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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-09-12 · Heft 37 (12.9.1913) · p. Seite 434

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 37 (12.9.1913)
Date
1913-09-12
Page
Seite 434 (sequence 2)
Language
German
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. sich aber trotz allen Drängens ihrer Pogromfreunde hüten, Gewalttätigkeiten zu veranlassen, oder auch nur zu dulden, nicht etwa, weil sie die Juden schonen will, sondern einzi-g aus dem Grunde, weil sie die öffentliche Meinung der ganzen Kulturwelt nicht völlig außer acht l-assen darf, diese Meinung, über die sie sich zwar so. oft und in vielen Dingen hinwegsetzt, die aber doch stark genug ist, sie von allzu rohen Maßregeln abzuhalten, wie sie dadurch beweist, daß sie seit Jahren Pogrome nicht mehr zuläßt. Davon vollends kanv gar keine Rede sein, daß etwa , ein r u s s i s ch e s Urteil, welches das Ritualmordmärchen als Wirklichkeit hinstellt, irgendeinen nennenswerten Einfluß aus die Kulturvölker^ der Erde und damit auf die Geschicke der Gesamtheit der Juden haben würde. Das alles heißt nun natürlich nicht, daß wir etwa solche Schandprozesse als gleichgültig für uns erachten und deshalb untätig zusehen sollten, wie wieder einmal ein Märtyrer aus unserer Mitte das Opfer russischer „Rechtspflege wird-, es soll nur unsere Besorgnis auf das richtige Maß zurückgesührt und vor allem verhindert werden, daß etwa jüdischer Uebereiser Schritte unternimmt, die, statt zu nützen, gerade schädlich wirken. ' Zunächst ruhig Blut! Es ist nicht überflüssig, hier daran zu erinnern, daß vielleicht nichts so sehr zu dem unglücklichen Ausgang des Polnaer Prozesses beigetragen hat, als solch Uebereifer einiger Freunde der jüdischen Sache, von denen einer leider soweit ging, daß er beinahe wegen eines Bestechungsversuches gegenüber dem untersuchenden Gendarm. bestraft worden wäre. — Was Herr Dr. Ziegler am Schlüsse seines Notschreies anregt, das ist so ziemlich das Ungeeignetste, das wir tun könnten. Er fordert, daß am Tage der Eröffnung -des Beilisprozesfes in allen Städten und Gemeinden der Welt von den angesehensten Juden und Christen Protestversammlungen abgehalten werden sollen, die Verwahrung einlegen gegen den Schimpf, der mit diesem Prozesse dem Judentum, der Wahrheit und Gerechtigkeit angetan wird. Wie eine derartige gewaltige, allgemeine Bewegung überhaupt zustande gebracht werden kann, ist mir nicht klar. Gesetzt aber, sie wäre wirklich in so imposanter Form zu ermöglichen, so wäre das im günstigsten.Falle ein Feuerwerk, das völlig ergebnislos verpuffte. Denn die russische Negierung hat ja bereits gezeigt, daß sie sich durch den einmütigen Protest Her a n g e s e h e n st e n und b e r ü h m t e st e n christlichen Männer aus allen Ständen und allen Kulturvölkern nicht äbhalten ließ, die Erhebung der Anklage wegen Ritualmordes zu erzwingen. Daß aber etwa die-Geschworenen in Kiew, meist einfache Männer aus dem Volke, sich dadurch irgendwie günstig beeinflussen ließen, ist doch auch nicht anzunehmen. ' Sie würden wahrscheinlich nicht zuviel davon erfahren — dafür sorgte schon die russische Preßzensur. Und das wäre noch das beste, sonst könnte man uns mit Recht vorwerfen, daß wir in unzulässiger und gesetzwidriger Weise auf die Volksrichter einzuwirken versucht hätten, denn ob die Anklage gerecht oder ungerecht ist, das Gericht darf jedenfalls nur aus dem Ergebnis der vor ihm sich abspielenden Verhandlung feine Ueberzeugung schöpfen, Und nun bedenke man, in welcher Weise ein solches unberechtigtes Vorgehen der Juden des Auslandes von den russischen Hetzern gegen den Angeklagten ausgenutzt werden würde! Gelänge es diesen — was nicht zu schwer wäre — den Geschworenen die Meinung beizubringen, daß „Judenmacht" und „Judengeld" darauf ausgehen, die russische Rechtspflege zu „vergewaltigen", russische Volksrichter „einzuschüchtern" usw. — dann wäre der Angeklagte verloren, selbst wenn er ein Engel wäre, gegen den nicht das geringste vorläge, gegen den kein falscher Zeuge aufzutreten wagte, denn es gibt nichts, was bei Schwurgerichten gefährlicher ist,-als das persönlich ungünstige Empfinden der Laienrichter — das mög'e Herr Dr. Ziegler meiner forensischen Erfahrung glauben! — Was können, was sollen wir also tun? Die Antwort muß lauten: „Vorläufig nichts!" Was geschehen konnte, ist offenbar geschehen. Dem Angeklagten stehen die besten Verteidiger zur Seite; was an wissenschaftlichem und tatsächlichem Material zu feinen Gunsten zu beschaffen war, ist besorgt worden, soweit der Widerstand des Gerichts das irgend zuließ. Daß die Verteidigung nichts versäumen wird, was einen günstigen Ausgang des Prozesses herbeiführen kann, dürfen wir bestimmt erwarten. Bis zum Urteil können wir also nichts weiter tun,, als ruhig abwarten; alles andere wäre zwecklos und gefährlich. Und wenn das Urteil, wie ich fast fürchte, unter dem Drucke einer allmächtigen, ungerechten Regierung von den betörten Und haßverwirrten Volksrichtern gegen jeden Sinn und Verstand auf „schuldig" lautet — was dann? Dann, aber erst dann ist es Zeit, alles aufzubieten, was innerhalb der gesetzlichen Schranken zu tun möglich ist, um einen neuen Prozeß durchzusetzen, um durch direkte Gesuche an die maßgebenden Regierungskreise von dem unglücklichen Opfer Wenigstens das ärgste abzuhalten — was ich übrigens auch ohnedies kaum befürchte. — In dem Polnaer Falle haben solche Bemühungen nie aufgehört; sie haben freilich bisher keinen Erfolg gehabt, trotzdem die angesehensten Juristen sich dafür eingesetzt haben, und ob die jetzt wieder auftäuchende Nachricht einer bevorstehenden Revision auf Wahrheit heruht, bezweifele ich sehr stark. Würde in Rußland das gelingen, was in 'Oesterreich trotz „des blanken Schildes der österreichischen Rechtspflege" nicht zu erreichen war? — Die Woche. Berlin, 9. September 1913. n Gegensätzen innerhalb des Zionismus hat es eigentlich nie gefehlt. Man wußte, daß solche bestanden, aber dennoch gab es am Schlüsse eines jeden der bisherigen zehn Zionistenkongresse ' einen äußerlich harmonischen Ausklang. Der seit dem 2. d. M. bis heute in Wien tagende elfte Zionistenkongreß aber hat ein derartig heftiges Präludium von Zusammenstößen der Gegensätze gebracht, daß es nur der geschicktesten Diplomatie gelingen könnte, den offenkundigen Riß noch ein wenig zusammenzuleimen. Schon-rein äußerlich betrachtet, mußte der Nimbus der zionistischen Heerschau diesmal darunter leiden, daß die getreuesten Hüter des Herzlschen Erbes und die überragenden Geister klangvoller Namen, die den Zionistenkongressen die Signatur zu gebenpflegten, zum Teil der Tagung völlig serngeblieben, wie Max Nord au und Murmor ek, oder wie Wolsffohn, der frühere Präsident,. in die denkbar schärfste Opposition zur gegenwärtigen Leitung übergetreten sind. Die überaus scharfe Rede des Letztgenannten, der gegen die Leitung die heftigsten Angriffe richtete, hat, was bei dem Temperament unserer Glaubensgenossen, ungezügelter noch bei den Zionisten, nicht weiter wundernimmt, zu rechk turbulenten Szenen geführt, die zu vorzeitigem Schluß der betreffenden Sitzung führten. Gegenüber dem prinzipiellen Gegensatz, der schicksalsbedeutend für den Zionismus werden kann, verschwinden an Bedeutung die auf dem Kongreß erörtertem Organisations¬ und Arbeitsfragen. Die letzteren mögen für die Zionisten und.den engeren Kreis der Parteizugehörigen noch so bedeutungsvoll erscheinen, die von Nordau, Marmorek und Wolfs-, sohn in die Debatte getragenen Gedanken aber, ob politische oder praktische Arbeit die Harrptsache fei, berühren die Wurzel

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