Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 37 (12.9.1913)
- Date
- 1913-09-12
- Page
- Seite 436 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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436' Gewalttaten ohne Widerstand über sich ergehen. Einer jedoch widersetzte sich dem Treiben und versuchte, der Menge zu trotzen. Natürlich hielt man ihn für den Schuldigen. Die Räuber riefen die öffentliche Sicherheitswache zu Hilfe. In ihrer Gegenwart mußte der Israelit sein Haus von dem rasenden Mob durchwühlen lassen. Das Mädchen wurde weder hier noch anderwärts gesunden. Angesichts dieses negativen Resultats verließ die Menge endlich das jüdische Mertel. Bald daraus traf man das Kind in Begleitung seiner Eltern in friedlichem Spaziergang an den Kais. Die israelitische Gemeinde erhob gegen das Vorkommnis beim König und bei dem General'gouverneur von Mazedonien, Herrn Dragoumis, Einspruch. Der Gouverneur drückte fein Bedauern über den Zwischenfall aus und ließ den Unteroffizier, der mit seiner Soldatenabteiluug den Banditen bewaffneten Beistand geliehen hatte, vor Gericht stellen, das ihn zu einem Monat Gefängnis verurteilte. Außerdem wurde die Bestimmung erlassen, daß in Zukunft ohne Erlaubnis der Behörde Haussuchungen nicht vorgenommen werden dürfen. Diese Verfügung soll an alle Gerichte des hellenischen Königreichs ergangen fein. König Konstantin, dem erst kürzlich von seiten der Israeliten von Saloniki ein warmer Empfang bereitet worden war, und der sich über sie in lobender und wohlwollender Weise ausgesprochen, hat an den Vorstand der jüdischen Gemeinde von Saloniki ein Schreiben gerichtet, in dem er sein lebhaftes Bedauern über das beklagenswerte Ereignis zum Ausdruck bringt. Er gibt der Gemeinde die Zusicherung, daß er in dem Wunsche, sich über die Angelegenheit zuverlässig zu unterrichten, eine Person seiner Umgebung nach Saloniki zum Zwecke der Untersuchung entsenden würde. * Unter der Ueberschrift „Das Sprachgewirr in Palästina" wird der „Kölnischen Zeitung" aus Jaffa geschrieben: Die Hauptmasse der etwa 650 000 Einwohner Palästinas stellt das syrisch-arabische Element, das unverfälscht allerdings nur noch auf dem Lande angetroffen wird. In den Städten, in denen naturgemäß das handeltreibende Element vorherrscht, stoßen wir auf ein Sprachgewirr, das aus fast allen lebenden Idiomen zusammengesetzt ist. Obgleich es nun in den Städten nur etwa 30 Prozent Menschen gibt, die gar kein Arabisch verstehen, so lassen sich doch Sprachidiome abschälen, die infolge ihrer größeren Anwendung hervorstechen. So rechnet man die Zahl der französisch Sprechenden auf etwa. 40 000.. Ungefähr ebenso viele Vertreter, die allerdings ausschließlich aus dem jüdischen Element sich ergänzen, hat die wiederaufgelebte hebräische Sprache. Durch das zielbewußte Vorgehen der zionistischen Führer hat sie ganz erstaunliche Fortschritte sowohl im öffentlichen jüdischen Verkehr, besonders aber als Nachzüchtung in der großen Anzahl ihrer. Schulen Eingang gefunden. In diesen ist die hebräische Sprache im Unterricht verpflichtend eingeführt worden. Der deutsche Sprachgebrauch steht an vierter Stelle. Rein Deutsch sprechen etwa 8000; zum großen Teil sind es deutsche Kolonisten. Rechnen wir aber den jüdisch-deutschen „Jargon" als Abart der deutschen Sprache, so steigt die Zahl fast auf 80 000 an. Die Hauptvertreter dieses „Jargons" sind die aus Osteuropa zugewanderten- Juden, die in Zukunft auch den Hauptstcmun der Zuwanderer ausmachen dürften. Der fprachenunkundige Deutsche kommt in den Städten und in den jüdischen Kolonien ganz gut allein mit dem Deutschen aus. Wer im Flügge Vas Land durchreist, ist auch erstaunt, sobald er auf die Unmasse der Aushängeschilder in den Straßen blickt, wie häufig er auf deutsche Geschästsanzeigen stößt. Das bedeutet allein schon ein gutes Zeichen für den Einfluß des deutschen Sprachgebrauchs. Ein wesentlicher, wenn auch nur mittelbarer Förderer des deutschen Sprachgebrauchs — ich sehe hier ganz von den deutschnationalen Schulen ab — ist der .Hilfsverein der deutschen Inden". Allerdings muß dabei in Betracht gezogen werden, daß dieser Verein, der. eine große Anzahl von Schulen zum Teil selbst unterhält, zum Teil unterstützt, das Prinzip hat, seine Schulen nach den Bedürfnissen des, Landes Zuzuschneiden. Immerhin aber legt er Wert darauf, daß in den oberen Klassen meist die deutsche Sprache gefördert werde. Auf einen Umstand möchte ich noch aufmerksam machen, der vielleicht für den deutschen Sprachgebrauch im hiesigen Lande künftig von Bedeutung werden könnte. Noch ist zwar heute die hebräische Sprache Trumpf. Ueber kurz oder lang wird aber das aufstrebende Judentum, das heute erst 100 000 Vertreter in Palästina zählt, neben der hebräischen Muttersprache auch eine amtliche europäische Nebensprache einführen müssen trotz aller Leugnungsversuche. Schon heute macht es sich unangenehm fühlbar, daß im hebräischen Sprachschatz der Uebergang zu den modernen technischen Fachausdrücken gänzlich fehlt und sich trotz aller „Worterfindungen" füglich nicht ersetzen läßt. Die täglich neu auftauchenden Ueberraschungen auf dem Gebiet der Technik können naturgemäß in eine alte Sprache nicht übertragen werden. Einen Prüfstein für das Wollen und Können in dieser Hinsicht wird das jüdische Technikum in Haifa darstellen, wenn der vorgesehene Lehrplan in die Wirklichkeit umgesetzt wird. Dieses Technikum wird vom „Hilssverein der deutschen Juden" errichtet. Zur Weihe des n. Wsilmhaukes der jüdikchen Gemeinde m Berlin. Von H ermann Falke nberg. n diesen Tagen wird zu Pankow der stattliche Ban ge- \ weiht, der den Zöglingen des zweiten Waisenhauses der jüdischen Gemeinde zu Berlin ein neues Heim bieten soll. Eine würdige Stätte endlich für die heilige Aufgabe, den Aermsten der Armen, den Waisen unserer Gemeinde, die Stelle des Vaterhauses zu ersetzen, sie zu sittlichen Menschen, zu nützlichen Gliedern der Gesellschaft, zu treuen Anhängern unserer Religion heranzubilden. Und doch ist ein stilles „Leider" schwer zu unterdrücken. Ja, für den, dessen Denken und Fühlen mit den ursprünglichen, so einfachen Räumen des ehemaligen „Erziehungshauses Pankow" verknüpft ist, mischt sich ein leises Bedauern hinein, daß unwiederbringlich dieses alte Häuschen vom Erdboden verschwunden ist. Eng zwar und klein und niedrig waren sie, die „Säle". Wie mußte jedes Plätzchen ausgenutzt werden, in Arbeits-, Schul- und Speiseräumen wie in der Direktorwohnung, in Küche und Keller, in Boden- und Stallräumen ebenso wie in Hof und Garten. Wie manchmal wurde durch den drückenden Platzmangel die Ausführung der schönsten Absichten gehemmt; denn wie „hart im Raume stoßen sich die Sachen", das wurde hier in wörtlichem Sinne oftmals erfahren. Und doch, wie viel konnten die alten Räume erzählen! Hier wurde zum e r st e n m a l die jüdische I u ge n d du r ch eine auf Werktätigkeit a n fgebaute Erzieh u n g in systematischer Weise für das Handwerk erzogen. Hier erinnerte alles an die Männer, deren Wirken dem Hause sich unvergänglich ausgeprägt hat. Wie viele von ihnen sind bereits dahingegangen! Bon dem ursprünglichen fünfgliedrigen Kuratorium weilt mit Ausnahme eines früh Ausgeschiedenen keiner mehr unter den Lebenden. Nur einer aus jener ersten Zeit, der zwar nicht gleich am Beginn, wohl aber nur wenig später (1885) ins Kuratorium eintrat, wirkt noch in unveränderter treuer Hingebung für das Haus: das jetzige Mitglied des Gemeindevorstandes, Herr Justizrat Breslauer. Heute aber treten neben dem gegenwärtigen Leiter insbesondere zwei Männer -vor die Seele, zwei Männer, die bereits vor Jahren dahingegangen sind: H ermann M a k o w e r, der Begründer des Hauses und seine Seele, und Nathan L e w i n s k i, der pestalozzische Idealist, der berufen ward, Makowers Ideen zuerst zu verkörpern. Makower, der in einem Posenschen Städtchen geboren ist, kam früh nach Berlin und besuchte das Französische Gymnasium, das er als primus omnium verließ. Die Vollendung seiner Studien wurde ihm nicht leicht; denn um den Lebensunterhalt zu erwerben, war er gezwungen, viele Stunden des Tages Privatunterricht zu erteilen. Nachdem er 1856 zum Gerichtsassessor ernannt worden war, arbeitete er längere Zeit am Berliner Stadtgericht. Nicht lange danach ließ er sich als Rechtsanwalt in Berlin nieder. Wie hoch er von seinen Standesgenosfen geehrt wurde, beweist seine Berufung in den Vorstand der Anwaltskammer. Seine Bedeutung für die Rechtswissenschaft und den Rechtsanwaltstand ist von Berufenen seinerzeit