Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-09-26 · Heft 39 (26.9.1913) · p. Seite 459

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 39 (26.9.1913)
Date
1913-09-26
Page
Seite 459 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3229069-3229109--69781-3282102
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

ergänzen, und Eltern werden die schönsten Früchte einst ernten, wenn sie mit ihren Kräften die Autorität des - Lehrers unterstützen und fördern. Was nun die Erwachsenen betrifft, so sollen sie ihre Kräfte Nicht unnütz verzetteln in parteipolitischen Gezänken;' wichtiger für sie ist es, sich einmal wirklich hineinzuleben und zu vertiefen in das Judentum und seiner Geschichteum sie kennenzulernen und sich ein unparteiisches Urteil zu bilden. Viele sind liberal aus Unkenntnis des ganzen Judentums, aus Bequemlichkeit, viele aus Indifferenz oder Atheismus. Um sich aber eine gründliche eigene Meinung bilden zu können) dazu gehört ein energisches Studium, vor allem der Bibel, die natürlich jedes Haus, wenigstens in deutscher Übersetzung besitzen sollte, und Interesse für die spätere, herrliche jüdische Literatur. Und hat man dann nicht nur eine oberflächliche, sondern tiefer gehende Auffassung vom Judentum erlangt, so würden Vorträge über einzelne Themen u. a. mit dazu beitragen, das religiöse Empfinden zu steigern und'dem Judentum einen dauernden Boden in den Herzen zu bereiten. Dazu müssen aber unsere Rabbiner noch intensiver beitragen als bisher, unermüdlich und ohne Rast und Ruhe. Sie sind diejenigen, die an der Quelle der Wissenschaft gesessen haben, und deren Herz hoch für das Judentum schlagen soll. So sollen sie alle Kräfte aufwenden, um in Vorträgen, Zyklen, Geschichtsübungen, Bibelkursen, religionsgeschichtlichen Exkursionen den Gemeindemitgliedern das Judentum mundgerecht und schätzenswert zu machen in allgemein verständlicher Weise ohne zuviel philosophisches Gepränge. Die Predigt, die sich aus allgemeinverständlicher, populärer Basis bewegen soll, sei nicht das A und O seiner Tätigkeit, sondern sie sei nur der Anreiz für die Wissenshungrigen, die er unermüdlich belehren und ermuntern soll. Seine vornehmste Aufgabe sei es, die Indifferenz und Unkenntnis zu bekämpfen, die herrlichen Lehren des Juden- , tums nach allen Seiten zu beleuchten, die Jugend im jüdischen Geiste, im Geiste der Liebe und Versöhnung zu erziehen, dann — mag er orthodox oder liberal sein — wird er vor der Geschichte einst bestehen können, dann wird er seine Pflicht getan haben — das Judentum aber wird gefestigt dastehen, trotzend allen Stürmen von außen, ein Riese aus grauer Vergangenheit, der weiter wachsen und herrliche Früchte hervorbringen wird. Dir Woche. Berlin, den 23. September 1913. ndlich ist auch der Friede zwischen der Türkei und Bulgarien geschlossen. Darnid ist wenigstens vorläufig das furchtbare Drama zu Ende, das Europa fast ein volles Jahr hindurch in Atem gehalten hat. Der Schaden, den dieser Krieg allen Staaten des Balkan zugefügt hat, ist ein so ungeheurer, daß Jahre vergehen müssen, ehe die Wunden geheilt sind. Gerade diese Notwendigkeit der Ruhe bietet eine gewisse Bürgschaft für eine Reihe von Friedensjahren. Wie sich die Verhältnisse der Juden in den einzelnen Balkanstaaten gestalten, werden wir mit Aufmerksamkeit verfolgen; über die türkischen Verhältnisse werden die Leser durch eine Reihe von Artikeln unterrichtet, mit deren Abdruck in der vorigen Nummer begonnen worden ist. . - * lieber die I u d en inRumänie n enthält ein Brief des „Univers Jsraölite" (19. Sept.) sehr betrübende Nachrichten. Er berichtet, daß die jüdischen Freiwilligen, die sich zum Kriege meldeten, entweder nicht-angenommen wurden, weil sie „Fremde"' wären, oder, wenn angenommen, zu den nie-' drigsten Diensten 'verwendet, schauderhaft behandelt und einige Tage vor dem Friedensschluß nach Hause geschickt wurden mit der Maßgabe, dätz sie irrtümlich aufgenom- . men seien, da das Kriegsministerium fremde Freiwillige nicht brauchen könne. Die rumänischen Blätter wetteifern mit der Intoleranz der Regierung: als ein jüdischer bulgarischer Arzt Sal. Hermann als erstes Opfer der Cholera infolge Ansteckung starb, wagte ein rumänisches Blatt zu schreiben, „daß zahlreiche jüdische Aerzte sich geweigert hätten, auf dem Kriegsschauplatz die Kranken zu behandeln." Selbst die liberalen rumänischen Politiker treten nicht warm für die Sache der Juden ein. Einer von ihnen, Costinesco, verlangt, daß die Juden, welche Bürger werden wollen, „rumänisiert sein, seit mehreren Generationen im Lande-heimisch sein und rumänisch, nicht den polnisch-galizischen Jargon sprechen müssen." Wenn diese Politiker die Emanzipation der Juden verlangen, so wollen sie diese nicht nach den Bestimmungen des Berliner Kongresses, sondern nach freier Entschließung gewähren. Es ist überaus traurig, solche Berichte registrieren zu müssen! * 1lebet die Verhandlungen des Zvonistenkongresses in Wien haben wir unsere Leser kurz unterrichtet. Mit diesen Berichten wollen wir uns jedoch nicht begnügen. Unsere Leser seien vielmehr schon jetzt darauf vorbereitet, daß wir ein Stimmungsbild über den Kongreß von einem Teilnehmer, und einen Artikel über den Plan einer hebräischen Universität demnächst veröffentlichen werden. ' Hier soll ein kurzer Bericht der „Kölnischen Zeitung", eines dem Zionis- 'mus nicht ungünstig gesinnten Blattes wiedergegeben werden, der das Verhalten der Wiener Judenschaft während der Versammlung zu schildern sucht. Er lautet so: „Der 11. Zionistenkongreß hat vom 2. bis 9. September in Wien stattgefunden, in der Stadt Theodor Herzls, der den Zionismus geschaffen hat, und an dessen Grabe die Kongreßteilnehmer auch eine erhebende. Gedenkfeier veranstalteten. Man konnte gespannt darauf sein, welcher Empfang den Zionisten von der Judenschaft Wiens und dem Teil der Presse werde bereitet werden, der von Juden geschrieben wird. Wien ist ja mit seinen rund 300 000 Juden nicht nur eines der Hauptzentren des Judentums, sondern hat auch eine. Presse, die, von wenigen deutsch-nationalen und christlichsozialen Blättern abgesehen, fast ausschließlich von Juden hergestellt wird und in jüdischen Händen ist. Da muß man nun seststellen, daß von diesen Tatsachen bei Gelegenheit dieses Zionistenkongresses nichts zu merken war. Die Wiener Judenschaft beteiligte sich nur zu einem ganz kleinen Teil an dem Kongreß. Die jüdische Intelligenz Wiens steht säst durchweg dem Zionisinus ablehnend gegenüber, weil sie in den altliberalen Anschauungen ausgewachsen ist, wonach dem Judentum nur noch als - Religionsgemeinschaft ein Sonderdasein zukommt und ihm im übri-' gen ein Anpassen an die Wirtsvölker und ein Äufgehen in diesen zur Aufgabe gemacht wird. Das Wiener-jüdische Proletariat ist aber ganz und gar in den Banden der Sozialdemokratie, die ja überhaupt alles nationale Empfinden als veraltet bekämpft. Dementsprechend verhielt sich auch die Wiener von Juden geschriebene. Presse. Die Blätter liberaler Weltanschauung schwiegen den Kongreß teils ganz tot, teils beschränkten sie sich aus den Abdruck der Verhandlungsberichte. Die sozialdemokratische Arbeiterzeitung aber, deren Redaktion fast ausschließlich aus konfessionslosen Juden besteht, goß die volle Schale ihres giftigen Hohnes über den Kongreß und über den Zionismus aus als über die Ausgeburt borniertester jüdisch-bourgeoiser Orthodoxie. Man kann daraus entnehmen/ daß der Zionismus noch weit davon entfernt ist, die Gesamtheit der Judenschaft zu umfassen oder auch nur deren sympathische Unterstützung zu finden, und wird sich daher nicht darüber wundern, daß der jüdische Nationalfonds erst vier Millionen beträgt, eine recht geringe Summe in Anbetracht der großen Vermögen, die in jüdischen Händen vereinigt sind. * In der „Aktion" finden wir folgenden Ausruf „deutscher Juden", von Franz Piemsert, der die Lage der russischen Juden betrachtet. Enthält er auch manche Uebertreibungen, so ist er doch wert, unseren Lesern vorgeführt zu werden. Er hat folgenden Wortlaut:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.