Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 38 (19.9.1913)
- Date
- 1913-09-19
- Page
- Seite 456 (sequence 12)
- Language
- German
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kennen; ' legte sich doch gar .ein schalkhaftes Lächeln über ihre ernsten Züge, als sie die Blumen brachte. Heldenjüngling ist übrigens gut! Woher die Poetin meine Abneigung gegen die Semiten kennen mag? Ach, natürlich, die Dienstagsvereinsrede! Ja, Kleinstadt und Klatsch alliterieren nicht umsonst. Nun, schadet auch nichts. So wissen sie wenigstens gleich alle am Orte, wie ich denke. Aber die Veilchen düsten süß. — Lesen wir-die anderen Briefe. Hm! Geschästsempfehlungen, Zigarren, Wäsche, höchste Preise für getragene Herrenkleider; ah — Herr Beitel zur „Goldenen Sieben" von der frommen Judengesellschaft. Wie hieß sie doch nur? Ob übrigens der alte Goldenberg noch lebt? Muß doch nachher die Schwester fragen." Er schnitt die übrigen Briefe aus. 'Gratulation eines alten Jugendfreundes zur Ernennung, die er aus dem Justizministerialblatt -soeben erfahren, Lotterielosvsferte aus Hamburg; teilnehmende Anfragen über sein Befinden von den Dienstagsvereinsmitgliedern Petri und Muthe. Der letzte Brief war ohne Unterschrift; die Handschrift offenbar verstellt. „Infam, infam," knirschte der Freiherr, indem er das Schriftstück zerknitterte. „Natürlich anonym, o, der feige, erbärmliche Judenbengel. Droht mir der Lümmel gar mit Beschwerde beim Justizminifter und mit Brandartikeln in der Berliner Presse; und wie er meine Worte entstellt hat, mich der Parteilichkeit bezichtigt, wahrend ich. doch ausdrücklich das Amtliche und das Gesellschaftliche aufs schärfste geschieden habe, und wie er sich meines Unfalls hämisch freut. Die Strafe des Himmels, der Finger Gottes hat Sie bereits getroffen. Ihnen ein langes Schmerzenslager und ewiges Siechtum wünschend. — Pfui Teufel. Aber wehe dir, ruchloser Bube, wenn ich dich ermittle!" „Herr Pastor Liebig," meldete die Diakonissin. „Er war schon gestern und vorgestern hier, um sich nach Ihrem Befinden zu erkundigen." „So bitten Sie ihn, einzutreten," sagte der Amtsrichter verdrießlich.. Der Aerger über den anonymen Brief erfüllte ihn doch noch zu sehr, als daß er einem jener konventionellen Besuche gerade gern entgegengesehen hätte. Aber anderseits durfte er den alten würdigen Herrn nicht abweisen, nachdem der Arzt ihm doch den Empfang von Visiten gestattet hatte. Vielleicht half ihm auch ein anregendes Gespräch über die verdrießliche Stimmung hinweg. Ohne überflüssige Salbung und viele Worte, kurz und herzlich äußerte der Pastor seine Freude über den glücklichen Ausgang des Unfalls und über das rechtzeitige Eintreffen der jüdischen Barmherzigkeitsgesellschaft im Walde. „Daß auch die Juden solche Vereine besitzen, ist überraschend," bemerkte der Freiherr. „Behüte, Herr Amtsrichter, es ist nur die Befolgung des Gesetzesworts des „Alten Bundes." „Pardon, welches Gesetzesworts? Ich bin im Alten Testament weniger bewandert als in den. Evangelien." Der Pastor erwähnte Stellen aus dem Alten Testament, so daß der Kreisrichter ausrief: „Das klingt ja, als wären es die Worte des Heilands selbst!" „Gewiß, der Heiland kam ja auch nicht, um aufzulösen, sondern zu erfüllen." . , „Aber er brachte doch auch eine neue Lehre, jenen neuen Most, der nicht in die alten.Schläuche gefüllt werden soll." - . „Ganz gewiß, Herr Kreisrichter;^aber was ist diese neue Lehre? Nur die Lehre von der Gottessohnschaft; diese ist Christi." „Wie hätte auch," fiel der Freiherr zustimmend ein, „der Jude bei seiner sklavischen Unterwürfigkeit in seinem Gott etwas anderes als den strengen Gebieter erblicken können? Der Heiland erst hat uns zu Söhnen unseres Schöpfers gemacht und zuerst zu unserem . Vater im Himmel beten gelehrt, und etwas dem göttlichen Vaterunsergebet auch nur entfernt Aehnliches kennt fa der Jude nicht." „Dw gehen Sie denn doch etwas zu weit. Der Vatername Gottes war und ist auch dem Judentums nicht fremd, und ein gewisser Anklang an das Vaterunser findet sich auch in jenem Gebet, das der fromme Jude heut noch dreimal spricht, und das in seinen Grundlagen gewiß schon vorhanden war, als Jesus auftrat." „Welcher Anklang, Herr Pastor?" „An das „Geheiligt sei dein Name" und an das „Vergib uns unsre Schuld." „Und wie nennt'sich jenes jüdische Gebet?" „Das Schmone-Esre, das heilige 18 Bittengebot; es ist ein wirklich schönes und gehaltvolles und nur. zu langes Gebet." „Also doch zu lang," wiederholte der. Kreisrichter; „damit richtet es sich ja selbst, denn gerade gegen das viele Plappern beim Gebet hat ja unser Herr in der'Bergpredigt bei der Lehre seines Vaterunser sich ausdrücklich gewendet." „Ganz gewiß, teurer Mitbruder .in Christo, aber er spricht nur vom vielen Plappern wie die Heiden; die jüdischen Gebete scheint er damit doch wohl nicht getadelt zu haben. Doch sei dem, wie ihm wolle. Jedenfalls hat der Heiland dem Vaternamen die neue großartige Bedeutung gegeben, hat von diesem liebenden Vater im Himmel verkündet, daß er zur Vergebung bereit sei und . nichts fordere, als eine kindliche Gesinnung, wahrend die alten Lehrer Israels .Gott zumeist als' den strengen Richter zeigen." . „Nur zumeist," warf der Freiherr ein, „ich denke doch stets." „Das wäre zuviel gesagt. Auch das Alte Testament, rühmt oft Gottes Barmherzigkeit, Gnade und Langmut. Aber freilich tritt bei den alten Lehrern die Gnade und Barmherzigkeit des liebenden Vaters etwas mehr in die zweite Reihe neben der Gerechtigkeit Gottes, der nichts ungestraft läßt, und der da heimsucht die Schuld, der-Väter an den Kindern und Kindeskindern bis in das dritte und vierte Geschlecht." - „So bestätigen auch Sie, Herr Pastor, daß der Gott Israels ein Gott der Rache ist." . „Nicht nur der Rache, aber der Barmherzigkeit und der strafenden Gerechtigkeit." . ' - „Eine seltsame Gerechtigkeit, die an den schuldlosen Urenkeln die Schuld der Ahnen straft." „Eine Auffassung, die doch-auch der weltlichen'Gerechtigkeit der jugendlichen Völker nicht fremd war und dem. Orient noch heut eigen ist. — Dies alles ist. Christi und nur Christi," fuhr der Geistliche fort. „Ein anderes aber; gilt vom Gebot der Nächstenliebe, denn dies Gebot ist im neuen und im alten Bunde das nämliche." „Wie? Die christliche Nächstenliebe wäre dieselbe als die jüdische? Nein, Herr Pastor, hier glaube ich, obschon ich nur ein Laie bin, Ihnen doch den Gegenbeweis erbringen zu können." „Ich bin darauf gespannt. Und worin finden Sie den Unterschied?" „In drei Worten!" „Und die wären?" " - „Feindesliebe und Fremdenliebe." „Ziehen wir, wenn es Ihnen recht ist, Herr Kreisrichter, Ihr letztes Argument zuerst in Betracht." „Gern. Also die Fremdenliebe betrachte ich als unjüdisch." „Und doch heißes auch im Alten-Testament: Liebe den Nächsten wie dich selbst? „Aber der Nächste bedeutet im Alten Testament, wie man mir aus dem Gymnasium sagte, nur den Volksgenossen, dem Juden war nur der Jude der Nächste, der Rea, jeder Nichtjude aber eben kein Nächster mehr." . (Fortsetzung folgt.)