Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 39 (26.9.1913)
- Date
- 1913-09-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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77. Jahrgang Nr. 39 Berlin, 26. September 1913 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Begründet von Rabbiner Vr. Ludwig PHMppson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 32*. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentum»*, Berlin SW., Jerusalemer 5tro§f *6|*9, zu richien. Verlag von Rudolf ÄNosse, Berlin. Was nun? Zeitgemäße Betrachtung von Dr. Julius Winter, Magdeburg. — Die Woche. — Oberlehrer Konrad Trieber. Ein Gedenkblatt von Ludwig Geiger. — Zum 60 jährigen Doktorjubiläum von Theodor Neubürger. Von M. 0. — Aus einem englischen Badeort. Von Dr. G. Chotzner. — Jüdisches im Gelehrtenkreise Jacob Grimms. Von L. Frankel. — Zweck und Mittel bei der Hyperorthodvxie. Von einem Parteilosen. — Nach dem Friedensschluß. Von Dr. Alphons I. Snßnitzki. — Feuilleton: Der Antisemit. Roman von Ernst Theodor Justi. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Zvppot, Brückenau, Stralsund, Frankfurt a. M., Mannheim, Wien, Petersburg. — Bon Nah und Fern. Mas nun? Zeitgemäße Betrachtung von Dr. Julius Winter, Magdeburg. 3 n Posen, der Stadt, in der weltberühmte Rabbiner regiert haben, lvo das Zentrum der großpolnischen Inden gewesen ist, ist ein Kind geboren unter Assistenz vieler hunderter moderner überzeugter Juden, die begeistert seine Geburt begrüßten. Doch kaum hat es den ersten Strahl der Morgensonne empfangen und das erste Lebenszeichen von sich gegeben, als es auch schon ein Stein des Anstoßes wurde für viele, zum Zankapfel für Brüder gleichen Glaubens. Hoch schlugen die Wogen der Erregung empor; kaum konnte man erkennen, ob hier noch Brüder eines gleichen Stammes miteinander diskutierten — verloren scheint das herrliche Dichterwort: „Siehe, wie schön und herrlich ist es, wenn Brüder einträchtig beisammen wohnen!" Und doch sagt ein jeder: Wir lvollen ja nur das Beste des Judentums, wir wollen es unseren Kindern so erhalten, daß es weiter lebenskräftig bleibt, die alte Prophezeiung, von der die Bibel spricht: Nie soll der Stamm der Juden zugrunde gehen, solange die Welt besteht — sie soll in Erfüllung gehen. Und da fallen von hüben und drüben scharfe Worte, giftigen Pfeilen gleich, Herz und Gemüt verunreinigend; da fliegen Injurien, Giftfliegen gleich, die da beißen, aber nicht töten. — Hier steht eine Schar, die ruft: Nur wenn es so bleibt,' wie es war, dann wird das Judentum bestehen, rührt Ihr an dem Bestehenden, so geht es unter — und von der anderen Seite ertönt es: Nur wenn es zeitgemäß umgestaltet und alles Veraltete ausgerodet wird, hat es Bestand. Und doch habe ich vor drei Jahren, als die liberale Bewegung in Gang kam, in einem „Videant eonsules“ beschriebenen Artikel die Gefahren ausgemalt, die ein allzuscharfes Vorgehen von beiden Seiten für die allgemeine Juden-' heit im Gefolge haben könnte, und daran erinnert, daß der Stamm der Juden, der von allen Seiten von Feinden umringt ist, sich den. Luxus innerer Kämpfe und aufreibender Fehden nicht leisten könne. Und dennoch: Hohes Pathos hier wie da; schwerer und heißer Kampf unter unseren Führern, den Rabbinern hauptsächlich, die beweisen wollen, warum die „Richtlinien" notwendig waren; oder warum sie verderbenbringend sind, und des weiteren, wie das Judentum nach ihrem Sinne beschaffen sein solle, was der Jude halten solle, was nicht — kurz, religiöse Dispute und Versuche, auf diese Weise auf die Menge einzuwirken und Anhänger zu werben. Was soll das Ganze, und was soll daraus werden? Richtig ist es ja in der Tat, wenn die geistigen Hüter des Judentums, die Rabbiner, sich für das religiöse Leben der Gemeinden in hohem Maße interessieren und auch ereifern. Nur schade, daß man gut 30 bis 40 Jahre so schrecklich wenig davon gehört .hat, daß ein Geschlecht bei -uns heranwachsen konnte, das sich zwar äußerlich als Jude bezeichnete, in der Tat aber von jüdischen Dingen, qua Cultus. Gebete, Ritualien usw. herzlich wenig versteht. Tatsache ist, daß ein erschreckend großer Teil der jetzt im'30. und 40. Lebensjahre stehenden Juden weder von der Bibel, noch von Gebeten und deren Inhalt, von Tefillin und anderen Gebräuchen eine Ahnung hat, weil in ihrer Jugend der jüdische Religionsunterricht für eine quantite negligeable betrachtet und meist als schwere Last höchst nebensächlich behandelt wurde. Seien wir doch ehrlich: Unsere jüdischen Schulleiter waren eben zum großen Teile keine Pädagogen, die den Ernst der Sache erfaßt hatten und die Wichtigkeit eines intensiven Unterrichtes. Sie dachten: Bei uns zu Haus da hat man gelernt, gebetet, jüdisch gelebt — da ist alles so selbstverständlich gewesen, meinten, daß diese Lebensart auch auf andere Häuser zu übertragen wäre. Aber in den achtziger und neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, wo die Antisemitenhetze in voller Blüte war und die Jndenheit unendlich schwer darunter zu leiden hatte, groß und klein, da kam es nur allzuoft vor, daß man von jüdischen Angelegenheiten sehr leise sprach, und daß „man sich nicht allzusehr zu erkennen geben wollte" — man suchte allzuoft den Anschluß an Andersgläubige auf Kosten der Ritualien und offenen Bekennung des jüdischen Glaubens, das jüdische Haus verlor seine Zugkraft — und der Rabbiner und Lehrer erkannte nicht die Zeichen der Zeit, daß es jetzt seine vornehmste Pflicht gewesen wäre einzuspringen und das brennende Haus zu retten mit allen Kräften. Jünglinge wuchsen heran ohne religiöses Empfinden, das man ja nun einmal nicht einpsropfen' kann, und ohne Positiv jüdische Kenntnisse, und bei den Jungfrauen war es noch schlimmer; da mag es wohl unzählige gegeben haben, die nie so . recht Hebräisch lesen oder den Sinn der Gebete und Ritualien kennen gelernt haben. Die' so Herangewachsenen, das sind die heutigen Träger des Judentums, die mitraten und mittaten sollen zil seinem Blühen und Gedeihen! Und doch ist trotz aller Unterlassungssünden alles nicht so schlimm gekommen, wie man hätte vermuten können. Man kann von einer Renaissance des Judentums sprechen; die Not der Zeit hat das religiöse Empfinden auch bei vö^g Indifferenten und Ignoranten wachgerufen, und die heutzutage besonders ins Auge genommene Erziehung der Kinder zum Judentum hat auch rück«-