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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-09-05 · Heft 36 (5.9.1913) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 36 (5.9.1913)
Date
1913-09-05
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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3 Distriktsrabbiner Dr. S. Bamberg er widmete der protzen Wohltäterin einen warm empfundenen Nachruf. Arrch der Vertreter der Stadtgemeinde brachte den Dank für die hochherzige Stiftung und den bekundeten Edelsinn zum Ausdruck. exs> Magdeburg, 29. August. Im frühereu Parteiorgan der Magdeburger Antisemiteu, der „Sachseuschau", die jetzt nur rein mittelstnndlerifche Politik vertritt, sagt der Herausgeber Karl Faßhauer seinen ehemaligen Parteigenossen einige Wahrheiten. Er bekämpft das antisemitische Schlagwort, daß die Juden an allen wirtschaftlichen Nöten des Mittelstandes die Hauptschuld tragen, und erzählt daun n. a.: „Kürzlich traf ich einen Handwerksmeister, der der antisemitischen Fahne treugeblieben ist und cs mir nicht vergessen kann, daß ich ihr untreu geworden bin. Ich fragte ihn dann nach dem Stande seines Geschäfts. Er erzählte mir, er habe in den letzten Jahren große Verluste gehabt, er sei viel betrogen worden. „Sind viel Juden dabei?" fragte ich. Er sah mich überrascht an und entgegnete daun zögernd: „Nein, Inden sind nicht dabei." Ich lachte. „Sehen Sie, das sind also lauter Christen", warf ich ein. Er zuckte mit den Achseln. „Sehen Sie," fuhr ich fort, „weil ich diese Wirtschaft im Laufe der Jahre mehr und mehr kennen gelernt habe, bin ich nicht mehr Antisemit. Ich habe gesehen, daß es unter den Christen ebensoviel Leute gibt, die nichts taugen, wie unter den Juden. Ich habe aber weiter gesehen, daß die meisten dieser Leute von Hause aus nicht so schlecht sind,- daß viele durch unsere herrliche Gesetzgebung gerade zu allen möglichen Dununheiten verführt werden, daß nur eine allgemeine Reform unserer mehr als großartigen Gesetzgebung die Wurzeln des Nebels ausrotten kann. Bei dieser.Reform können sich die anständigen Christen und Juden die Hände reichen." Ich mußte, als wir uns getrennt hatten, an einen hervorragenden Antisemiten denken, der sich oft darüber ausregt, daß Juden mit christlichen Mädchen intime Beziehungen unterhalten. Dieser selbige Mann wechselt seine Verhältnisse wie die Taschentücher und hat darüber nicht die geringsten Skrupel. Er selbst hält sich für berechtigt, die Töchter seines Volkesin der Weise an der Nase herumzufü.hren. Dem Juden null er cs verbieten. Manche Antisemiten sehen wirklich den Wald vor Bäumen nicht. Man.-mag noch so viel aus die Ungereimtheit dieser Anschauungen verweisen." Auf die ihm infolge dieser Aufrichtigkeit zugogangene Erwiderung antwortet Faß- Hauer u. a. mit folgenden Ausführungen: „. . . Wie viele Unsummen sind nicht schon bei antisemitischen Zeitungsgründungeu verloren gegangen, wie viele gutgläubige Leute um ihr ganzes Vermögen geradezu in raffinierter Weise betrogen worden? Wenn ich auspacken wollte, könnte ich dem Einsender richtige Mordsgeschichten erzählen. Ich darf für mich in Anspruch nehmen, daß ich mich recht und schlecht durchgeschlagen und keinen Menschen um einen Pfennig betrogen habe. Wohl aber bin ich selbst von Antisemiten betrogen worden . . . Nun noch die Warenhausbetriebe. Die Antisemiten sehen nur Wertheim, Tictz und Barasch usw. Sie verschließen aber die Augen vor den Warenhäusern von Krupp und anderer großer Werke, vor den großen Verkaufsstellen des Bundes der Landwirte und des Offizier- und Beamtenvereins. Diese waren eher da als jene und haben ebenfalls flott an der Vernichtung von Mittelstandsexistenzen gearbeitet wie jene!" 2XD Hannover, 29. August. Unter der Ueberschrift „Die Hannoversche Stadtverwaltung gegen Sozialdemokratie und Juden" bringt der hiesige „Volkswille" folgende Auslassung: „Die Hannoversche Stadtverwaltung glaubt es verantworten zu können, aus den Mitteln der gesamten Steuerzahlerschaft den hiesigen — Antisemiten eine laufende Vargeldbeihilfe zu gewähren. Nach dem jetzt gedruckt vorliegenden Haushaltspläne haben die städtischen Kollegien beschlossen, nicht nur den „Fahrenden Gesellen", sondern auch der sogenannten „Lehrlingsabteilung Hannover des Deutschnatioualen Hauolungsgehilsenverbandes", also den beiden unschönsten Blüten des Antisemitismus, laufend Geldmittel zu überweisen. Mau sollte es kaum für möglich halten. Aber cs steht schwarz auf weiß als Beihilfen 130 lind 131 im Anhang 3 zum Haushaltsplan XXIII für das Rechnungsjahr 1913/1914. Daß die städtischen Kollegien von dem antisemitischen Charakter der beiden Organisationen nichts ivissen, ist doch ivohl nicht anzunehmen. Wenn schon die Herren Senatoren und Bürgervorsteher vor der Bewilligung sich ans den Verbandsblättern der beiden Organisationen nicht die nötige Kenntnis von deren grober antisemitischer und antisozialer Tendenz verschafft haben, so hätten sie doch wenigstens aus den Statuten der beiden Verbände ersehen können, daß Juden und Sozialdemokraten nicht ausgenommen werden dürfen und somit eine Geldbeihilfe aus allgemeiueu Mitteln ungerecht ist und den schärfsten Protest verdient. Aber die Statuten müssen vor Bewilligung cingereicht werden und — trotzdem ist die Bewilligung erfolgt. Wir müssen daher annehmen, daß die antisemitische Unterströmung, die im letzten Jahre bei den hiesiger! Nationalliberalen immer deutlicher geworden ist, auch aus die nationalliberale Stadtvcrrvaltung übergegrisfen hat. Hatte rnan denn in der Stadtverwaltung gar keinen Gedanken an Toleranz und Rücksichtnahme gegenüber den religiösen und sozialen Eiupfiudungen unserer jüdischen Mitbürger, die man so zu brüskieren wagte? Und wollen denn die Inden Hannovers sich das gefallen lassen? Ist es derrn nicht kaum ein Jahr her, daß „Fahrende Gesellen" harmlose jüdische Ausflügler vor den Toren Hannovers anrempelten und verhöhnten? Hier ist der schärfste Protest am Platze. Die Subventionierung der Antisemiten durch die Stadtverwaltung verstößt ganz unzweifelhaft gegen die preußischen Staatsgesetze, die Glaubens- und Religionsfreiheit gewähren." Frankfurt tu M., 29. August. Der hiesige alte jüdische Friedhof, der urkundlich seit dem Jahre 1250 als Begräbnisstätte diente und ununterbrochen bis 1825 in Benutzung war, ist eines der ältesten Frankfurter Kultur- und Kunstdenk,mälcr. Achttausend Grabsteine aus sechs Jahrhunderten liegen zutage, taufende, sind im Erdreich begraben. Sie zeigen in fortlaufender Reihe alle Stilarten von der ältesten romanischen bis zur Biedermeierzeit. Diese Grabsteine haben eine große Bedeutung für die Geschichte des Judentums in Frankfurt und haben deshalb bereits durch Rabbiner Dr. Horvwitz eine Beschreibung gesunden, doch sind hier die Inschriften nur in hebräischer Sprache wiedergegeben. Nun wird aber, wie Professor Hülsen bei einer Führung des Kun stgewerb ev er eins „Schnörkel" durch den alten jüdischen Friedhof mitteilte, in einigen Monaten der erste Band einer neuen Publikation über den Friedhof erscheinen, die auch die deutsche Nebersetzuug der Grabinschriften enthalten rvird. Die Herausgabe erfolgt durch ein Komitee, das sich vor vierzehn Jahren unter dem Vorsitz von Rafael Kirchheirn zur Erhaltung des jüdischen Friedhofs am Börneplatz gebildet und bereits viel für die Wiederherstellung beschädigter Steine getan und auch die Registrierung der sämtlichen Denkmäler durchgeführt hat. Es rvird das Memorbuch bearbeitet, in dem alle Daten über die Grabsteine enthalten sind und arrch sonstige Auszeichnungen von allgemeinem historischen Interesse. Da auch meist die Tvdesarten der Verstorbenen angegeben sind, wird das Werk auch für die medizinische Wissenschaft von Interesse sein. 22 Frankenberg, 29. August. Am 2. Septernber feiern der Lehrer a. D. Joseph Wertheim und Frau Jettchen geb. Abt das schöne Fest der goldenen Hochzeit. Die Jubilare erfreuen sich der besten körperlichen Rüstigkeit und geistigen Frische. Lehrer Wertheim stand 50 Jahre segensreich im kurhessischen öffentlichen Schuldienste; 7 Jahre in Beiseförth und 43 Jahre in. Volkmarseu. Unter großer Anteilnahme der Bürgerschaft, der hessischen Lehrerschaft, auch zahlreicher Schüler und Schülerinnen, die von nah und fern herbeigeeilt waren, wurde vor drei Jahren in der Gemeinde Volkmarseu das 50 jährige Dienstjubiläum feierlichst begangen: der König verlieh ihm den Adlerorden. -Lehrer Wertheim war auch Mitbegründer der hessischen Lehrerkonferenz. J. W. Karlsruhe, 29. August. Aus der von den Israeliten des Großherzogtums gegründeten Fricdrichsstistung zur Unterstützung badischer Volks- und Religionsschullehrer rverden für das Jahr 1913 wieder die statutenrnäßigen Gaben im Gesamtbeträge von 1200 Mark an würdige und bedürftige Bewerber verteilt werden. Gesuche, in denen.Lebensrurd Dienstalter, Diensteinkvmmen, Fahl der Familienmitglieder unb Vermögen nebst etwaigen besonderen Unglückssällen genau darzulegen sind, sind längstens innerhalb vier Wochen an die Kreisschnlämter beziehungsweise Bezirksrabbinate einzusenden. Die Großherzoglichen Kreisschulämter und Bezirksrabbinate werden ersucht, die bei ihnen einlaufenden Gesuche zu sammeln, jedes einzelne zu begutachten rrnd die ganze Sanunlnng baldigst „an den Stistuugsrat der Friedrichsstiftung zur Unterstützrurg badischer Volks- und Religionsschullehrer zrr Karlsruhe, Lamminstraße Nr. 1", zu übermitteln oder bis zur gleichen Frist. Anzeige zu erstatten, wenn etwa keine Gesuche bei ihnen eingelaufen.sind. Später einkommende oder obiger Vorschrift nicht entsprechende Gesuche werden keine Berücksichtigung finden, — Der „Verein zur Förderung des Handwerks und der technischen Berufsarten unter den Juden des Grotzherzvgtums Baden" hielt seine diesjährige Generalversammlung ab. Herr Bankier M. A. Straus erstattete den Geschäftsbericht. Hiernach hat der

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