Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 38 (19.9.1913)
- Date
- 1913-09-19
- Page
- Seite 455 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3229069-3229108--69770-3282090- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
455 „Es bleibt mir wohl nichts anderes übrig." „Uebrigens sind Unarten ausrottbare Erziehungsfehler und schon daher keine wahren Unterscheidungsmerkmale. Beim Militär, im Gliede, in der Kaserne, hört man außer dem Kommandoworte keine Silbe. Aber ich erwarte immer noch Ihr entscheidendes Merkmal. Von den bisherigen könnte ich beim besten Willen kein einziges gelten lassen." „Ja, wenn Sie dies alles verwerfen, wäre ich wohl am Ende. Doch halt! Ist nicht die Schädelform der Juden anders als die unserige?" „Dann wären Bismarck, Luther, Schiller, Leibniz, Kant und Schopenhauer keine Germanen gewesen, denn sie waren, wie dereinst Sokrates und Raffael, entschieden brachhzephal." „Wäre das möglich?" „Also schnell ein anderes Erkennungszeichen, aber ein konstantes!" „Ich weiß keines mehr." „Also erklären Sie sich für besiegt?" „Bewahre! Ist die heutige Wissenschaft auch noch nicht imstande, das Trennungsmittel zu bezeichnen, so habe ich doch die Erfahrung für mich. Warum merke ich den Juden auf der Stelle? Warum habe ich den Dr. Loewisohn im Moment seines Eintritts in den Saal als Juden erkannt?" „Wie Sie einen Offizier in Zivil oder einen alten Professor, Pfarrer, Seemann oder Bureaukraten auch auf den ersten Blick erkennen, obschon sie alle der gleichen Nationalität angehören. Der Beruf, das Milieu, in dem der Mensch lange lebt, gibt ihm einen gewissen Ausdruck, eine gewisse Haltung." „Nein, so entschlüpfen Sie mir nicht, Herr Doktor! Denn den Juden erkennen wir eben in jedem Beruf und in allen Nationalitäten. Mag er sich noch so sehr anglisiert haben, wie Beaconsfield, oder französiert, wie Cremieux, mag er Arzt, Jurist, Kaufmann oder was immer sein!" „Muß ich Sie nochmals an Fontanes Produktenhändler erinnern?" „Die Ausnahme bestätigt die Regel oder hebt sie doch wenigstens nicht auf." „Das mag bei Staatsgesetzen gelten, aber für Naturgesetze ist Ihr Rechtssprichwort falsch; oder duldet die Erdanziehung eine einzige Ausnahme?" „Gewiß nicht!" „Nun also! Uebrigens bestreite ich gar nicht, daß viele Juden unverkennbar sind, daß sie durch die steten Heiraten untereinander und das lange Leben im Ghetto körperliche Eigenschaften stärker entwickelt und vererbt haben, Eigenschaften, die nicht immer unseren Vorstellungen vom Schönen entsprechen." „Hurra!" rief der Freiherr, „so sind Sie es, der die Waffen streckt." - „Weit gefehlt; viele Juden sind eben nicht alle Juden. Und den sogenannten jüdischen Typus findet man auch bei anderen Völkern, die ganz „judenrein" sind, wie der neue schöne Ausdruck ja wohl lautet." „Bei welch anderen Völkern?" „Besonders bei den Japanern. — Ich habe auch noch ein besseres historisches Argument." „Und das wäre?" „Gab es nicht eine besondere Judentracht?" „Gewiß, der gelbe spitze Hut und der Ring. Aber was folgt daraus?" „Daß unsere Vorfahren eben nicht alle Ihren scharfen Blick für die Erkennung der Juden besaßen; wo die Natur kein Kriterium gab, da sollte es die Kleidung geben." „Sie übersehen den Schimpf, den man mit Hut und Ring den Juden antat." „Das scheint mir nur die spätere Wirkung und ursprünglich höchstens Nebenzweck." „Jedenfalls haben es die Juden als Schmach empfunden und sich durch Geld und Gunst zuweilen die Befreiung davon erworben." „Wohl möglich, aber neben der Schmach und in erster Linie wurden die Abzeichen doch um der Unterscheidung willen gefordert. — Darf ich noch eine Frage an Sie richten, Herr Kreisrichter?" „Ich bitte!" „Haben Sie sich auch bei den Nachkommen aus gemischten jüdisch-christlichen Ehen nie getäuscht?" Der Freiherr schwieg. Ein blonder Mädchenkopf' mit schwarzen Augen trat vor seine Erinnerung. Nachdem der Oberstabsarzt des Kreisrichters Einwendungen über sogenannte jüdische Rasse und jüdische Sprache bekämpft hatte, sagte er: „Doch habe ich noch einen Auftrag an Sie." „Und der wäre?" „Unser Bezirkskommandant Oberst v. Sporn, der von Ihrem Unfall hörte, möchte Sie gern besuchen. Er sei ein alter Freund Ihres Hauses." „v. Sporn — ganz recht! Ich erinnere mich, mein seliger Vater erzählte mir einmal von einem Jugendfreunde Arthur v. Sporn. Ist dies Ihr Oberst?" „Gewiß, der Oberst heißt Arthur." „Und was ist er für ein Mann, wenn ich fragen darf?" „Ein großer Kriegshistoriker, ein halber Gelehrter, aber ein ganzer Soldat und vor allem ein goldenes Herz. Er ist Ihnen doch willkommen?" - „Aber selbstverständlich! Ich lasse sehr bitten." „So leben Sie wohl, meine Pflicht ruft. Morgen früh übrigens ist unser Ersatzgeschäft beendet." „Aber Sie kommen doch noch nach mir sehen?" „Nur auf einen Augenblick, um mich zu verabschieden. Aerztlicher Hilfe bedürfen Sie nicht mehr." „Also auf Wiedersehen!" „Leben Sie wohl." Neuntes Kapitel. PastorLiebig. „Hier ist eine ganze Post," sagte die Schwester, indem sie gleich nach dem Weggang des Oberstabsarztes über ein Dutzend Briefe dem Patienten überreichte. „Auch ist noch etwas anderes abgegeben worden." „Etwas anderes?" „Ja, dieser Blumenstrauß." „Ah, das ist schön! Wie das duftet! Wirklich schon Veilchen mitten im Winter. Hätte gar nicht geglaubt, daß cs Treibhäuser in Mondenstein gibt. Von wem sind denn die Blumen, Schwester?" „Sie sind mit diesem rosa Kuvert abgegeben worden," sagte die Schwester mit leisem Lächeln und verließ das Zimmer. Der Amtsrichter erbrach neugierig das Kuvert, das seine Adresse trug. Die zierliche Schrift rührte unverkennbar von Frauenhand her. Sollte etwa Miß Smith-doch das war ja ausgeschlossen. „Wahrhaftig Verse! Also eine poetische Mondensteinerin! Das fängt ja spaßhaft an und voller Unterstriche und Ausrufungszeichen. Na, lesen wir einmal: „Heil Felseck dir in Mondenstein! „Dein Einzug soll zum Segen sein! „Der Himmel heile deinen Fuß! „Nimm, Heldenjüngling, meinen Gruß! „Laß jungfräulich mich ihn entbieten! - „Dich liebend, hass ich die Semiten! „Heillger Pegasus!" lachte der Freiherr. „Bei der da rap- Pelt's entschieden; Schwester Katharina muß sicher die Dichterin