Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 38 (19.9.1913)
- Date
- 1913-09-19
- Page
- Seite 448 (sequence 4)
- Language
- German
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operiert wird, wenn aus unseren eigenen Neihen die Vorurteile der anderen bestätigt werden, dann müssen wir gegen diese Bewegung Front machen. Das ist schwer, weil ein gewisser zionistischer Radika- ' lismus in unangenehmer Art gegen uns kämpft; das müssen wir auf uns nehmen. Wer was das Kränkende ist,, das, was ich ganz offen und frei als Taschenspielerkunststück bezeichnen muß, ist, daß sie unsere Ausführungen so gern so darstellen, als ob wir sie in einem unwahren und unechten Hurrapatriotismus machten. Es sind doch jetzt auch schon. 12 Jahre, daß ich im Politischen Kampf stehe, und wenn ich politisch spreche, mache ich oft genug Front gegen die nationale Phrase, gegen den unwahren Hurrapatriotismus. Niemals bin ich von einem mißverstanden worden. Wenn man -mm den Herren ruhig und nüchtern auseinandersetzt: aus den und den Gründen gehören wir. zur deutschen Nationalität, was steht dann am andere Tage in der „Jüdischen Rundschau"? Die bringt einen Bericht, als wäre man der allerbösartigste Chauvinist, als hätte man sich in übertriebenen nationalen Phrasen bewegt. Die Phrase liegt mir gewiß fern; ich stelle lediglich die Dinge so dar, wie sie sind. Ich sage, so ist unsere Sprache, und so ist unsere Kulturgemeinschaft, und ich sage, nach alledem gehören wir zum deutschen Volke, und zu einem anderen können wir nicht gehören. Und darum meine ich, mit derselben Schärfe, mit der wir uns gegen den Antisemitismus wemden, mit derselben Schärfe müssen wir aus innerer Notwendigkeit Front machen gegen den Zionismus, so weit er . unser Nativnalgesühl bestreitet; auch aus der Erwägung heraus, weil wir wollen, daß uns einmal unser Recht wird, weil wir es nicht ertragen können, daß unsere Gegner in diesem schweren Kampfe uns sagen: nicht nur wir sagen, daß ihr nicht zur deutschen Nation gehört, sondern eure eigenen Leute, aus euren eigenen Neihen heraus wird das behauptet. Wir wollen den Kamps ruhig und sachlich führen; wir wollen die Zionisten in ihrer tteberzeugüng nicht kränken. Aber die einzelnen, besonders die Jugend, die wollen wir bitten, doch die zionistischen Behauptungen noch einmal zu prüfen und noch einmal durchzudenken. Ich weiß, es konunen unendlich viele aus Zufälligkeit zum Zionismus, und dann bleiben sie dort stehen, machen die 'Argumente mit; ich vertraue aus den gesunden Sinn unserer Jugend. Wenn sie sich die Frage stellt: worin besteht denn die jüdische Nationalität, dann kommt sie mit uns zu dem Ergebnis: es chbt keine jüdische Nation, und für einen deutschen Inden gibt es nur eines: das starke und gute und in den Tatsachen begründete Bewußtsein, daß er unlöslich mit dem deutschen Volk verbunden ist. Geh. Leg.-Sst. Orok. Dr. tz. Uran. Geb. 3. November 1845, gest. 29. August 1913 Bon L u d w i g G e i g e r. n Homburg ist in einem dortigen Sanatorium der % verdienstvolle Elektrophysiker und Großindustrielle Geh. Reg.-Rat Pros. Dr. Herm. Aron an einem Herzschlage gestorben.. Der Dahingeschiedene, über dessen Studiengang, wissenschaftliche Bedeutung und epochale Forschungen auf dem Gebiete der Elektrizitätslehre in der vorletzten Nummer des „Gemeindeboten" nach der „Vossischen Zeitung" ausführlich berichtet wurde, war zu Kempen geboren und ent- 448 —— * stammte einem frommen jüdischen Hause. Er verbrachte seine Kindheit und Jugend in kleinen Verhältnissen. Sein Vater war ein orthodoxer duldsamer Mann, der in äußerst einfachen Verhältnissen lebte, seine Mutter eine kluge, liebenswürdige Frau. Während der Vater früh starb, lebte die Mutter lange genug, um sich an dem Ruhme und Glanz des Sohnes zu erlaben. Sie lebte, so auskömmlich der Sohn für sie sorgte, in ihrer schlichten Einfachheit bis zum Ende. Sie wahrte sich ihre Selbständigkeit, ihr sicheres Urteil, sie durchschaute mit einem bewundernswerten Scharfsinn die Verhältnisse und beurteilte die Menschen mit durchdringender Klugheit. H. Aron wahrte seinen Eltern schöne Pietät; das Bild der Mutter mit den. feinen durchgeistigten Zügen hatte einen Ehrenplatz in seinem Studierzimmer. H. Aron blieb dem Judentum treu und beteiligte sich an allgemeinen jüdischen Angelegenheiten. Freilich liebte er es nicht, in den Vordergrund zu treten, hatte auch weder Lust noch Beit, sich in Partei- und Gemeindekämpfe zu mischen, hielt aber mit seinem klugen Rate nicht zurück, sobald ein solcher begehrt wurde, und zeigte besonderes Interesse für Kolvnisationsangelegenheiten. H. Aron war ein genialer Mensch. Nicht in dem Sinne, daß ihm das Praktische fremd war. Vielmehr war er auch darin groß und verdankte der Verwertung seiner Erfindungen glänzende Resultate. Genial war er in tiefgründigen Untersuchungen, m denen er selbständige Wege betrat. Er lebte so sehr in seinen Ideen, daß er manchem als Träumer erschien und im gewöhnlichen Gespräch unteilnehmend erachtet werden konnte, weil er -ausschließlich seinen Gedanken hingegeben war. Doch lebte er nicht bloß seinen wissenschaftlichen und praktischen Arbeiten. Vielmehr besaß er Neigung für Philosophie und Literatur. Besonders vertraut war er mit Shakespeare, den er in intimen Kreisen gery vorlas. Er war ein trefflicher Gatte und Vater. Er hatte das Glück, eine Gattin zu finden, die sich nicht bloß in feinem Ruhme sonnte, sondern für ihn und sein Haus in aufopfernder Art sorgte. Ein Kreis blühender Kinder umgab ihn; zarte, liebe Enkel erfreuten sein Herz. Er war ein wackerer, trefflicher Mensch, ein Freund den Freunden. Er wahrte die Treue, die er in reichem Maße genoß. Vierzig Jahre lang stand er mir nahe. Seitdem er 1873 von meinem Vater, den er in Norderney kennengelernt hatte, in unser Haus gezogen war, blieben wir verbunden. Wir haben als Jünglinge philosophiert und manches anderen entzogene traute Geheimnis getauscht, wir haben als Männer ununterbrochen miteinander verkehrt. Es gab in unseren Familien kein frohes Fest, das wir nicht gemeinsam begingen. Gern richteten wir bei solchen Anlässen aneinander und an Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. H. Aron. ---mhc