Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 37 (12.9.1913)
- Date
- 1913-09-12
- Page
- Seite 437 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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487 gewürdigt worden, nicht zum wenigsten auch bei seinem Tode im Jahre 1897. - Eine ungewöhnlich bedeutsame Tätigkeit entwickelte er in den Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde Berlins, als er in die Repräsentantenversammbung gewählt wurde. Fast ein Menschenalter gehörte er ihr an, und den größten Teil dieser Zeit als ihr Vorsitzender. Was er in jahrzehntelanger Wirksamkeit für die jüdische Gemeinde Berlins und für das Judentum geleistet hat, wird wohl erst in späterer Zeit objektive Würdigung finden. Noch schwankt sein Bild, „von der Parteien Gunst und Haß getragen", trotzdem ihn schon seit mehr als 16 Jahren der Hügel deckt. Und das ist erklärlich; denn wie wenige besaß er nicht nur eine festausgeprägte Gesinnung, sondern war er auch der Mann, der seine liberale Grundanschauung ohne Rücksicht aus Freund und Feind folgerichtig vertrat, und der deshalb sein Amt niederlegte, als er in einer grundsätzlich wichtigen Frage in der Minderheit geblieben war. lieber allen Parteistreit erhebt sich s eine s ozial.e F ü r s o r g e, und deshalb bleibt unvergessen seine Tätigkeit in Galizien, als im Jahre 1882 durch die großen russischen Verfolgungen Tausende von Juden aus ihrer Heimat vertrieben wurden. In den 39 russischen Knaben, die er aus Brody nach Berlin führte, und die er, ehe er das Pankower Heim erwarb, in der Fruchtstraße unterbrachte, wollte er den um ihre Existenz gebrachten Eltern eine Stütze für die Zukunft schassen. Zu Handwerkern wollte er sie erziehen, die auf Grund tüchtiger Schul- und Berufsbildung das Leben trotz widriger Umstünde meistern und zu werktätigen Gliedern des jüdischen Gemeinwesens heranreisen sollten. Wenn das Werk in der Hauptsache gelang, so war es in erster Reihe der eisernen Tatkraft zu danken, mit der er alle Schwierigkeiten überwand, dann aber auch den Mitarbeitern, die er für die Leitung seines Werkes fand. In L e w i n s k i hatte er zuerst den rechten Mann gefunden. Was dieser dem Hause und den Kindern war, hat Makower ihm am Grabe nachgerufen. Er hat nach ihm Goethes Forderung erfüllt: Edel sei der Mensch, hilfreich und gut! Nathan Lewinski, von Hause aus Volksschullehrer, war seit dem Jahre 1855 an der Knabenschule der jüdischen Gemeinde tätig. Im Jahre 1882 berief ihn Makower zum Leiter des neuen „Erziehungshauses Pankow". Sechs Jahre stand er an der Spitze des Hauses; dann trat er wieder,in seine Lehrerstelle an der Knabenschule der jüdischen Gemeinde zurück; kaum 2% Jahre später, bereits am 5. März 1891, starb er. Der Dritte aber, dessen Wirken am längsten mit dem Haufe verknüpft ist, Isidor ©ntn.wald, feiert in diesen Tagen gleichzeitig mit der Weihe des Häuses das F e st seiner 25jährigen Tätigkeit'als Direktor des Waisenhauses. Welche äußeren und inneren Wandlungen hat das Haus seit den Septembertagen des. Jahres 1888 unter seiner Leitung erlebt! 39 junge Flüchtlingskinder waren es gewesen, die Makower aus dem russischen Elendshausen des Jahres 1882 im Zufliuchtslande Galizien aufgelesen hatte. Eigenartig und wahrlich nicht leicht war die Aufgabe gewesen, die einst Lewinskr während der sechs Jahre seiner Leitung zu lösen hatte. Aber allmählich wurde aus dem „Erziehungshaus Pankow" für russische Flüchtlingskinder ein „Waisenhaus" der Berliner jüdischen Gemeinde. Was für jene Kinder notwendig war, das eignete sich durchaus noch nicht für unsere Berliner Jungen, dazu waren die bisherige Umwelt, der geistige und sittliche Zustand, die zukünftige Lebenslage der Kinder zu verschieden. Wie vieles mußte da allmählich sich wandeln! Sollten Makowers pädagogische Ideen für die Dauer in die Praxis umgesetzt werden, so bedurfte er jetzt eines Organisators, der mit dem Sinne des Verwaltungspraktikers die Güte des wahrhaft jüdischen Herzens verband. Den hatte er in G r u n w a l d gesunden. Und die 25 Pankower Jahre haben gezeigt, daß seine organisatorische Tätigkeit durch die Enge und Beschränktheit des Raumes nicht lahmgelegt, sondern nur noch in erhöhtem Maße angeregt wurde. Wie manche Idee Makowers zeigte in der Praxis ein verändertes Aussehen, ja, wie viele grundlegende Gedanken mußten, wenn sie dem Sinne nach verwirklicht werden sollten, allmählich eine völlige Umgestaltung, erfahren! Nicht wenige seiner erzieherischen Ansichten, wie über das Verhältnis von Waisenhaus und Elternhaus, der Waisenkinder zu ihren Müttern, über Tätigkeit und Erholung, über persönliches Leben des einzelnen und, Anstaltsleben, über religiöse Betätigung, haben, weil sie auf überwundenen psychologischen Voraussetzungen beruhten, vor der Entwicklung nicht standhalten können; die neuere Pä- . dagogik ist über sie hinweggeschritten, und manches wird vielleicht auch in Zukunft noch fallen, was bisher als unantastbar galt. Zwei Dinge aber, die von Makowerausg in g e n, s i n d im wesentlichen unverändert g e b lieben, Einwirkungen, die so bedeutsam sind, daß ohne sie das zweite Waisen- . haus nicht das wäre,, was es war und ist:. Das' Haus sollte eine Stätte sein, von der an feinem Teile .eine berufliche Reorganisation der Juden ausgehen sollte. Makower war der erste, der den Gedanke n a u s s p r a ch und verwirklichte, daß e iw e Gesundung der jüdischen Gemeinschaft aus dem B od en wer ktätig er Ar b ei t, insb es o nd er e de s' Handwerks, n u r d an n e r zi e l t . w er de n k ö n n e, w e n n der Prozeß bei den Kl e t n st e n b.e - gönnen werde. Da die psychologische Wahrheit, daß Kinder meist dem Berufe sich zuwenden, in dessen Gedankenkreis sie von klein auf leben, durch die Erfahrung bestätigt wurde, sollte die Erziehung der Kinder von dem einen Gedanken — Han dwe rk sb i l du n g—durchgesetzt sein. Daraus ergab sich der ganze Zuschnitt des. Hauses: Einfachheit in allem, in Einrichtung und Ausstattu ng des Hauses, in Kleidung und Lebensweise der Kinder. Iustizrat Hermann Makower s. A. MM MW' II - *^'-5 4