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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-09-19 · Heft 38 (19.9.1913) · p. Seite 451

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 38 (19.9.1913)
Date
1913-09-19
Page
Seite 451 (sequence 7)
Language
German
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451 zuschreibt, sehr Wohl vor Plinius gelebt haben kann. In seiner „Geschichte -der Augenheilkunde" kommt A. Hirsch aus die „sonst übrigens ganz unbekannte Persönlichkeit" des Latyrion zurück und vermutet, daß er entweder von der Starniederdrückung spricht, oder daß die Stelle defekt ist. Ich selber habe in meiner „Geschichte der Augenheilkunde bei den Griechen" des Latyrion gar nicht gedacht, da er von keinem Griechen überhaupt nur erwähnt wird. .Auf gräßliche Verstümmlung der griechischen Namen im lateinischen Continens mußte ich ja gefaßt sein. Aber, als durch kurze Uebung mir die Form der einzelnen Buchstaben im Kodex 6912 geläufig geworden, und ich nun das berühmte Zitat des Latyrion aufsuchte, fand ich ganz deutlich und leicht erkennbar: Catityrion dixit. Also Latyrion hat nicht im ersten und nicht vor £>em neunten Säkulum, er hat überhaupt nicht gelebt. Catityrion ist die richtige arabische Schreibart für KcmrjTSTGv, in der Werkstatt des Arztes, vgl. das bekannte Schriftchen aus der Hippokratischen Sammlung bzw. Galens Kommentar dazu. Eine so humoristische Lösung der Latyrionsrage hatte ich selber nicht vermutet, obwohl ich ja von dem „lateinischen Arabisten" an Schlimmes gewöhnt war." Auch über das berühmte Gesetzbuch des Hammurabi, das noch vor wenigen Jahren im Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion stand, hat er eine Abhandlung veröffentlicht. Dort führt er den Beweis, daß in dem Gesetzbuch des Hammurabi nicht von dem Star, sondern von der Tränenfistel die Rode ist. Wo sich ihm irgendwie Gelegenheit bietet, gegen die alten Vorurteile und falschen Ueberlieferungen, die sich mit dem Judentum befassen, Front zu machen, tut er es aus vollem Herzen und mit einer vor nichts zurückschreckenden Offenheit. Dies geschah z. B. auch in einem in der „Berliner Medizinischen Gesellschaft" am 2. März 1892 gehaltenen Vortrag „Ueber die Finnenkrankheit des menschlichen Auges". In dieser hochinteressanten geschichtlich-medizinischen Abhandlung kommt er auch auf die Heilkunde'bei den Aegyptern zu sprechen und führt auf Grund wissenschaftlicher Urkunden und sonstiger Beweise aus, daß die alten Aegypter keineswegs unreinlich gewesen seien und daher die Juden, die unter ihnen gelebt, sich gleichfalls der größten Reinlichkeit beflissen haben. Bei diesem Anlaß sucht er zu beweisen, daß die Annahme einiger Forscher, daß das V e r b o t d e s Genusses des Schweinefleisches bei den Juden und anderen orientalischen Völkern zum größten Teil der Finnenkrankheit ihren Ursprung zu verdanken habe, durchaus irrtümlich sei. Die Aegypter und ebenso auch die Juden aßen aus dem Grunde kein Schweinefleisch bzw. erließen deshalb Verbote gegen deü Genuß desselben, w e i l s i e e i n a u s g e P r ä g t e s R e i n l i ch k e i t s g e f ü h l h a t t e n und das Borstentier als ein unappetitliches undunsauberes aus tiefster Seele verachteten. Er sagt wörtlich: „Das Schwein wurde verabscheut, weil es unsauber ist. Die alten Aegypter waren die reinlichsten Menschen (Hervdvt 2, 77), und im dritten Buch Moses Kapitel 7 steht nur: „Macht eure Seele nicht zum Scheusal und verunreinigt euch nicht an ihnen". Sogar die alten Erklärer bringen nichts Entscheidendes. Vergleiche Maimonides, „Führer der Verirrten", drittes Kapitel 48: „Das Schwein ist von allzu feuchter Natur und hat einen Ueberfluß an schädlichen Säften. Hauptsächlich ist es aber darum vom Gesetz verboten, weil es höchst unflätig ist." Also der gelehrte Rabbi Moses hat die Finnen des Schweines, die doch Aristoteles schon klassisch beschrieben, an dieser Stelle mit keinen: Worte erwähnt. Ergötzlich ist hier der Vergleich der griechischen und arabischen Ae.rzte. Die Griechen Priesen das Schweinefleisch über alle Masten, die Araber, sonst die getreuen Nachbeter der Griechen, erklären, daß es nicht — nahrhaft sei." Es mag schließlich noch erwähnt werden, daß Julius Hirfchberg, ein durchaus vaterländisch empfindender Deutscher, über die Sprache der Aerzte im deutschen Sprachverein vor 11 Jahren einen Vortrag gehalten hat, worin er aufs wärmste dafür eintrat, daß die Herren Medizi in Wort und Schrift bemüht fein mögen, eine reine und geläuterte deutsche Sprache zu gebrauchen. Das jetzige ärztliche Deutsch fei nicht besonders empfehlenswert. Er bekämpft die Annahme, daß die Ausländer die deutschen Aerzte besser verstünden, wenn wir die hergebrachten Fremdwörter beibehielten. Dies sei ganz unrichtig. Denn reineres Deutsch sei für jeden leichter verständlich, also auch für den Ausländer, und wer Deutsch hören oder lesen wolle, möge die deutsche Sprache erlernen. Auch habe er noch nie gefunden, daß ein Ausländer in seiner Muttersprache auf das bessere Verständnis deutscher Leser Rücksicht genommen habe. Er schließt seine Abhandlung mit den Worten: „Ich weiß sehr wohl, daß meine und meiner Mitstrebenden Versuche von den Gegnern mit Spott überschüttet werden. Ein ausgezeichneter Wundarzt und Schriftsteller hat vor kurzem hervorgehoben, er sei doch ebenso gut ein deutscher Mann wie irgendeiner von uns, wenn er auch griechische Kunstausdrücke gebrauche. Das wird von niemand bestritten, ist aber kein Beweisgrund gegen uns. In der Heilkunde scheinen die Läuterung und Neugestaltung der Sprache nicht so aussichtslos zu sein wie etwa zurzeit in der Chemie. Es ist, wie mir scheint, aus meinem Gebiet durchaus möglich und der Sache nützlich, die häßlichen Flicken noch gar nicht eingebürgerter Fremdwörter abzulösen, das unwürdige Joch einer barbarischen Mißsprache abzuschütteln und, den Reichtum und die bezeichnende Kraft unserer Muttersprache voll ausnutzend, allmählich zu einer reinen, der Durchsichtigkeit des Sehorgans entsprechenden Ausdrucksweise zu gelangenwie sie einige vortreffliche Schriftlehrer sogar schon früher besessen haben."' Mag es dem geistig und körperlich so frischen Siebzigjährigen noch viele Jahre hindurch vergönnt sein, sich zu erfreuen des rosigen Lichts! Mögen seine klaren, hellen Augen sich nie trüben, und möge er auch ferner der leidenden Menschheit seine segensreiche Kunst in vollem Maße zuteil werden lassen! Dir lmrhrMlchrn Iudrngrlrtzr. (Aus der „Frankfurter Zeitung"). eit Jahren sind weite Kreise der Judenschaft des früheren Kurfürstentums Hessen, jetzigen Regierungsbezirks Kassel bemüht, eine Besserung der kurhessischen Judengesetze herbeizuführen. Diese Gesetzgebung, die aus den 26er und 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts stammt, ist in vieler Beziehung eigenartig. Im Gegensatz zu weiten Teilei: des Preußischen Staates hat Kurhessen durch die „Verordnung, die gemeinheitlichei: Verhältnisse der Israeliten betreffend" vom 30. Dezember 1823 und das „Gesetz zur gleichförmigen Ordnung der besonderen Verhältnisse der Israeliten" von: 19. Oktober 1833 nicht nur die Einzelgemeinde organisiert, sondern auch die Gemeinden in Kreisen, diese in Provinzen und zuletzt die Provinzen 'in einem Landesamt zusammengeschlossen. Die Vorteile einer solchen Organisation liegen auf der Hand. Dadurch werden die schwachen Gemeinden von den starken mitgetragen, und es ist vor allen: eine geordnete religiöse Versorgung auch der kleinsteu und ärmsten Gemeinde durch Provinzial- -und Landesrabüinate ermöglicht. In Altpreußeu ist dieses gegenseitige Sich-Tragen zurzeit ausgeschlossen. So gut nun auch'die kurhessischen Gesetze in ihrer Anlage und Tendenz sind, so sind sie doch in verschiedenen Teilen sehr verbesserungsbedürftig. Das 19. Jahrhundert mit seinen Umwälzungen auf allen Gebieten konnte auch hier nicht spurlos vorübergehen. Freilich — und das ist besonders reizvoll zu beobachten — das Jahr 1866, das den Kurstaat verschwinden ließ, hat die Organisation der Israeliten in keiner Weise berührt, indem zum Beispiel die alte Einteilung Kurhessens in die vier Provinzen Niederhessen, Oberhessen,

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