Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 38 (19.9.1913)
- Date
- 1913-09-19
- Page
- Seite 447 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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447 x auf rund 127 000 gestiegen, davon in Palästina von einigen Hunderten auf 2000. Die Gesamteinnahmen werden schätzungsweise auf rund zwei Millionen bemessen, das Vermögen sämtlicher Institutionen mit rund zehn Millionen angegeben. Es fehlte natürlich auch nicht an einer Kritik der Finanzgebahrung und der Palästinaarbeit, die jedoch nach vorliegenden Berichten nur von wenigen, so von dem früheren Präsidenten W o l f f s o h n und Herrn Kann, Haag, geübt wurde. Aber auch die Kritiker stimmten der am Schlüsse der Generaldebatte zur Abstimmung gelangten und einstimmig angenommenen Resolution zu: „Der XI. Zionistenkongreß drückt dem engeren Aktionskomitee sein vollstes Vertrauen und seinen tiefsten Dank für die von ihm auf organisatorischem, politischem, kolonisatorischem und finanziellem Gebiete geleistete fruchtbringende Arbeit aus und erteilt ihm Decharge." Mit diesem Anerkenntnis des engeren Aktionskomitees mußte sich dieses begnügen, die so leidenschaftlich geforderte Unterstellung der Finanzinstitute unter das Aktionskomitee wurde nicht gewährt. Herr Wolffsohn hatte übrigens in seiner sehr wirkungsvollen Rede sogar die fernere Mitarbeit für unmöglich erklärt, falls jene Wünsche des Aktionskomitees die Mehrheit finden sollten. — Ueber die zionistische Palästinaarbeit referierte Dr. Ruppin in Jaffa. Das Bild ist ein sehr günstiges. Die Umsätze des Palästinaamtes hätten sich im letzten Jahrfünft verdreißigfacht und die Summe von 3^ Millionen Frank überschritten. Für die Zukunft sei die Entwicklung des Schrstwesens, insbesondere die Eröffnung des Technikums in Haifa (bekanntlich eine Schöpfung des „Hilssvereins der' Deutschen Juden") von höchster Bedeutung. Als „Tat" wird die Errichtung der Großfarmen Kinereth und Ben Schemen gepriesen, «der die Entstehung blühenden jüdischen Lebens am Tiberiassee zuzuschreiben sei. Auch hieran übte Herr Kann, Haag, Kritik und meinte, die Gelder des Nationalfonds seien über die zulässige Grenze hinaus in Palästina investiert, man projektiere zuviel und bereite die Projekte nicht hinreichend sorgsam vor. Seine Auffassung stieß aber auf lebhaften Widerspruch. Aus den Debatten über die Kulturfragen sei besonders hervorgehoben, daß ein Redner eine stärkere jüdischnationale Beeinflussung der A l l i a n c e s ch u l e n in Palästina verlangte, um «der Wanderung nach dem Westen zu steuern, während ein anderer Redner, der über den Kulturfonds „Kedem" sprach, u. a. meinte: „In letzter Zeit droht uns dort (in Palästina) ein neues Uebel. Manche unserer Wohltäter wollen im Technikum zu Haifa als Unterrichtss p r a che die deutsche einführen. Und schwer, sehr schwer wird dadurch der nationale, zur Renaissance strebende jüdische Geist verletzt werden." Einen Hauptgegenstand bildete ferner die Frage der Begründung einer h e b r ä i s ch e n U n i v e r s it ä t in Jerusalem. Man wird es durchaus begreifen, daß sich eine solche Aufgabe nicht so einfach lösen läßt. Der Kongreß sprach sich für die- Begründung einer solchen aus, falls die Vorbedingungen, insbesondere auch die finanziellen, sich erfüllen lassen. Es stellt der Opferfähigkeit und der Begeisterung für die Sache das beste Zeugnis aus, daß schon sofort auf dem Kongresse ein ansehnlicher Fonds für die Universität gezeichnet wurde, wie denn auch bei dem gleichen Anlaß die materielle Grundlage für das Gymnasium in Jaffa endgültig geschaffen worden ist. Freilich liegt trotzdem die Ausführung des Gedankens der Begründung einer hebräischen Universität in Jerusalem noch in recht weitem Felde. Im großen und ganzen zeigten die Verhandlungen, daß man an dem bisherigen Kurse, der die Praktische Arbeit in Palästina in den Vordergrund stellt, festzuhalten gewillt ist. Die seinerzeit von N o r - bau und Marmorekin Paris und hier auf dem Kongreß von Wolffsohn vertretene politische Aktionsmethode ist unterlegen. — Aus den überaus zahlreichen Vergnügungs- und Unterhaltungsveranstaltungen, die den Kongreßteilnehmern geboten wurden, hebt sich eine Veranstaltung, die den Manen Herzl's gewidmet war, sehr sympathisch heraus: Der Gang zum Grabe Herzlls. An diesem Akt der Pietät nahmen ungefähr achttausend Glaubensgenossen teil. — Zum Schluffe sei noch erwähnt, daß in das engere Aktionskomitee die bisherigen Mitglieder Professor Marburg, Dr. Hantke, Nahum S o k o l o w, Berlin, sowie Dr. Jacobson, Konstantinopel und Dr. Schemaria Lew in, Haifa, einstimmig wieder- und Herr Dr. I. Tschlenow, Moskau, der nach Berlin übersiedeln wird, neu gewählt wurden.— In d ^Schlußsitzung erhob der Kongreß gegen den BeilisProzeß und die Blutbeschuldigung einen flammenden Protest. Professor Marburg sprach dem Präsidium den Dank aus,-begrüßte die Mahl Dr. T s ch l e n o w s in das engere Aktionskomitee und verweilte in warmen Worten bei der sympathischen Haltung der Wiener Bevölkerung und der österreichischen Presse. Man muß zugestehen, daß abgesehen von der Sitzung, in der über die Unterstellung der Finanzinstitute sehr temperamentvolle Debatten geführt wurden, der Kongreß, der unter dem Präsidium Wolffsohns stand, in durchaus würdevoller Weise verlaufen ist. * Zur Präzisierung des Standpunkts, den wir dem Zionismus gegenüber einnehmen, sei hier aus dem letzten Heft der Zeitschrift „Im Deutschen Reich" ein Stück einer Rede des Abgeordneten Dr. Ludwig Haas wiedergegeben. Cs lautet: Warum wenden wir uns gegen die Zionisten soweit sie das deutsche Nationalgefühl der deutschen Juden bestreiten? Ich Hube schon einmal im Kampf gegen die Zionisten gestanden, als Student, als von zionistischer Seite der Versuch gemacht wurde, unsere Verbindungen im K. C. in Zionistisches Fahrwasser zu bringen, weil ich das für eine gefährliche -Sache hielt und der Meinung war, daß diese Verbindungen dadurch auf Abwege geraten. Als ich nicht mehr Student war, stand ich der ganzen Frage sehr gleichgültig gegenüber; ich habe gesagt: laßt den Zionisten ihren Glauben, gefährlich sind sie schließlich nicht, und sie schaffen auch etwas Gutes; sie haben immer geholfen, insbesondere in der jüdischen Jugend jüdisches Selbstbewußtsein zu schaffen. — Nicht sie allein; andere haben auch mitgearbeitet; sie haben aber mitgeholfen, und das war gut. Aber als sie dann in dieser schroffen, übertriebenen Weise sich mitten hineingestellt haben in die deutsche Oessentlichkeit, als die Kunstwartdiskussion kam, als gesagt wurde: ja, die anderen haben ja recht, wir sind etwas anderes, wir sind etwas Fremdes, wir gehören nicht zur deutschen Nation, da habe ich mir allerdings gesagt, jetzt sängt die Sache an, ungemein gefährlich zu werden. Denn ein taktisch und klug denkender Mensch wird sich doch immer sagen müssen: wenn man einmal anfängt, dem Gegner die Argumente zu geben,' dann ist jeder Erfolg in Frage gestellt. Wenn -ich die Ueberzeugung gehabt hätte, daß das wahr wäre, was sie sagen, nun gut, dann hätte ich mir sagen müssen: Vor-allem die Wahrheit! Weil ich aber gewußt habe, das ist ja doch nur ein unrichtiger Glaube, herausgewachsen aus der Erbitterung und aus dem Unrecht, das man uns zugefügt hat, da habe ich mir gesagt: jetzt müssen wir gegen diesen Teil der Bewegung Front machen; das ist unerträglich, daß nun aus unseren Reihen heraus gearbeitet wird mit antisemitischen Argumenten. Wenn einer vor 20 Jahren einem deutschen Juden gesagt hätte,, er wäre ein Fremdkörper im deutschen Volke, wenn einer einem deutschen Juden zur Zeit der Hochflut des Antisemitismus gesagt hätte, er gehöre überhaupt nicht zur deutschen Nation — nun, je nach dem Grade seiner Leidenschaftlichkeit siel..dann ein scharfes Wort oder er hätte sich überhaupt nicht meistern können und hätte dem Mann einen Schlag versetzt — so sehr hat man die Behauptung als eine Kränkung und als Unrecht empfunden. Aber ich meine, das war ja noch zu ertragen, wenn es ein Antisemit uns gesagt hat. Da wußten wir, das ist der Mann, der in diesem Vorurteil lebt, der Mann, dem sie eingeredet haben, selbst wenn er einen polnischen Namen getragen hat, -er wäre germanischen Blutes, der Mann, der mit einer Brille hinterm Schreibtisch sitzt und sich einbildet, er wäre so stark und so kräftig wie einer, der in den Wäldern Germaniens Auerochsen gejagt hat. Also da hat man doch ein gewisses heiteres Verständnis dafür gehabt. Wenn aber nun in unseren eigenen Reihen mit diesem Raffenwahnsinn