Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 38 (19.9.1913)
- Date
- 1913-09-19
- Page
- Seite 453 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Die erstere Behauptung müssen wir den Tatsachen gemäß entschieden bestreiten. Wir treten deshalb hiermit der Petition unserer Glaubensgenossen in Gelnhausen bei, und fassen unsere Petita, die das Mindestmaß dessen darstellen, was geschehen muß, um die Mißstände zu beseitigen, dahin zusammen: „1. Die Aeltesten einer Synagogengemeinde sollen nicht wie seither, von den Kreisborstehern borgeschlagen und bon den Borstcherämtern ernannt, sondern bon den Gemeindemitgliedern g e - w ä h l t werden. 2. Bei der Besteuerung der Gemeindemitglieder soll nicht, wie seither, das System bon 1833 zugrunde gelegt werden, sondern es soll, wie bei der Komlnunalbestellerung, im wesentlichen die Staatseinkvmmensteuer die Grundlage bilden. 3. Den Gemeinden soll beider Festsetzung des Haushaltsplanes der Probinzen eine Mitwirkung gesichert werden. 4. Die Probinziallasten sollen nicht, wie seither, nach dem Eigen- Steucrsvll der Gemeinden, sondern nach der Steuerkraft der Gemeinden umgelegt werden, wie dies z. B. mit den Landeskirchenlasten geschieht." Wir bemerken noch, daß wir eine Abschaffung der Organisation nicht erstreben, am allerwenigsten eine solche des Provinzial- oder Landes-Rabbinates, sondern daß wir, wie mich unsere Glaubensgenossen in Gelnhausen, lediglich Mißstände gebessert haben wollen, um die Organisation zu erhalten. Wir bitten deshalb: Das Hohe Hans der Abgeordneten wolle dem Anträge seiner Kommission nicht beitreten, sondern die Gelnhänser Petition, ebenso wie diese borliegende, in den von uns angegebenen Punkten der Königlichen Staatsregierung zur Berücksichtigung überweisen. Die kurhessische Iudenschaft ist zum großen Teil orthodox. Es kann sich also weder um eine „Handball" noch um „Reformjuden" handeln. Die Petition «konnte, obivohl sie des öfteren auf die Tagesordnung gebracht war, bei der Geschäftslage des Abgeordnetenhauses nicht mehr im Plenum behandelt werden. Wie wir fjömi, wird dem neuen Landtag eine neue Petition zugeben. Hoffen wir, daß sie dann bei der Staatsregierung eine ebenso günstige Ausnahme findet wie bei den Parteien. Mach dem Frirdmslchluh. Bon Dr. Alphons I. Sußnitzki. Die Zukunft der Türkei. er Vorhang ist gefallen. Das Drama im Völkerringen ans dem Balkan ist zu Ende. Zehntausende von Menschen sind getötet. Hunderttausende zu Krüppeln gemacht worden. Frauen wurden geschändet, Kinder mißhandelt, Greise gemartert. Häuser wurden verbrannt, Dörfer vernichtet, Städte zerstört und weite Landstrecken, wo die Kriegsfurie gewütet hatte, in eine Wüste verwandelt. Die Türkei hat so gut wie vollständig ihren Besitz in Europa eingebüßt, von dem ihr nur ein winzig schmaler Erdstreifen überlassen wurde — gleichsam als Schildwache vor ihrer Residenz, aus deren Zinnen die Fahne des Prophetest in tiefer Trauer aus. Halbmast weht .... .rr ■ .. , I. . . ■ Der R ü ck b i l du n g s P r o z e ß. Wie ist däs nur gekommen? Diese Frage wurde mir von den verschiedensten Seiten wiederholt vorgelegt. In einem Artikel „Stärke und Schwäche des türkischen Reiches", den er 1897 in der „Deutschen Rundschau" veröffentlicht hat, unternimmt es C. Freiherr v. d. Goltz, die politischen und militärischen Momente darzulegen, welche für die äußere Gestaltung des osmanischen Staates von entscheidender Bedeutung waren. Dieser Aufsatz ist gleich nach dem thessalischen Kriege erschienen und wohl auch unter dem unmittelbaren Eindruck des siegreichen Feldzuges in einer für die Türkei optimistischen Stimmung geschrieben. Seitdem hat das Osmanenreich eine der interessantesten und wichtigsten, wenn nicht gar die interessanteste und wichtigste Periode seiner Geschichte durchgemacht. Abdul-Hamid wurde gestürzt und eine konstitutionelle Regierung eingeführt, und dann kam der Raubzug von Tripolis und der Feldzug auf dem Balkan. Die hamidische Schreckensherrschaft sollte von einer Aera der Freiheit, Gesetzmäßigkeit und nationaler Wiedergeburt abgelöst werden, allein es folgten Unruhen und Ueberfälle, Wirrnisse und Kriege, die mit dem Verlust weiter afrikanischer und europäischer Gebiete endeten. So überschlugen sich in hohem und jähem Wellengang Glück und Unglück, Hoffnung und Verzweiflung, Erwartung und Enttäuschung, verheißungsvolle Situationen und unheilschwere Konjunkturen. Wenn trotzdem v. d. Goltz in einer eben erschienenen, Schrift „Der jungen Türkei Niederlage und die Möglichkeit ihrer Wiedererhebung" seine damals vertretene Auffassung nach wie vor aufrecht zu erhalten in der Lage ist, „weil das von ihm vor fünfzehn Jahren Niedergeschriebene noch jetzt zutrisft", so darf das immerhin als Beweis dafür dienen, daß er in seiner früheren Untersuchung eine wesentliche Seite des Problems berührt hat, der gegenüber selbst die einschneidenden Ereignisse der letzten Zeit sich bloß als akzidentelle Erscheinungen darstellen. , ' Es ist ja richtig, daß die Türkei, deren Grenzen einstmals fast bis an die Tore Wiens Und tief hinein nach Rußland, reichten, während der vergangenen zwei Jahrhunderte unaufhörlich einer steigenden Verminderung des Staatsgebietes unterworfen war. „Seit dem Frieden von Carlowitz am 26. Januar 1699, in welchem Ungarn, Podolien, die Ukraine und Azow verloren gingen, endete fast jeder der vielen seitdem geführten Kriege mit Gebietsverlusten für die Hohe Pforte." Nur wenige Nuhepunkte traten bei diesem Abwärtsgleiten der äußeren Macht ein. Desto schwerer war aber dann jedesmal der darauf folgende Stoß. So rückte der von 1878 die Staatsgrenzen auf europäischer Seite der Hauptstadt schon bedenklich nahe, während der des letzten Winters die Türkei, bis auf Konstantinopel und einen geringfügigen Teil von Thrazien als Brückenkopf für die Residenz, aus Europa gänzlich hinausdrängte — von den territorialen Einbußen, die dem Reiche des Halbmonds sonst noch entstanden sind, gar nicht mehr zu reden. Allein all das will Freiherr v. d. Goltz als etwas durchaus'Natürliches und Normales ansehen: als das Ergebnis eines gesetzmäßigen h i st o r i s ch e n R ü ckb i l d un g spr o z esse s. Es ist eine in der Geschichte häufig wiederkehrende Eri scheinung, daß erobernde Völker im ersten Anlauf über die natürlichen Grenzen ihres Vermögens hinaus sieghaft vorzndringen Pflegen; namentlich junge Völker, denen durch ein Uebermaß von Anstrengung eine Zeitlang eine gewaltsame Steigerung ihrer Kräfte tatsächlich gelingt. Aber in der Folge läßt ihre Energieentfaltung nach, sie erweisen sich auf die Dauer doch nicht mächtig genug, ihre Höchstleistung — die ja sonst keine Höchstleistung wäre — aufrechtzuerhalten und müssen zuletzt bei dem Versuche, die größte einmal erreichte Gebietsausdehnung zu behaupten, versagen. Auch der Strom vermag, aus seinen Usern tretend, sich über weite Strecken reißend zu ergießen. Es bleibt jedoch nicht aus, daß er allmählich in seinen Ausläufen versandet und immer mehr.auf sein Bett zurückflutet. Höchstens daß in einem gewissen Umkreis durch ihn zugleich eine Befruchtung des Bodens erfolgt. Dabei war es nicht einmal ein Strom, der in überwältigender Größe stolz seinen Weg nahm; es waren, um im Bilde zu bleiben, allerhand umherirrende Gewässer, die sich nach und nach zusammenfanden und zu einem Abenteuerlauf sammelten. „Kein in sich abgeschlossenes Volk gründete das türkische Reich, ja nicht einmal ein ansehnlicher Stamm, sondern ein Konquistador an der Spitze einer kleinen, kriegerischen und unternehmenden Horde, die nichts zu verlieren, aber alles zu gewinnen hatte." 400 Zelte, aus Chorassan kommend,