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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-09-19 · Heft 38 (19.9.1913) · p. Seite 446

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 38 (19.9.1913)
Date
1913-09-19
Page
Seite 446 (sequence 2)
Language
German
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Haben aber die Juden diesen seit dem Ansang des 19. Jahrhunderts durch rege Teilnahme an allen Zweigen der deutschen Kultur nicht glänzend bewiesen? . Wo haben es die Juden mit den Feinden gehalten? Brachten sie nicht freudig die Opfer an Gut und Blut, wenn das Vaterland in Gefahr war? Sind denn an unserem großen wirtschaftlichen Aufschwung die Juden unbeteiligt? Fehlt es an jüdischen Dichtern, Künstlern aller Art, hervorragenden Männern der Wissenschaft und Technik? Ferner gibt es doch so viele Juden, welche die Ergebnisse der Wissenschaft den weiten Volkskreisen in verständnisvoller geschmackvoller Weise darzubieten verstehen. Wieviel Geldopfer sind aus jüdischen Kreisen zur Förderung deutscher Wissenschaft und Kunst, für Wohltätigkeitszwecke im großen Stil (ohne konfessionelle Einseitigkeit) freudigen Herzens gebracht worden? Seif Jahrhunderten halten die Juden im Ausland an der deutschen Sprache fest, während viele andere schon sehr schnell im fremden Volkstum aufgehen. Sind denn dies alles Zeichen fehlenden nationalen Sinns? Freilich, manchen treibt der nationale Sinn zum Chauvinismus, zum Hasse gegen fremdes Volkstum, der in seinen Endzielen zum Krieg aller gegen alle führen würde. . Den Juden mindere Befähigung für den Pädagogischen Beruf zuerkennen, heißt ihre Geschichte nicht kennen. Lehre und Lehrer haben das Judentum in den Zeiten schwerster Verfolgung vor dem Untergang bewahrt. Als am Anfang des 19. Jahrhunderts jüdischen Schülern der Besuch der allgemeinen Anstalten erschwert wurde, entstanden die noch heute blühenden jüdischen Schulen zu Seesen, Hamburg, Fürth, Frankfurt a. M. usw. Können diese nicht den Vergleich mir anderen aushalten? Haben sich nicht viele jüdische Privatlehrer glänzend bewährt? In den Vereinigten Staaten fragt keine Behörde nach der Konsessionszugehörigkeit der Lehrer an öffentlichen Schulen. Nicht wenige Juden wirken dort. Wird ihre Tätigkeit in nationaler oder pädagogischer Beziehung störend empfunden? Hier würde es zu weit führen, auf die jüdischen Verfasser, von Lehrbüchern für den mittleren und höheren Unterricht näher einzugehen. Aber einige Männer verdienen Erwähnung. Welcher Geschichtskundige kennt nicht das weit verbreitete „Handbuch der deutschen Geschichte" von Bruno Gebhardt? Nach kurzer Lehrtätigkeit am 'Philanthropin in Frankfurt a. M. kam Harry Breslauer als Professor an die Universität Straßburg und gehörte bald zu den Meistern der Urkundenforschung. Lange wirkte an einer Privatschule in Strelitz Daniel Sanders, d-essen deutsche Wörterbücher und sonstigen sprachlichen Hilfsmittel Weltruf 'besitzen. Aus der Schulpraxis ist die prächtige Goethebiographie von A. Bielschowsky hervorgegangen. Seit 35 Jahren lebt Dh. Creizenach nicht mehr, wird aber unter den Literarhistorikern noch genannt. Ist denn der Name Engel durch seine Werke über Literaturgeschichte und deutschen Stil nicht weit gedrungen? Trotz seiner nicht zu knapp bemessenen Schulstunden fand G. Wertheim in Frankfurt a. M. noch Zeit, selbständige und mathematische Werke abzufassen und in Gemeinschaft mit Helmholz hervorragende fremdsprachliche Werke zu übersetzen und zu bearbeiten. . In der Reaktionszeit nach 1849 konnte der Schlesier W. Freund, eine vorzügliche Lehrkraft, keine Anstellung an öffentlichen Schulen finden. Aber wer kennt nicht seine „Schülerbibliothek" und das „Triennium philologicum?" Noch gar lange haben die lateinischen Uebungsbücher von H. Warschauer den Verfasser überdauert. Der leider so früh verblichene Lazarus Geiger in Frankfurt a. M. war nicht nur ein Sprachforscher ersten Ranges, sondern auch ein guter Methodiker, wie seine heute noch schätzenswerte Abhandlung, „Die deutsche Grammatik als Lehrgegenstand an deutschen Schulen" (1870) dartut. Schweren Leidens ungeachtet gehörte der Oberlehrer' A. Mannheimer zu den hervorragendsten Kräften des Volksbildungswesens im Rhein- und Maingau. In, der Literatur des französischen und englischen Unterrichts sind den Fachleuten die Schulmänner M. Banner, S. Gräfenberg und J.Herz, Frankfurt a.M., keineleeren Namen. Am Anfang des 19. Jahrhunderts gab es nicht nur ausschließlich katholische Schulen, sondern auch die protestantischen zerfielen in lutherische und reformierte., Aber wenn heute in Aachen und Köln, trotz überwiegender katholischer Bevölkerungszahl — die Katholiken protestantische Direktoren und Lehrer ertragen, sie häufig kaum als solche empfinden, warum in aller Welt erschwert man den Juden die Laufbahn als Oberlehrer? Je mehr jene in allen Berufszweigen sich betätigen können, um so mehr schwindet bei ihnen aller Sondergeist, um so mehr werden sie nicht mehr als Volksfrtzmde, sondern nur als Angehörige einer Religion angesehen. Je mehr die Juden Mitarbeiter für alle Arbeitszweige sind, um so mehr schwindet ihre einseitige Betätigung im Handel und Journalismus. Dies wäre ein Nutzen für sie und gewiß kein Schaden für Alldeutschland. Gute Lehrer erwecken die schlummernden Triebe zum Lehrberuf —. auch in jüdischen Schülern. Wie schmerzlich muß ° es diese berühren, wenn ihnen der Eintritt in diesen köstlichen Beruf so sehr erschwert wird. Immer schwieriger wird die Aufgabe der Schule, immer mehr tritt hervor die'Wechselwirkung der Schule mit dem vielgestaltigen Leben. Man spricht häufig von dem gar starken Andrang von Bewerbern für den öffentlichen Dienst. Aber an wahrhaft tüchtigen Lehrern war nie Ueberfluß, ebensowenig wie an wahrhaft guten Menschen. Wie manche tüchtigen pädagogischen Talente unter den Juden liegen brach wegen der in gewissen Kreisen herrschenden Vorurteile. Jene sollten erleuchtete Staatsmänner zur Entfaltung bringen zum Wohle der Schule, zum Wohl des Vaterlandes, zur Kundgebung der Gerechtigkeit und des Friedens! Die Woche. Berlin, 16. September 1913. er XI. Zionistenkongreß in Wien, der wie die meisten seiner Vorgänger einen äußerlich durchaus imponierenden Eindruck machte, hat, obwohl in der Hauptfrage, der Unterstellung der zionistischen Finanzinstitute unter die Disposition der Hauptleitung der Antrag des A. K. nicht zur Annahme gelangte, eine offensichtliche Stärkung der gegenwärtigen Leitung und der Anhänger der praktischen Palästinaarbeit zum Ergebnis gehabt. In seiner Eröffnungsrede hat Professor Marburg in der Entwicklungsreihe des Zionismus von einer jetzt eingetretenen dritten Periode, einer „völligen geistigen Umgestaltung des Jdeenkomplexes, der sich unter dem Wort Zionismus verbirgt", gesprochen und widerspruchslos festgestellt, daß die Palästinaarbeit„nichtmehrHilfsmittelder politischen sei,sondern Gleichberechtigung erlangt habe". — Der Besuch des Kongresses war ein außerordentlich reger, es waren über 500 Delegierte aus allen Teilen der Erde versammelt. Die Wiener Kultusgemeinde hatte einen offiziellen Vertreter zur Begrüßung entsandt, desgleichen die türkisch-sephardische Gemeinde in Wien. Die Verhandlungen selbst erstreckten sich auf die verschiedensten Gebiete der zionistischen Tätigkeit. Dabei fehlte es naturgemäß nicht an Meinungsverschiedenheiten, die zuweilen auch in lebhaftesten Auseinandersetzungen zum Austrage gelangten. Der Rechenschaftsbericht des Aktionskomitees wurde im großen und ganzen von der überragenden Majorität des Kongresses durchaus beifällig ausgenommen und die Decharge mit Einstimmigkeit erteilt. Es ist uns nicht möglich, auf die einzelnen Ausführungen, der zahlreichen Redner während der achttätigen Verhandlungen einzugehen. Aber aus dem Rechenschaftsbericht seien hier einige Daten angeführt. Die Zahl der Schekel ist seit dem letzten Kongreßjahr von rund 106 000

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