Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 37 (12.9.1913)
- Date
- 1913-09-12
- Page
- Seite 435 (sequence 3)
- Language
- German
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435, und das Wesen des Zionismus. Es ist im Grunde genommen das Aufflackern des alten Chartergeistes, den der Zionismus stückweise von Kongreß zu Kongreß zu Grabe getragen hat, der sich im Vorstoß der Nordau und Genossen bekundet. Der Satz, der das Schiboleth der grünen Hoffnungsjahre des Zionismus bildete: „Ohne Charter wird im heiligen Lande von offiziell zionistischer Seite nichts unternommen", ist . längst aus dem zionistischen Bekenntnis gestrichen, aber man hatte sich doch noch immer den Anschein gegeben, daß die Politische Arbeit, wenn nicht den Vortritt, so doch wenigstens den Gleichtritt mit der Praktischen Arbeit haben müsse. Nun aber haben die „Praktiker" über die „Politiker" obgesiegt. Es ist dabei selbstverständlich, daß auch die Praktiker den Ge- , danken von sich weisen, als seien sie nicht dennoch politische Zionisten. Sie stellen es so dar, als ob erst die wirtschaftlichen Grundlagen geschaffen werden müßten, ehe an das Po- . litische Ziel gedacht werden könne. Nordau, Marmorek und Wolffsohn aber befürchten von der überstarken Betonung ünd Betätigung in der praktischen Arbeit eine Verflachung oder gar Verflüchtigung des Politischen Elements im Zionismus, das allein ihn „emporhebe" über die Humanitären und Wohltätigkeitsinstitutionen, die die Judenheit sonst ja schon in erfreulicher Anzahl geschaffen hat, und deren Arbeit selbst An Palästina sich doch eigentlich recht gut neben der zionistischen sehen lassen kann. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Praktiker auch auf dem gegenwärtig tagenden Zionistenkongreß die Oberhand behalten werden. Das liegt eben in der Entwicklung, die der Zionismus von Kongreß zu Kongreß genommen hat, und gegen diese Entwicklung, die aus innerer Naturnotwendigkeit erfolgen mußte, würden sich auch noch stärkere Kräfte vergeblich stemmen, als die Nordau, Marmorek und Wolffsohn. Der Weg führt immer aus Utopien, sobald eine Bewegung größer werden will. Der Zionismus macht darin keine Ausnahme. Man will was geleistet sehen; sorgsam umschleierte, geheimnisvolle diplomatische Aktionen und-Erfolge, die man verspricht, können auf die Dauer keine Anhängerschaft bei der Fahne halten, anders aber die greifbare praktische Leistung. Nach dieser letzteren Richtung geht denn auch der Kurs, den der jetzige Wiener Kongreß dem Zionismus vorzeichnet. Er begibt sich damit zwar immer mehr auf den Weg wirtschaftlich- und sozialhumanitärer Palästinaarbeit und nähert sich immer mehr den alten Chowewe Zion. Vom allgemeinen jüdischen Standpunkt ist diese Entwicklung eher zu loben als zu tadeln. Von den Beratungsgegenständen, die in Wien neben reichlichen geselligen Genüssen zur Erörterung gelangten,, verdient noch erwähnt zu werden die Frage der Begründung einer jüdischen Universität in Jerusalem. Man hat die Frage erörtert und wird einstweilen die Universität noch nicht gründen, denn dazu gehören auch recht ansehnliche Mittel, über die der Zionismus für diesen Zweck noch nicht verfügt, obwohl fein Vermögen bereits 10 Millionen beträgt. # Man schreibt uns: In diesen Togen finden die großen Manöver statt, nach deren Abschluß wiederum eine Reihe von Mannschaften entlassen wird, darunter auch in diesem Jahre wieder zahlreiche Einjährig- F r ei w i l li g e j ü d i s ch e n Bekenntnisses. Die vom Reichstage bewilligte Heeresvermehrung wird zu verstärkten Rekrutierungen führen und einen erheblichen Mehrbedarf an Offizieren, sowohl aktiven wie Reserveoffizieren erfordern. Man darf daher wohl die Frage aufwerfen, ob jetzt nicht endlich der Zeitpunkt gekommen wäre, daß auch die Heresverwältung dem seit 30 Jahren geübten Ausnahmezustand gegenüber jüdischer: Offiziersaspiranten ein Ende macht. Die Majorität des Reichstages hat bekanntlich mit der Bewilligung der verlangten Heeresvermehrung den: Kriegsministermm einen ganzen Pack von Wünschen mitgegeben, darunter auch solche, die in recht eindringlichen Morsen .gegen die Ausschließung von Juden aus dem Reserveoffizierkorps sich wenden. Wenn sich schon bisher ein Mangel an geeigneten Kräften für Offiziere und Sanitätsoffiziersstellen nach den eigenen Bekundungen, der Militärbehörde fühlbar mache, so wird die Schwierigkeit, ..geeigneten. Offizierersatz zu erhalten, durch die. Schaffung so vieler neuer Stellen nur. noch gewachsen sein. Nicht nur . aus Gründen unseres Verfassungsrechtes also, sondern auch aus praktischen Erwägungen, die aus den . tatsächlichen Verhältnissen resultieren, sollte die Militärverwaltung endlich dazu übergehen, auch Juden, die sich zu Offizieren eignen, heranzuziehen. Zumindest aber können wir wohl verlangen, daß schon aus. der Zahl der Einjährigen, die jetzt zum Herbst.!h die Reserve übertreten, diejenigen, die sich irgendwie, dazu qualifizieren, zu Reserveoffizieren in Aussicht genommen oder ernannt werden. Wenn je, so wäre jetzt der geeignete Zeitpunkt für die. Militärverwaltung gegeben, ein seit 30 Jahren an uns deutschen Juden geübtes Unrecht wieder gut zu machen und dein Geiste der Verfassung ehrlich Rechnung zu tragen. Inzwischen ist auch ein Wechsel im Kriegsministerium eingetreten. Herr v. Falkenhayn, der neue Kriegsminister, ist noch durch keinerlei Erklärungen gebunden. Er wird sich sicherlich nicht das Wort des ausgeschiedenen Kriegsministers v. Heeringen zu eigen machen wollen, daß den jüdischen Einjährig-Freiwilligen vielfach die „achtunggebietende" Persönlichkeit mangele, oder daß sie mit einer „Eiertante" belastet seien. Wir verlangen selbstverständlich nicht, daß etwa auch ungeeignete Elemente unter den jüdischen Einjährigen zu Offizieren ernannt werden, wohl aber erwarten wir von dem neuen Herrn Kriegsminister, daß er mit aller Entschiedenheit darauf achten werde, daß der bekannte kaiserliche Erlaß, demzufolge bei der Wahl zum Reserveoffizier in keinem Falle konfessionelle Momente eine Rolle spielen dürfen, auch seinem Geiste nach voll zur Durchführung gelangt. Wir erwarten und hoffen, daß, nachdem die preußischen.Kriegsminister der letzten drei Jahrzehnte unter den vielen Tausenden unserer Glaubensgenossen, die als Einjährige ihrer Militärpflicht in diesen vielen Jahren genügt haben, auch nicht einen gefunden haberr, der sich zum Reserveoffizier qualifizierte, nun endlich der Aera des neuen Herrn Kriegsministers das Wunder gelingen werde, einige jüdische Offiziersaspiranten herauszufinden, die — nicht nach Bayern zu gehen brauchen, um deutsche Reserveoffiziere zu werden, sondern auch in Preußen hierfür qualifiziert erachtet werden. * Was die Antisemiten doch für Sorgen haben! Es geht das in amüsanter Weise aus dem „Briefkasten" der „Deutsch- Sozialen Blätter" hervor, der angefüllt ist mit der Beantwortung von Fragen, ob der oder jener Mensch jüdisches Blut in den Adern hat oder nicht und mit ähnlichen welterschütternden Fragen. In einer der letzten Nummern wird einem Anfrager folgende Antwort erteilt: „Unseres Erachtens wird es zweckmäßig sein, wenn Sie eine Eingabe an den Bürgerausschuß machen, um die Aufführung von Lessings „Nathan der Weise" möglichst-zu verhindern Auch Aufklärung durch Eingesandts in den dortigen Zeitungen und Schreiben an die Thea- Jergesellschaft dürften Zweckmäßig sein. Die Theatergesellschaft wird sicherlich nicht nur mit jüdischen Besuchern ans Stadt und Land, fondern auch mit. christlich-deutschen Besuchern rechnen müssen, wenn sie Einnahmen erzielen will. Gerade in Ostfriesland sitzen doch viele Judengegner. Hoffentlich haben Ihre Bemühungen Erfolg." Das Sinnen und Trachten der antisemitischen Redaktion ist also darauf gerichtet, eine Aufführung des Lessingschen Werkes zu verhindern, um das andere Nationen die deutsche beneiden. Das ist die Kulturhöhe und die nationale Gesinnung dieser Herren! * Aus Saloniki wird uns geschrieben: Ein peinlicher Zwischenfall hat die seit der griechischen Besetzung oftmals schwer geprüfte israelitische Gemeinde von Saloniki' aufs äußerste beunruhigt. In der Nacht vom 18. zum 19. August überfiel eine wütende Bande, eines der großen jüdischen Stadtviertel, deren Bewohner, wie behauptet wurde, ein junges griechisches Mädchen versteckt hielten, das aus dem Hause seiner Eltern verschwunden sei. ' Mit der ganzen Wut einer aufgereizten Masse schlugen sie Türen und Schaufenster der Läden ein, hielten Haussuchungen, um das angebliche Opfer der Juden auszusinden. Die bestürzten Israeliten ließen diese