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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-09-19 · Heft 38 (19.9.1913) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 38 (19.9.1913)
Date
1913-09-19
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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dieser Deputation bezeichnet der Vorstand die Erörterung und Be-' schlußfassung vor allem über die folgenden fünf Hauptpunkte: 1. über die Frage des Wahlrechts einschließlich der Frage der Einführung einer Karenzzeit für die Wahlberechtigung, 2. die Frage der Besteuerung (nach Prozentsätzen des staatlich veranlagten Steuersatzes), 3. die Frage, ob einjährige Etatsperioden einzuführen sind, 4. die Frage der Einrichtung einer Nitualkommission und einer Kommission für orthodoxe Religionsschulen und 5. die Frage, ob und eventuell welche Bestimmungen über die Versorgung der einzelnen Bezirke in das neue Statut aufzunehmen sind. Die Versammlung stimmt dem Anträge des Vorstandes zu.—Die Neuregelung des Honorars für den Wanderreligionsunterricht, die eine kleine Verbesserung darstellt, wird angenommen, desgleichen die Vorlage, den Koischerfleischhändlern die Beiträge zu dem Pensions- und Unterstützungsfonds der Koschersleischkommission auch für das Jahr 1913/14 zu erlassen. — Der von der Versammlung gewünschten Erhöhung der Position im Etat der Waisenkommission ist der Vorstand beigetreten. Die Versammlung beschließt, dem Vorstandsantrage entsprechend die Position der Waisenkommission: „Unterstützungen ans allgemeinen Mitteln" pro 1913/14 und 1914/15 um je 5000 Mark und pro 1915/16 um 4000 Mark zu erhöhen. Es folgt nun eine Reihe von Rechnungsabschlüssen, über welche Herr Lewinski referiert und deren Dechargierung beantragt, die debattelos erteilt wird, und dann eine Reihe von Wahlen. An Stelle von Herrn I. Apt wurde Herr Goheimrat Theodor Potsdamer als Mitglied der Synagoge Lindenstraße zum Mitglied der Festgottesdienstkommission gewählt, in die Armenkommission Herr Benjanrin Koßmann an Stelle des Herrn Max Groß und unter Erhöhung der Mitgliederzahl der Armenkommission um eine Stelle Herr Sanitätsrat Dr. Radt. Desgleichen wurde die Mitgliederzahl der Friedhosskommission um eine neue Stelle vermehrt und Herr Dr. John Hirsch in dieselbe berufen. An Stelle des verstorbenen Herrn Albert Herz wurde Herr Dozent Dr. Jsmar Elbogen zum Mitglied der Rabbinerwahlkommission gewühlt und Herr Sanitätsrat Dr. L. Steinthal in die Fürsorgekomlnission deputiert. Da Herr Moritz Manhe-imer, der sein Amt im Vorstand der Altersversorgungsanstalt niedergelegt hatte, in der letzten Repräsentantenversammlung aber wiedergewählt war, die Annahme dieser Wiederwahl nun trotz aller Bitten ablehnte, so wurde an seiner Stelle Herr Kommerzienrat Gerson S i m o n in den Vorstand der Alterversorgungsanstalt gewählt. — Durch den Einbruch in das zweite Verwaltungsgebäude im Mai dieses Jahr ist ein Verlust von 3932.85 Mark, die den Einbrechern in die Hände sielen, entstanden. Zur Deckung dieses Verlustes' beantragt der Vorstand, den genannten Betrag dem Fonds für unvorhergesehene Ausgaben zu entnehmen. Die Versammlung stimmt dem zu, ebenso den Forderungen um Bewilligung von Mitteln für Reparaturen und bauliche Veränderungen. — Ohne Debatte wird dem Verein der Freunde der Taubstummen „Jodide Jlmim" eine einmalige Beihilfe von 5000 Mark gewährt. Der israelitischen Kinderheilstätte in Kissingen werden wie bisher 200 Mark, der bisherige Betrag der israelitischen Religionsgemeinde Groß-Lichterfe'lde-Lankwitz und ebenso dem Israelitischen Unterstützungsverein für. Obdachlose in Harnburg der bisherige Jahresbetrag von 300 Mark bewilligt. — In den Vorstand der Synagoge Rykestrahe wird an Stelle des ausgeschiedenen Herrn Julius Plachta Herr Zahnarzt JacobChaskel gewählt. — Schließlich gelangte noch eine von Herrn Emil Pincus gestellte Interpellation zur Beratung,: „Was hat der Gemeindevorstand in der „Beilis-Angelegenheit", die die Judenschaft der ganzen Welt tief bewegt, bisher unternommen, respektive gedenkt er in dieser Sache etwas zu tun?" Der Antragsteller begründet die Interpellation unter Hinweis auf die bekannten Begleiterscheinungen der Affäre und hält -es für zweifellos, daß eine Erklärung in dieser Angelegenheit angebracht wäre. Der Prozeß beginne am 8. Oktober, daher sei Eile nötig. Der Vorstand erklärt sich bereit, die Interpellation sofort zu beantworten. Herr Geheimer Sanitütsrat Dr. Feilchenfeld verliest daraufhin eine Erklärung, die in der schärften Form betont, daß die höchsten Forderungen der Sittlichkeit und Moral durch das jüdische Religionsbekenntnis erfüllt werden: Wir weisen solche verleumderischen Behauptungen, wie sie in der Blutanklage liegen, mit aller Entschiedenheit zurück. Solche Verleumdungen, wie die der Ritnalmordlüge, können nur der krassesten Unwissenheit und Unkenntnis der erhabenen Lehren des Judentums entspringen. Dem flammenden Protest fügte Dr. Feilchenseld noch die Mitteilung an, daß der Vorstand glaubt, selbst nichts weiter in dieser Angelegenheit tun zu können, und daß den Verbänden überlassen bleiben müsse, soweit das möglich ist, hierin etwas zu tun. Die Ausführungen des Herrn Dr. Feilchenfeld wurden mit dem lebhaftesten Verfall der Repräsentantenversammlnng ausgenommen, und der Vorsitzende, Herr Louis Sachs, nahm noch besonderen Anlaß, dem Vorstand.den Dank für die Erklärung auszusprechen, die allen Mitgliedern <rii§' der Seele gesprochen sei. — Damit schloß die öffentliche Sitzung, der noch eine längere nichtöffentliche folgte. 22 Berlin, 16. September.^Ein trauriges Geschick ereilte am Freitag den 5. September Dr. Max Kar t s ch mar, Assistent am Tierphysiologischen Institut der. königlichen Landwirtschaftlichen Hochschule, der in der Blüte der Jugend — kaum 26 Jahre alt — durch einen Unfall bei einem Experiment als Opfer der Wissenschaft nach vier Tagen schwerer Erkrankung in der Charito dahingerasst worden ist. Der junge. Gelehrte stammte ans Lodz in Rußland und zeichnete sich besonders durch Fleiß, Erudition und Begabung sowie natürliches und liebenswürdiges Wesen aus. Er war zuletzt Assistent bei Geheimrat Z u n tz und Vorsteher der Fischereiabteilung, und Professoren und Freunde erhofften für ihn eine glänzende wissenschaftliche Zukunft. Dr. Kartschmar besaß auch ein bedeutendes jüdisches Wissen und zeigte lebhaftes Interesse für alle Vorgänge des jüdischen Lebens. 22 Berlin, 16. September. Am 6. September verstarb, wie schon kurz berichtet, im 58. Lebensjahre, mitten im arbeitsreichen Leben, infolge eines Herzschlages der Fabrikbesitzer- Herr William N e u m a n n, der Seniorchef und Begründer der Berliner Korsettfabrik W. u. G. Neumann. Das Wesen des Verstorbenen, der sich neben seiner beruflichen Tätigkeit auch in großzügiger Weise an vielen Humanitütsbestrebungen beteiligte, verdient es, mit kurzen Umrissen an dieser Stelle geschildert zu werden. Der .Verstorbene hat es verstanden, die Firma von ganz bescheidenen Anfängen zu einem großen, bedeutenden Unternehmen zu entwickeln. Er fand als einer der ersten die Form des heute sehr beliebten Filialbetriebes. Die von ihm gegründete Firma, die jetzt 90 eigene Spezialgeschäfte besitzt, gilt als eine der größten der Korsettbranche. Er war es auch, der mit weitschauendem Blick in eifriger Tätigkeit die Gründung des „Verbandes Deutscher Filialbetriebe" in seinerheutigen Gestalt angeregt beziehungsweise in die Wege geleitet hat. Aber nicht nur mit beruflichen Bestrebungen war das Leben des Verblichenen ausgefüllt, sondern auch in vielen Wohltätigkeitsvereinen war er mit beratender und fördernder Stimme eifrig tätig. So verdanken der Verein „Jüdische Blindenanstalt s ü r Deutschland" sowie die von diesem Verein ins Leben gerufene Anstalt, in welcher die Zöglinge nicht nur Aufenthalt finden, sondern auch in nutzbringender Weise je nach ihren Fähigkeiten beschäftigt werden, der Initiative des Verstorbenen und seiner regen, unermüdlichen Förderung ihr Bestehen.. Auch der „Hilfsverein Jüdischer Taubstummen in Deutschland" ist ganz besonders durch die eifrige, organisatorische Werbetätigkeit des Dahingeschiedenen zu der heutigen Größe emporgeblüht. Groß ist die Zahl derer, die in dem zu früh Verschiedenen einen edlen Wohltäter verlieren, der stets ein mitfühlendes Herz für die armen Bedrängten hatte und auch immer Rat und Hilfe zu schassen wußte. Sein bescheidenes, liebenswürdiges Wesen und seine edle Menschenliebe sichern dem Verblichenen auch in späteren Generationen ein ehrendes dauerndes Andenken. — Unter überaus großer Beteiligung fand auf dem Friedhof in Weißensee die Beisetzung statt. In der Trauerversammlung sah man den Vorsitzenden des Lissaer Hilfsvereins zu Berlin, Justizrat Louis Cohn, den Vorsitzenden des Hilssvereeins für die jüdischen Taubstummen in Deutschland, E. V. Th. Löwenberg, als Vertreter des Vereins „Jüdische Blindenanstalt für Deutschland" Inspektor Friedberger mit einer Deputation von vier Blinden. Die Gedächtnisrede hielt Rabbiner Dr. Blumenthal. W. Aus dev Provinz Posen, im September. P o s e n. Zu Mitgliedern der Schuldeputation wählte die Stadtverordnetenversammlung die Herren Stadtverordnetenvorftcher Justizrat Placzek und Stadtverordneter Dr. Landsberger. — S ch u b i n. Zum Vorsitzenden der neugegründeten allgemeinen Landkrankenkasse für den Kreis Schubin wurde vom Landrat Rechtsanwalt Dr. Szamatolski aus Schubin ernannt. — Grä tz. Ein schweres 'Automobilunglück ereignete sich nicht weit von unserer Stadt. Das Auto des Mühlenbesitzers Julius Meyer von hier geriet -in den Chausseegraben und überschlug sich'. Meyer wurde schwer verletzt. Er wird im hiesigen Krankenhause behandelt. Das Befinden ist äußerst

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