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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-09-19 · Heft 38 (19.9.1913) · p. Seite 454

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 38 (19.9.1913)
Date
1913-09-19
Page
Seite 454 (sequence 10)
Language
German
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454 schlossen sich, unter . Ertoghrul Bei, dem Seldschukensultan Alaeddin, der in Vorderafien in ungünstigen Kämpfen verwickelt war, an. Ertoghrul wurde nach erfochtenem Siege von Alaeddin mit einer der eroberten Herrschaften im nordwestlichen Phrhgien belehnt, die so die Wiege eines der nachmals mächtigsten Reiche geworden ist. 400 Zelte machen nach gewöhnlicher Berechnung 2000 Personen aus. Sie haben den Keim der türkischen Macht abgegeben, wie Ertoghrul den Schöpfer der osmanischen Dynastie gebildet hat. „Dieser Ursprung wird immer vergessen und ist doch vorausbestimmend für das Schicksal des Reiches gewesen." Ertoghruls Sohn, Osman, dehnte seine Herrschaft weiter aus; und als ums Jahr 1300 Alaeddin III. infolge einer Mongoleninvasion sich an den byzantinischen Hof geflüchtet hatte, schwang er sich selbst an die Spitze der zum Teil in Trümmer geschlagenen Seldschukenmacht und legte sich den Sultantitel bei. Doch stellte er die alte Würde nicht einfach wieder her, sondern nannte sich fortan Padischahal-i-Osmani. Als „Herrscher der Osmanen" trat er zugleich für den Islam ein, der ihm ein geeignetes Bindemittel für die unterworfenen Gebiete zu fein fchien, und den er infolgedessen als die geltende Staatsreligion verkündete. So ist, einem Meteor gleich, plötzlich die türkische Macht am Himmel des Orients hochgegangen, um in schnellem Lauf den Weg nach dem Abendlande zu nehmen. Kraftvolle Persönlichkeiten, hervorragende Feldherren und weitschauende Organisatoren tauchten in großer Zahl auf und führten mit überraschendem Geschick und in fast ununterbrochenem Erfolge das Reich zu gewaltiger Höhe empor. Fre-ilich wuchs damit auch in gleichem Maße die Schwierigkeit des staatlichen Aufbaus. Schon im Anfang ihrer Entwicklung, als sie noch ein verhältnismäßig einfaches Gebilde darstellte, ließ die Türkei die Grundlage einer ethnologisch gleichartigen Bevölkerung vermissen, so daß erst mittels Schwert und Islam ein gewisser homogener Charakter in das bunte Gemisch von Völkersplittern, die jene Gegend bewohnten und von zahlreichen Invasionen in Vorderasien herrührten, gebracht werden mußte. Je größer aber die Gebiete wurden, die das osmanische Schwert sich unterworfen hatte, und je entfernter von der ursprünglichen Wiege vsmanischer Macht, den fast vollkommen islamisch gewordenen Bezirken Jnner-Kleinasiens, desto weniger konnte von einer eigentlichen türkischen Hegemonie in -den eroberten Provinzen noch die Rede sein. Die am meisten vorgeschobenen Landstriche wiesen schließlich überhaupt nur noch Militärsiedlungen auf, welche mit dem Abzug der Heere allmählich gleichfalls verschwanden. Das türkische Element, das infolge der ständigen Kriegführung sich nie stark vermehren konnte, hatte es trotz der anfangs mit gutem Erfolg vorgenommenen Türkisierung zu einer für den Einheitsstaat auf die Dauer unerläßlichen Volksmehrheit niemals gebracht. Dabei stellte sich dieses „türkische Element" ohnehin schon als Gemengsel von Turkomanen, Seldschuken, Tfcherkessen, Grusiern, Lasen, Armeniern, Kurden, Arabern, Griechen, Pelasgern und Slawen dar, das durch den Islam allein seine „völkische Eigenart" erhalten hatte. „Das Rätsel der unwiderstehlichen Eroberung und des darauf folgenden schnellen Niederganges erklärt sich somit," wie Freiherr v. d. Goltz meint, „auf sehr einfache Art. Im Rausche des siegreichen Vordringens war das künstlich geschaffene Volkswefen viel zu weit gegangen. Es hatte die seither verlorenen Provinzen, wenigstens auf europäischem Boden, in Wirklichkeit nie recht besessen, sondern sie sich nur der äußeren staatlichen Zusammengehörigkeit nach, nicht aber auch durch ethnographische und soziale Durchdringung angegliedert. Das trifft bei Befsarabien, den Donaufürsten- . tümern, Bulgarien, Serbien, Bosnien, Griechenland und natürlich in erhöhtem Maße noch bei den ehemaligen türkischen Besitzungen in Südrußland, Siebenbürgen und Ungarn zu." ii. ' Mängel und Sünden. Letzten Endes läuft ja das alles auf das Nationalitätenprvblem hinaus. Die Frage der völkischen Gliederung bildet in der Tat den Eckstein in der Geschichte der Türkei, bildet seit Jahrhunderten den Angelpunkt, um den sich das Politische Leben im Reiche des Halbmonds dreht. In diesem Sinne habe ich denn auch, als die Krise des vergangenen Sommers zum Ausbruch kam, in einem Artikel „Die problematische Türkei und das türkische Problem"*) gehandelt, und darin die Bedeutung der Nationalitätenfrage, welcher gegenüberalles andere nur Sekundärerscheinung ist, in ihrer ungeheuren Tragweite für den osmanischen Staat darzutun versucht. Freilich hat. es auch an solchen „-Sekundärerscheinungen", die vielfach von sehr tiefgehender Wirkung waren, nicht gefehlt. Um mit dem Zustande grenzenloser Verwahrlosung, in dem sich das Land befindet, einigermaßen aufzuräumen und die völlig brach liegenden Kräfte der Bevölkerung zu einer' gewissen Entfaltung zu bringen, mußte eine umfassende und durchgreifende Reformaktion in die Wege geleitet werden. Dazu bedurfte es jedoch, vorangehend, einer Reorganisierung der staatlichen Finanzverhältnisse. Aber von einem solchen Vorhaben wollte Europa nichts wissen. Wir leben in einer Periode starker Zollfchutzbestrebungen. In steigendem Maße sehen wir die Völker sich mit Zollschranken umgeben und, ungeachtet der eigenen Ausfuhr, festungsartig um ihre Erzeugnisse schier unüberschreitbare Schutzwälle aufwerfen. Nur die Türkei ist freihändlerisch, die Türkei, die als ausgesprochener Agrarstaat und bei dem besonderen Gepräge ihrer Produkte weder den Auslandsmarkt zu suchen, noch die fremde Konkurrenz ernstlich zu fürchten braucht. Von sämtlichen Importwaren werden elf Prozent des Fakturenwerts als Zoll erhoben. Eine Aenderung in dieser Beziehung vermag die türkische Regierung, die in ihren zollpolitischen Entschließungen infolge der geltenden Kapitulationsrechte von der Entscheidung der europäischen Großmächte abhängig ist, aus eigener Kraft nicht vorzunehmen. Nun läßt sich gegen ein so indifferenziertes Zollsystem mit feiner ganz schematischen Bestimmung volkswirtschaftlich ja ohnehin vielerlei einwenden, besonders aber bei einer Bevölkerung, die, arm und genügsam, auch beim Bedarfsartikel den Wert nach dem Preise bemißt und demgemäß auf den Gegenstand eher verzichten würde, als daß sie ihn teuer kaufen sollte, ohne dabei für ein Wertobjekt etwas übrig zu haben, selbst wenn es im Preise noch so billig wäre. Ans alle Fälle ist der elfprozentige Zollsatz für die Türkei außerordentlich gering und in feiner jetzigen Gestalt mit den Interessen und Bedürfnissen des Staates durchaus nicht in Einklang zu bringen. (Fortsetzung folgt.) Der Intilemit. Roman von Ernst Theodor Justi. XII. 5wei auf einen! Nach dem Prozentsatz der Bevölkerung müßten es zweihundert sein." — „Vielleicht!. Jedenfalls sind aber doch nach Keller auch sehr viele Deutsche von jener Unart nicht frei. Das müssen Sie denn doch wohl zugeben." i) Vgl. Nummer 35 u. 42 der „Allg. Ztg. d. Judentums," Jahrg. 76.

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