Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 38 (19.9.1913)
- Date
- 1913-09-19
- Page
- Seite 450 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3229069-3229108--69765-3282085- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
mancher Preußischer Orden; aber seitens des Auslandes ist seine Tätigkeit noch viel mehr gewürdigt worden. Als Spezialist für Augenkrankheiten erwarb sich Geheimer Medizinalrat Prof. Dr. Julius Hirschberg nicht allein durch seine gelungenen Kuren, sondern auch durch seine fachwissenschaftlichen Werke einen weit über die Grenzen Deutschlands hinaus gehenden Ruf. Schon in seiner Erstlingsschrist über „Gliom der Netzhaut", erschienen im'Jahre 1869,-zeigte er die Klaue des Löwen. Hierüber äußert sich Dr. Hugo Wintersteiner: „Es ist nun mehr als ein Vierteljahrhundert dahingegangen seit Hirschbergs Monographie über den Markschwamm der Netzhaut. In derselben ist das Krankheitsbild nach einigen Untersuchungen und der einschlägigen Literatur in musterhafter Weise skizziert, so daß die späteren Arbeiten nur unwesentliche Modifikationen oder Ergänzungen bringen konnten." Die Ergebnisse seiner ophthalmologischen Forschungen, Beobachtungen und Entdeckungen faßte er in seiner als geradezu klassisch geltenden Geschichte der Augenheilkunde zusammen. Dieses Werk darf nach dem Ausspruch Professor N. Wellmanns in W. Krolls „Altertumswissenschaften im letzten Vierteljahrhundert" (Leipzig 1905) als eine abschließende Leistung bezeichnet werden. Es ist die reise Frucht der ein halbes Menschenalter umfassenden Arbeiten' des großen Augenarztes, durch tiefgegründete Sachkenntnis und liebevolles Versenken in die Forschungen der Alten gleich ausgezeichnet. Aus der Fülle der überaus zahlreichen, eine ganze Bibliothek füllenden grundlegenden Werke und Sonderschristen des Verfassers seien hier nur einige wenige hervorgehoben: „Klinische Beobachtungen", Wien 1878. — „Die mathematischen Grundlagen der medizinischen Statistik", Leipzig 1874. — „Wörterbuch der Augenheilkunde", Leipzig 1887. — „lieber die ägyptische Augenentzündung", Leipzig 1890. — „Einführungen in die Augenheilkunde", Leipzig 1892. — „Die Augenheilkunde des Jbn Sina", aus dem Arabischen übersetzt und erläutert, Leipzig 1902. —; „Die arabischen Augenärzte", Leipzig 1904/05. — „Aeghptisch-geschichtliche Studien" (Aegypten als klimatischer Kurort, über die Augenheilkunde der alten Aegypter). — „Albrecht v. Graefe", 1906. — „Die Behandlung der Kurzsichtigkeit", Berlin 1910 u. a. m. Auch als Erfinder reiht sich Hirschberg würdig seinem großen Lehrer und Meister Albrecht v. Graefe an. Ich nenne hier von seinen Erfindungen nur die des Elektromagneten zur Entfernung von Eisensplittern aus dem Augapfel. Wer sich über diese epochemachende ärztliche Tat näher unterrichten will, den verweisen wir auf die beiden Schriften von ihm: „Der Elektromagnet.in der Augenheilkunde, eine Monographie mit 17 Abbildungen im Text", Leipzig 1885, und „Die Magnetoperationen der Augenheilkunde, nach eigenen Erfahrungen dargestellt, zweite, vollständig neu bearbeitete Auflage mit 30 Abbildungen im Text", Leipzig 1899. Als der Erfinderin einem in der Januarsitzung 1901 der Berliner Ophthalmologischen Gesellschaft gehaltenen Vortrag über seine Erfindung sprach, konnte er nicht umhin, das Jahrhundert zu Preisen, das auf dem Gebiete der Technik, die auch der Arzneikunde so sehr zustatten komme, solch riesige Fortschritte gemacht habe. Er sagte damals u. a.: „Wie glücklich war ich vor etwa 25 Jahren, als mir an Stelle des Kinderspielzeugmagneten, mit dem ich in meinem ersten Fall den Eisensplitter aus dem Glaskörper nicht zu holen vermochte, Herr Dörfsel nach meinen Angaben einen kleinen brauchbaren Handelektromagneten anfertigte, mit dem ich im Jahre 1879 meine erste erfolgreiche Auszichung eines Eisensplitters aus dem Glaskörper verrichtete! Wie habe ich das kleine Instrument gepflegt und verbessert, ihm die richtige Größe gegeben, welche mit der Handlichkeit vereinbar ist, den besten Eisenkern, die sorgsamste Wicklung der Drähte, die noch nicht richtigen Enden oder Nadeln, das nicht Passende Zink-Kohle-Element, das eine Tragfähigkeit von 200 Gramm gewährleistete! Viele vorher unheilbare Fälle sind mit diesem kleinen Instrument im Lause der Jahre erfolgreich operiert worden, von mir wie von anderen, doch nicht alle Fälle sind heilbar gewesen. Nun, dies gilt seit HiPPokrates für jedes Gebiet unserer Tätigkeit. Aber der menschenfreundliche Arzt strebt danach, die Zahl der heilbaren Fälle zu vergrößern. Sowie die Elektrotechnik Fortschritte machte, habe ich statt Zink-Kohle- Elemente Akkumulatoren angewendet und zu meiner Ueberraschung eine wesentliche Verstärkung der Wirksamkeit gefunden, also die Zahl der heilbaren Fälle vergrößert. Natürlich muß man auf Launen der Akkumulatoren gefaßt sein, im kleinen Betriebe sowohl wie im großen, immer für Aushilfe- und Ersatzapparate sorgen und alles unter stetiger Obhut halten. So. war es für mich denn nur eine Frage der Zeit und Gelegenheit, den Anschluß meines Elektromagneten an die Leitung der Berliner Elektrizitätswerke zu bewirken, um erstens die höchste Wirksamkeit der Instrumente zu erzielen, die bei dem gegenwärtigen Stande der Technik möglich ist, zweitens die größte Sicherheit und Leichtigkeit des Betriebs zu erreichen, da ein Versagen der elektrischen Kraft im Augenblick des Gebrauchs nicht zu befürchten steht." Geheimrat Hirschberg, ein treuer Anhänger seines angestammten Glaubens, ist zugleich auch ein Gelehrter und des Hebräischen und Arabischen mächtig. Das beweist schon sein zweibändiges Werk „Ueber die arabischen Augenärzte", Leipzig 1905, das er mit I. LiPPert und E. Mittwoch nach den Quellen bearbeitet hat. Infolge dieser seiner linguistischen Kenntnisse war er auch imstande, manche wertvolle und interessante Bemerkungen über die Arzneikunde des Orients im allgemeinen und des semitischen Volkes insbesondere zu machen, die sich durch Gründlichkeit, Unparteilichkeit und Objektivität auszeichnen. Auf seinen zahlreichen weiten Reisen, die er zu wissenschaftlichen Zwecken unternahm, forschte er diesen Spuren der Arzneikunde des Orients in zahlreichen . Archiven nach und hat dabei so manche wichtige Ergebnisse für die Wissenschaft ans Tageslicht gezogen. Es sei mir gestattet, aus der Fülle der Mitteilungen des gelehrten Forschers nur seine 1906 geschriebene Abhandlung zur „Geschichte der Staroperation" hier auszugsweise aus dem Grunde mitzuteilen, weil auch daraus ersichtlich ist, wie sehr ihn gerade jüdische Aerzte der Vorzeit interessierten. Wir lesen dort u: a.: „Meine letzte Anwesenheit in Paris (April bis Mai 1906) habe ich dazu benutzt, um in der ebenso reichen wie liberal verwalteten kibliotbeguo nationale die berühmte lateinische Handschrift Nummer 6912 anzusehen, welche die von dem jüdischen Arzt Farrag angefertigte lateinische Uebersetzung des Kitab al-hari (Continens) von Nazi enthält. Der Kodex ist wahrscheinlich das Widmungsexemplar an König Karl von Anjou (1279): die Miniatur oben auf der ersten Seite zeigt den beturbanten Farrag, wie er sitzend einem knienden Diener das Buch überreicht und gegenüber den König auf dem Thron, wie er von demselben wiederum knienden Diener die Handschrift in Empfang zu nehmen geruht. Der Kodex ist vortrefflich geschrieben und sorgfältig korrigiert. Am meisten interessiert mich die Staroperation. „Unter den Wundärzten, die Razes anführt, kommt ein gewisser, sonst, unbekannter Latyrion vor, der nach Antylus' Methode den Star auszog", so heißt es in Karl Sprengels „Geschichte der Chirurgie". Um diesen Latyrion entbrannte ein Kamps, wie um den Leichnam des Patroklos. Hafner läßt ihn um 100 nach Christi leben, gibt aber als möglich zu, daß er doch später, als wirklich angenommen wird, gelebt hat. Albrecht v. Graefe erklärt die Lebenszeit von Latyrion für höchst ungewiß. Hasner vermutet Satyrion für Latyrion und glaubt, daß Latyrion, dem Antylus die Erfindung der Extraktion