvohuer leitartikeln. Für die leidenden russischen Juden, für deren Menschenwürde, wird mau erst wieder eintreten, wenn ein aktuelles Interesse, ein Pogrom. Anlaß gibt. Dabei sollte die deutsche Judenschaft sich schon aus persönlichen Gründen gegen den Zarismus wenden: auch deutsche Juden haben in Rußland jede Entwürdigung zu ertragen; sie haben als Gäste kein freies Wohnrecht, sic werden wie Aussätzige behandelt. Würde Rußland deutschen Katholiken so frech begegnen, die Zentrmusvertreter hätten - die deutsche Regierung längst zum Einschreiten gezwungen. Unsere jüdischen Volksvertreter rühren sich nicht. Besäßen sie einen Funken vom jüdischen Stolz ihrer russischen Glnnbensgeiwssen, sie würden sich zur Tat aufraffen, unsere Juden. Sie, die hier mit Konservativen und Nationalliberalen paktieren, sie, die in ihrer Presse und in ihrem Gelde eine Macht besitzen, die den Zarismus bezwingen kann, — sie schweigen. Mrrlkhrrr lkonrsd Trieber. Gestorben in Frankfurt a. Main. Ende August 1913. Ein Gedenkblatt von Ludwig Geiger, ie Reihen lichten sich, sowohl derer, die als Juden Achtung genossen und verdienten, als derer, die mein eigenes Leben begleiteten. Konrad Trieber, der nach jahrzehntelangem Siechtum gestorben ist, war der großen Menge unbekannt, nur einem kleinen Kreise vertraut. .Er war in Schlesien Anfang der 40 er Jahre des 19. Jahrhunderts geboren, studierte in Göttingen und lebte seit fast 45 Jahren in Frankfurt am Main. Dort war er lange Zeit Lehrer am Philanthropin, später viele Jahre Oberlehrer am städtischen Gymnasium. Seit länger als einem Jahrzehnt war er emeretiert und fast ebenso lange unheilbarem Siechtum verfallen. Er war gelähmt, hatte die Sprache verloren, hatte.aber seinen Geist lebendig erhalten. Er konnte zwar lesen, aber nur mit großer Mühe schreiben, und vermochte sich nur in unartikulierten Lauten.auszudrücken. Er evkännte die Freunde wieder, zeigte für alles, was man chm erzählte: Persönliches, Allgemeines, Wissenschaftliches, das lebhafteste Interesse, war aber nur imstande, dieses Interesse durch Zeichen oder mißtönende Laute erkennbar zu machen. Er war ein hervorragender Gelehrter. Er hatte alte Sprachen und Geschichte studiert, H. Sauppe und E. Curtius waren seine Lehrer. Er veröffentlichte einige scharfsinnige und viel beachtete Untersuchungen über Lykurg und griechische Berfasfungsgeschichte, wandte ein sehr lebhaftes Interesse dem Historiker Josippon zu, den er durch eine neue Ausgabe zu beleben suchte, verfügte über ein reiches Wissen, besaß außerordentlichen Scharfsinn, hat aber kein Werk hinterlassen, das die reichen Gaben seines Geistes voll bezeugte. Er wäre berufen gewesen, entweder als ein stiller Gelehrter oder als Dozent zu wirken, der auf wenige begabte Schüler großen Einfluß; geübt hätte, — seine Mittellosigkeit, sein Bekenntnis, dem er treu anhing, hinderten ihn, diese Laufbahn zu ergreifen. Als Lehrer war er nicht an seinem Platz; er vermochte keine Disziplin zu halten und bot durch mannigfache seltsame Aeußerlichkeiten der spottlustigen Jugend-, die die Schwächen des Meisters gar leicht erkennt, allzu reichliche Gelegenheit zum Unfug, und doch lehrte er gern und liebte die Jugend, wenn diese ihm auch seine Liebe nicht vergalt. Er war ein trefflicher Kamerad. Ich lernte den um etwa ein Jahrfünft Aelteren in meinem ersten Göttinger Semester Winter 1866/67 kennen und bin seitdem ständig mit ihm im Verkehr geblieben, habe' ihn auch während seines schweren Siechtums mehrfach in Frankfurt ausgesucht. Er war eine gediegene Natur, eine anima candida. Zwar voll von Schrullen, ein klein wenig geneigt, sich als Spielball von Verfolgungen anzusehen, leicht erregt zu unbegründetem Haß, voll Selbstbewußtsein, naiv stolz auf die Anerkennung, die ihm von Meistern ckvie.Mommsen und Wilamowitz gezollt wurde. Aber fest in der Verehrung derer, die er als wirklich Große anerkannte und mit rührender Treue festhaltend an denen, welchen er seine Freundschaft geschenkt hatte. Er hat eine sehr schwere Jugend d-urchgemacht, befand sich aber in seinen höheren Jahren und während seiner letzten Leidenszeit in auskömmlichen Verhältnissen. Er blieb zeitlebens Junggeselle, aber er wurde von treuen Freunden umgeben, die ihn auch während seines Siechtums in liebevollster Weise pflegten und von einer wackeren Hausdame sorgsam betreut. Sv war er trotz des Unglücks, das ihn traf, ein glücklicher Mensch, zufrieden mit dem bescheidenen Lose, das ihm vom Geschick zugefallen war. Wir aber, die wenigen, die ihn genauer kannten, wollen das Andenken an ihn festhalten als an einen Treuen, der zeitlebens ein Strebender blieb, wenn er auch irrte, der sich rein erhielt in einem. Leben, das so wenige entläßt, ohne daß ihnen der Schmutz anhaftet und der immerdar dem Geiste diente, auch noch in einer Epoche, da der Körper fast völlig den Dienst versagte. Lum KV jährigen Doktorjubllöum von Theodor Mrubürger. on einem Jubilar, der schon viele Jubiläen gefeiert, ist es im allgemeinen nicht leicht, etwas Neues zu sagen. Selten bleibt einer, der die achtzig überschritten, ein Werdender, er wird dann meist ein sorglich Behüteter. Neubürger gehört zu den Seltenen stets Werdenden, stets Schaffenden, von denen man nie fragen wird: „Wann wird er endlich aushören zu arbeiten?" gehört zu den Unersetzlichen.