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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-09-12 · Heft 37 (12.9.1913) · p. Seite 438

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 37 (12.9.1913)
Date
1913-09-12
Page
Seite 438 (sequence 6)
Language
German
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Durch die Erziehung sollten die Zöglinge nicht aus ihrem Lebenskreise hinausgesührt werden, sondern ihrem zukünftigen Lebenszuschnitte gemäß, aber in höchster Vollendung, heran- , gebildet werden. v - , Hieraus ergab sich ferner eine noch bedeutsamere Eigenart des Pankower Hauses: das'Zusammenleben der kleinen und kleinsten Schulkinder mit den erwachsenen Handwerkslehrlingen. Durch den gegenseitigen Verkehr sollten nicht nur die Großen den kindlichen Sinn, länger sich erhalten und vor manchem Schlimmen behütet werden, das draußen in der Werkstatt an sie herantreten könnte, sondern es sollte vor allem auch in den Kleinen die Liebe zum Handwerk erweckt werden, wenn sie teilnahmen an den Arbeiten der Großen, wenn ihr ' Vorstellungskreis immer mehr von Anschauungen über Handwerk und körperliche Betätigung erfüllt würde. Diese Gedanken Makowers haben sich trotz so manches Bedenklichen in der Praxis bewährt, und noch heute wird in der Regel, aber ohne Engherzigkeit — Makower selbst hatte Ausnahmen zugelassen — jeder Knabe, der auch nach der Schulentlassung im Hause bleibt, dem Handwerk zugeführt, das er sich frei wählen kann. Wieviel Schwierigkeiten aber, Arbeit und Verdruß, bei der praktischen Durchführung dieses Grundsatzes dem Leiter erstehen, kann nur der ermessen, der selbst vom „Bau" ist, oder der es eingehend zu beobachten Gelegenheit hat. Und diese Schwierigkeiten haben sich nicht verringert, sondern mit der wachsenden Größe des Hauses, mit der gewaltigen Ausdehnung Groß- Berlins, - mit der Umwandlung mancher Handwerksbetriebe, ganzer Erwerbsverhältnisse noch wesentlich vermehrt. Ein weiteres, das für das Leben des Hauses bedeutsam war, ja, ihm er st seinen e igenartigen, unvergänglichen Stempel aufd rückte, war etwas ganz Persönliches, die überragende Gestalt Makowers, der Zauber, der von. seiner sonst so herben Persönlichkeit ausströmte, und der alle, Lehrlinge und Schüler ebenso wie Leiter und Erzieher, in seinen. Bann zog. Die ruhige, überlegte und doch warme Art, mit der .er seine Ideen darlegte, die Tatkraft und Folgerichtigkeit, mit der er sie durchzuführen strebte, der selbstlose und feurige Eifer, mit dem er jede Handlung überwachte, sie bezwangen unwillkürlich auch den, der innerlich manchmal widerstrebte, weil seine Ansichten sich in anderer Richtung bewegten. Es kann dabei nicht verhehlt werden, daß Leiter wie Erzieher, Lehrlinge wie Schüler, diesen Einfluß oftmals als bedrückend empfanden. Denn das Recht persönlicher Neigungen und Wünsche war fast völlig ausgeschaltet; alles Sinnen, alle Kraft mußte im Dienste des Hauses stehen, in dem der Leiter keine andere Rücksicht beanspruchen durfte als der jüngste Zögling; Ausruhen, Erholung, Ferien für Lehrer wie für Schüler gab's unter Makower nur in seltenen Ausnahmefällen. Und doch versöhnte damit das stets gleichbleibende Interesse, mit dem er jeden Vorgang im Hause verfolgte, die unendliche Hingabe, mit der er sein Wohl und Wehe begleitete.- Jeder spürte, daß unter seinem kühlen, zurückhaltenden Aeußern die heilige Begeisterung für sein Werk loderte, und so kam es, daß schließlich unwillkürlich jeder mit der gleichen Hingabe an die Pflicht erfüllt wurde. Für den Direktor des Waisenhauses aber war es kein sorgen- . freies Amt, kein leichter Dienst unter einem Manne, der unermüdliches Wachsein forderte. Wie viel Mühen und Beschwer- -den, wie unendlich viele kleine Nadelstiche an Enttäuschungen und Bitterkeiten brachte der Alltag der Pflicht, in dem jene große Empfindung der Hingabe sich stündlich offenbaren muß und in den sie sich doch niemals auflösen darf! Für einen Leiter nach seinem Sinne hatte Makower einst Lewinski erachtet; aber in den langen Jahren, in denen er Grunwalds Schaffen verfolgte, erkannte er, daß das Haus mit Lewinskis Tod nicht verwaist, sondern auch in Grunwalds Händen Wohl verwahrt sei. Und mit Recht. Denn der Geist der lebendigen Hingabe wirkte weiter, auch nachdem Makower h i ng e g a n g e n wa r , und er wird in den 'Zöglingen täglich n e n zu erwecken g es u ch t. So ist die Hoffnung berechtigt, daß er auch zukünftig weiter fortgepflegt wird in dem neuen Hause, wenn es auch — im Gegensa tz zu den ü b r i g e n B er lin er j ü duschen Waisenhäusern — leider noch immer nicht mit d e m N a m e n d e s M a n - nes geschmückt ist, aus dessen Geist das Werk geboren ward. M ö g e d e m n e u e n, st a t tl i ch e n H a u s e der G e i st d e s alte n b e s ch e i d e n e n H ä u schens erhalten bleiben für b t e D äuer d er Zeiten! Möge Herrn Direktor Grün w a l d, der n u n mit Befriedigun g a u f 25 Jahre tat k r ä f t i g e n Wirkens im Dienste der Berliner jüdischen W a is e n er z ie h u ng zurückschauen kann, auch in de m neuen Ha u s e e i ne n o ch lang e, s e ge n s r ei ch e Tätigkeit zum Heile der ihm anDertrauten Jugend beschieden sein! . Was nun? Ein Epilog zum VI. Gemeindeverbandstage. Von Hermann Becker. err Professor Blafchke hat in Nr. 33 dieser Zeitung eine Erwiderung Veröffentlicht, zu der mir die Redaktion ein Schlußwort Verstattet. Herr Professor Blaschke verwahrt sich dagegen, daß er zu seiner Erwiderung „von irgendeiner Seite ermächtigt oder auf- Istdor Grünwald. Tir-ktor des II. Waisenhauses der jüdischen Gemeinde zu Berlin.

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