Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 37 (12.9.1913)
- Date
- 1913-09-12
- Page
- Seite 442 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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———— 442 wundervolle Sammlung, deren 800 Stücke einen Saal des ersten Stockwerks füllen. Wir möchten die ehrwürdige Gestalt Josef Israels herausbeschwörem um die tiefe familiär-patriarchalische Stimmung dieses Raumes zu verdeutlichen, die gerade den am stärksten überkommen wird, der mit allen Fibern der Seele im historischen Bewußtsein, in Schmerz und Stolz, wurzelt?; ' - Die ältesten Stücke, steinerne Armenbüchsen und Gebetbücher, reichen bis aufs dreizehnte Jahrhundert zurück. Es berührt seltsam, daß die Lettern unserer Gebetssprache sich in nichts gewandelt haben. Zunächst fällt der Blick aus eine hölzerne Thorälade und Gebetpult, die der Modener Synagoge 1505 entstammen und von kostbarer Intarsienarbeit umrahmte Ouadratselder tragen, die wiederum mit den feinsten Schnitzereien ausgesüllt sind. Maurische Arabesken lösen sich widerstrebend in asketische, vergeistigungssüchtige Gotik aus. Also hier ist schon ein durchgehender Zug dieser.jüdischen Altertümer festzustellen. Eine schöpferische Betätigung wird bei der Fülle äußerer und innerer Widerstände nicht erreicht, wohl aber ist der Anschluß an umgebende Stile kein blinder, und unbedingter, sondern es wird alles Persönlich abgewandelt und eigenartig getönt. Besonders fällt das bei manchen der zahlreichen Chanukäleuchter auf, die ich an anderer Stelle*) eingehender gewürdigt habe: Da ist einer, der die typischen Formen und Figuren der französischen Renaissance trägt, eine ausschweifende Linienführung, die aber durch gotische Zinnen gebändigt wird; und diese Einigung von Lust und religiöser Weihe ist wahrlich mit hohem Geschmack geglückt! Jener sichere Geschmack, der nicht abzuleugnen wäre, selbst wenn nicht die Patina der Jahrhunderte diese Arbeiten geadelt hätte, ist bei der umgebenden Bedrückung, der gesetzlichen Fesselung jedes phantastischen Schwungs, der mangelnden Lebenskultur im Familienkreise doppelt verwunderlich. , - . Abgesehen von - einem kostbaren, tragbaren, mit silbernen Blumen und edelsteinernen Kelchkerzen besetzten Tabernakel und verschiedenen turmartigen Thoragehäusen mit maurischen Zieraten, bieten die synagogalen Altertümer eigentlich wenig, was dem aufmerksamen Tempelbesucher neu wäre. Den Thoraschmuck in seiner vielfältigen Ausführung hier zu schildern, wäre ein fruchtloses Bemühen. Ein Thoravorhang aus dem achtzehnten Jahrhundert, das letzte Geschenk der Sammlung, muß aber besonders hervorgehoben werden: Aus lichtgraubraunem schwerem Tuch ist der reiche Schmuck, gepunzte Silberstücke, aufgenäht. Auf 'beiden Seiten sind stilisierte Bäume, die auf persischen Ursprung hindeuten. Sie werden als Ez chajim') gedacht sein, die typische Anrufung des mosaischen Gesetzes. Die Hauptfläche ist ausgesüllt von einem siebenarmigen Leuchter, der, aus Schriftlinien gebildet, den ganzen Text des 67. Psalms wiedergibt. Außerdem sind noch drei Psalmverse in diesen ganz wundervollen Vorhang eingestickt. Derselben Zeit entstammen noch zwei in gravierte Silberzhlinder eingeschlossene Megillahs kleinen Formats. Sehr interessant sind zwei andere Megillahs wegen ihrer Illustrationen, die eine scheinbar mit sehr feinen Federzeichnungen, die andere mit grellfarbigen naiven Darstellungen holländisch-flämischer Art geschmückt, beide voller Heller Freude an Hamanns Vernichtung. Die zur Zirkumzision gehörenden Gegenstände sind dem Laien ziemlich fremd. Die ganz abgeschliffenen Messer besitzen gut ornamentierte Glas-, Achat- und Silbergriffe; eine Kupferschale mit vorzüglicher getriebener Figuraldarstellung trägt den Spruch: „Und Abraham beschnitt feinen Sohn Isaak am achten Tage nach seiner Geburt, wie Gott es ihm befohlen hatte." Die Mappas, jene Tücher, die später zerschnitten, mit y „Frankfurter Zeitung". Februar 1913. 2) Baum des Lebens. den Daten des Kindes bestickt und zur Umwicklung der Thorarollen verwendet werden, sind in Leinwand und /Seide zahlreich vertreten. Von künstlerischer Bedeutung sind diese Stickereien, zu denen oft Darstellungen aus' dem Alten Testament hinzukommen, nicht, wohl aber find sie kulturhistorisch interessant, da sie nach der Revolution bei der Neuorganisierung Frankreichs als Geburtsregister dienten, als die jungen, wehrfähigen Juden zur Fahne berufen wurden. Von den oft köstlichen Silberstickereien der Gebetsmäntel ist merkwürdigerweise nichts 'vorhanden. Dem häuslichen Kultus sind aber neben den schon erwähnten Chanukaleuchtern, die in allen Stilarten von der reinsten Gotik bis zum verschnörkelten Barock vertreten find, besonders die Bsomimbüchsen geweiht. Sie sind fast in jeder jüdischen Familie als Erbstück vorhanden, meist' als Filigrantürmchen, eine Form, in der sie auch hier vielfältig und. oft mit kostbaren Steinen besetzt zu sehen sind. Doch werden sie oft wie schwere Bonbonnieren gebildet, wie sie in kleinerer Ausführung als Riechdöschen für den Gottesdienst gebraucht wurden. (Im Rabbi von Bacharach hilft die Schnapper-Elle der schönen Sarah mit solchem Riechdöschen, wie sie im Tempel ohnmächtig wird.) Es sind der Erscheinungen zu viele, als daß die Oekonomie dieser Spalten kunsthistorische Ausführungen gestattete, deren originales Ergebnis ja doch wesentlich, im Gefühlsmäßigen verbleiben müßte. Mit der Erwähnung der hebräischen Siegelringe und der Prächtigen großen Verlobüngsringe im Renaissancegefchmack, mit deren breiter Jrdischkeit der einmal eingravierte Spruch „Gottesfurcht vor allen Dingen" seltsam kontrastiert, sei daher.dies allgemeine Inventar beschlossen. Wir haben Grund, als historisch denkende Menschen aus diese Sammlung sehr stolz zu sein. Dies ist eine Kulturinsel in dem düsteren Meer von Schmerzen, das die Geschichte des mittelalterlichen Judentums darstellt. Synagoge und Familie sind in allem Jammer der Hort gewesen, das Ziel einer äußersten Liebe, die selbst dem vergeistigungssüchtigen, bildfeindlichen, in den Schmutz gestoßenen Judenvolke den Wunsch abnötigte, zu schmücken, zu verschönern, wie man einer Braut Blüten ins Haar, flicht. Es ist dabei ersichtlich, wie die Kunstprodukte der deutschen Gemeinden ernster, gepreßter, melancholischer sind als die der slamländischen, holländischen, romanischen. Es gab dort eine lange ununterbrochene Leidenskette. Aber sehen wir vom Stofflichen ab, es bleibt auch für den. Andersgläubigen etwas Positives, wenn auch nicht Schöpferisches. Das Temperament, der Geschmack des künstlerischen Individuums als Repräsentanten seiner Gemeinschaft steht fast hinter jeder Arbeit. Das gibt ihr den dauernden Wert, ihre Eigenart ohne neue Stilschöpfung. Ich wünschte, daß unsere jüngsten jüdischen Künstler, Maler und Dichter, sich aus den . Spielereien ihres überintellektuellen Könnertums hier im Anblick einer reinen und ideenstarken Tradition an ihren Wahrheitsboden erinnerten, an jenes „edle Wohlwollen", ohne das, nach Goethes Wort,- „der Künstler ffr-ech wird". Der Dntilemit. Roman von Ernst Theodor Infti. . - . XI. \ nsere Müllerburschen?" — „Gewiß! Säcke tragen und V'r übermäßige Arbeit unter starker Belastung macht Plattfüße; viele Müllerburschen sind plattfüßig; der Plattfuß'wird fast immer erst im Leben erworben, und ist kaum im zwanzigsten Teil aller Fälle angeboren."