Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 39 (26.9.1913)
- Date
- 1913-09-26
- Page
- Seite 458 (sequence 2)
- Language
- German
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wirkend die Eltern wieder der Judenheit nahegebracht und ihnen Verständnis für seine hehren Interessen eingeslößst So hat sich in manchen Gemeinden mehr, in manchen weniger religiöses/ Leben eNtfalM das Haus ist wieder etwas' mit dem Glanzß jüdischen Familienlebens erfüllt, die Kinder besonders haben dWch intensive Belehrung von seiten' tüchtiger Schulleiter und.Lehrer, durch Anhalten zum Besuche des Gottesdienstes , durch Feiern der jüdischen Festtage u. a. mit dazu beigetragen, daß auch die Eltern wieder mitfeiern und Interesse dem Judentum entgegenbringen. Aber all dieses In- , teresse auf jüdisch-religiöse Dinge können sie nur insoweitzeigen, als sie Ritus und Gebet mit ihrem Verstände fassen können und.soweit ihnen das Wesen des Judentums verständlich isü Wer in einem echt jüdischen Hause ausgewachsen ist — und es gibt Gott sei Dank deren noch eine große Anzahl (besonders in einigen Gegenden unseres Vaterlandes), für den ist jeder Brauch selbstverständlich, das rituelle Leben, Denken und Empfinden. Wie steht es aber bei der enorm großen Zahl Andersgearteter? Wer an unrituelles Essen gewöhnt ist, wird sich kaum, an Koschevessen gewöhnen können — es ist ihm völlig fremd und unangenehm; wer von TPllin keine Idee hat, wird sie nie legen lernen, wer morgens und abends nicht das Bedürfnis empfindet, hebräische Gebete und Psalmen zu sprechen, wird es wohl für alle Ewigkeit bleiben lassen und so tausenderlei Dinge, die wohl für einen orthodoxen Juden Lebensnotwendigkeit sind, für die aber einem Liberalen jedes Verständnis fehlt. Er begreift , gar nicht, wie man sich darüber ereifern kann, und ist fest überzeugt, daß er ein echter, rechter Jude ist, wenn er es offen bekennt und in vielen Sachen, die ihm das Judentum bedeuten, seine innere Befriedigung findet. Und nun gar die Frauen. So mancher, der mehr oder weniger von Haus aus an ein rituelles Leben mib manchem Drum und Dran gewöhnt war, hat eine Frau geheiratet, die von derlei Dingen wenig oder nichts versteht. Soll er sie ummodeln, ihr.Religionsunterricht erteilen, soll ihr beibringen, wie man Fleisch koscher macht, wie man bei der Abwäsche Milchdinge von Fleischdingen trennt, wie man Sabbatlichter anzündet, wie die Wirtschaft zum Passahseste geordnet werden muß, was alles sonst noch zum jüdischen Leben gehört — das tut er zum größten Teil nicht, denn er will seine Ruhe haben und hat genügend andere Sorgen — und bei den traurigen Vorkommnissen von früherher rst es noch als ein großes Wunder zu betrachten, daß heutzutage soviele Frauen trotz Infektion mit allerlei hochtrabenden Truglehren und Emanzipationsbestrebungen, sich jüdischen Sachen widmen, Synagogen und Bibelkurse oft und gern besuchen, jüdische Vorträge halten und in jüdischen Frauenvereinen Mitwirken usw. — und daß man auch hier eine Wandlung zum Besseren wahrnimmt, natürlich nicht in altverfahrener Weise, sondern alles in'modernem Gewände. Und nun kommen die Richtlinien. Da haben sich siebzig Rabbiner zusammengetan, und haben dokumentarisch das kundgegeben, was in den letzten 30 bis 40 Jahren an vielen Orten Deutschlands Usus geworden ist, sie haben nur Tatsachen registriert und erklärt, daß auch das ein Judentum ist, dessen weiterer Ausbau die Gewähr gibt für sein Weiterbestehen. Sollten die Herren denn sagen: Ihr seid keine Juden mehr? Das wäre ja denn unglaublich gewesen, wenn erst Laien hätten aufstehen müssen, um ihnen zu bedeuten, daß das Judentum zu allen Zeiten in seinem Wesen fluktuierend.gewesen ist, und daß wir von Ketzergerichten noch vom Mittelalter her genug haben und mit' Wonne darauf zur jetzigen Zeit verzichten. Sie haben nur das getan, was in. vergangenen Zeiten , alle Rabbis , tun durften, daß sie nämlich die Sitte als berechtigt anerkannt undden veränderten Zeitläuften Rechnung getragen haben. Waren aber unsere jetzigen Rabbiner dazu 458 -. " nicht berechtigt, so dürften sie zurzeit nicht aus ihrem Seminar mit der Hathora entlassen werden, die doch wohl jedem Rabbi das Recht verleiht, in religiösen Dingen ein Urteil zu fällen, soweit es für das Judentum ersprießlich ist. Da wachsen in den - Rabbinerseminaren junge Geister auf,, biegsam und. strebsam, hören da Bibelkritik, sehen, wie manche Gesetze von den größten Rabbis der Vergangenheit zum Teil erschwert, zum Teil erleichtert und ausgehoben wurden, sehen, wie oft alles sich verändert hat, bekommen einen Ueberblick über die Vergangenheit— und nun, wo sie selbständige Männer geworden sind, sollen sie nicht das Recht haben auszusprechen, was sie für segenbringend für die betreffenden Gemeinden halten? Dann hätte man sie lieber in einem Alumnat erziehen müssen und die Bevormundung auch auf einen Index der zu lesenden Bücher und zu besuchenden Vorlesungen ausdehnen müssen, um ihnen geistiges Licht und Luft zu nehmen. Sb aber sind sie frei — und wer für seine Gemeinde die Orthodoxie als entwicklungsgeschichtliche Tatsache für richtig hält, wer nach seiner ganzen Gesinnungsart sich zu orthodoxen Brüdern hingezogen fühlt und dort wirkt, der hat nicht nur das Recht, sondern die Pflicht, der Orthodoxie ihr Recht zukommen zu lassen und zu versuchen, soweit es geht, einen Ausgleich mit dem modernen Leben herbeizusühren. Und wenn einige unter der Schar seiner Schutzbefohlenen von Ritualien und anderen Dingen weniger halten, so ist er nicht berechtigt, den Stab über sie zu brechen und sie für minderwertig zu halten. Denn solange sich jemand, als Jude bekennt und als Jude handelt, solange ist er Jude. „Nicht Worte, sondern Taten sollen ihn kennzeichnen". Und haben wir eine vornehmlich liberale-Gemeinde, so wird es Pflicht des geistigen Leiters sein, auch auf die Empfindungen der orthodoxen Mitglieder Rücksicht zu nehmen, da ja, wie Seligmann vor kurzem sehr schön aussührte, die liberalen Rabbiner, als Vertreter verschiedener Richtungen, die vielfach angeführten Erleichterungen nicht für sich beanspruchen, und stets die Gefühle der Minderheit zu berücksichtigen haben. Den liberalen wie orthodoxen Rabbinern liegt das Wohl des Ganzen am Herzen, davon bin ich voll und ganz überzeugt; wozu aber streiten sich die Führer, wenn das Volk in Ruhe und Frieden zu leben wünscht, wenn .der orthodoxe Schwiegervater seinen liberalen Schwiegersohn hochschätzt, oder der orthodoxe Mann in treuer, jahrzehntelanger Ehe mit seiner liberalen Ehefrau lebt, und glücklich lebt? Wir wünschen keine Auspeitschung von Leidenschaften und wollen den Frieden sehen. Erst von außen, wird durch, derartige Propagandavorträge der Unfriede in die jüdischen Häuser hineingetragen. Darum isb es höchste Zeit, daß beide Parteien sich auf sich selbst besinnen und lieber darauf sehen, daß durch die Praxis sich das jüdische Leben hebt, als daß sie sich theoretisch bis aufs Blut reizen und verletzen. Zu der Praxis gehört vornehmlich der weitere Ausbau der Religionsschule, die jetzt ja erfreulicherweise im Mittelpunkt des jüdischen Interesses steht, bis zur Vollkommenheit. Die gründlichste Vorbildung der Erzieher unserer Jugend ist dringend erforderlich und das feinste Verständnis für die Bedürfnisse der Jugend eine Kunst, die gar nicht hoch genug zu bewerten ist. Auch soll man nicht die jungen Gemüter mit nationalen, philosophischen oder parteipolitischen Ideen verwirren, extrem liberale sowie allzu orthodoxe Anschauungen sollen dort keine Stätte finden, das soll alles der späteren individuellen Entwicklung überlassen bleiben. Der Religionslehrer soll nur mit positiven Dingen arbeiten, soll den Stofs hochinteressant darstellen und anregend auf die jungen Gemüter wirken, dann wird es an Begeisterung für unsere Religion nicht mangeln. Dringend notwendig ist es aber auch, daß alles das, was die Schule ausbaut, im Elternhaus nicht wieder niedergerissen wird, Schule und Haus müssen sich