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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-09-05 · Heft 36 (5.9.1913) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 36 (5.9.1913)
Date
1913-09-05
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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Verein im alnjclmtfcneu Geschäftsjahr an Einnahmen 1425.45 Mark und an Ausgaben 1214.08 Mark zu verzeichnen. Die Mitgliederzahl war arn 1. Juni 1918 146 mit 1044 Mark Jahresbeiträgen. Das Vereinsvermögen beträgt 10 367.08 Mark. Die Fürsorge des Vereins erstreckte sich auf 36 Personen. Ihrem Berufe nach waren dies Bierbrauer, Buchbinder. Dekorateure, Galanteriewarenarbeiter, Ingenieure, Installateure, Köche, Maler, Metzger, Modistinnen, Schneider nitb Schneiderinnen, Schuhmacher und Tapezierer. L. H. Diedenhoferr, 29. August. Eine Zierde ist unserer sich immer schöner entwickelnden Stadt Diedenhofen in der n e u e n Synagoge entstanden. Wer vorn Luxemburger Platz in die Kaiser- Wilhelm-II.-Proinenade oinbiegt, wird d>3 monumentalen Baues mit der von Bronzesäulen getragenen Kuppel ansichtig. Ueber die Architekten wie über die ganze künstlerische Ausführung werden wir nächstens berichten. Soviel kann aber heute schon gesagt werden, daß die israelitische Gemeinde, an der Spitze der Vorstand und die Baukommission, keine Mühe itnb Kosten gescheut hat, um das Gotteshaus zu einer würdigen Stätte der Andacht zu gestalten. Die Einweihung findet bestimmt am 19. September statt, und das Festprogramm setzt sich wie folgt zusammen: Am Freitag den 19. September nachmittags 8 Uhr Abschiedsgottesdienst in der alten Synagoge, anschließend Ueberführung der Thvrarollcn, begleitet von der ganzen Gemeinde, nach der neuen Synagoge. Daselbst Ueberreichung der Schlüssel und Ansprache des 1. Vorstehers und der Behörden. Um 4 Uhr Einweihungsseier, zu welcher ein Festprogramm anfliegen wird. Um 6 lA Uhr feierlicher Abendgottesdienst. Am 20. September morgens llA Uhr Morgengottesdienst und Pause, um 9A Uhr Hauptfestgottesdienst. Nachmittags von.4 Uhr ab Konzert und Kinderfest im Rosengarten und Parkkafseeanlagen. Abends HA Uhr Konzert und großer Ball in der Kaiserhälle. Am Sonntag den 21. September abends SA Uhr veranstaltet ein Komitee der jüdischen Jugend Diedenhvfcns einen Ball im „Schillerhof". Ein Männerchor von etwa 28 Sängern unter Leitung des Herrn Kantor L. Hofstein und des Dirigenten, Herrn Kapellmeister Kirschbaum, wird zur Verherrlichung der Feierlichkeiten das Seine beitragen. Die Prachtvoll ausgestattete Orgel wird unser bewährter Herr Obermusikmeister Ritsche spielen. Als Solist wird außer dem Herrn Kantor Hofstein noch Herr Opernsänger L. Lob ans Straßburg mitwirken. Die Veranstaltungen versprechen einen imposanten und herrlichen Verlauf zu nehmen. Zu der eigentlichen Einweihungsseier werden Einlaßkarten ausgegeben. Zu allen Veranstaltnngen und Gottesdiensten ist die Judenschaft Lothringens und Umgegend vom Vorstand eingeladen und herzlich willkommen. * Schweiz. Z. Basel, 29. August. Hier fand vor kurzem der Kongreß der Vereinigten Missionsgesellschaften statt. An demselben hat auch die Vereinigung „Freunde Israels" mit mehreren Delegierten tcilgenommen. Diese Vereinigung führt bekanntlich innerhalb des gesamten Missionswesens ein selbständiges Leben, und ihre Spezialität ist die Rettung jüdischer Seelen. Die Berichte der Judenmissionäre lauten für diese recht trostlos, denn sie sind mit den Erfolgen durchaus nicht" zufrieden, und es wurde öffentlich betont, daß in dieser Richtung ein gründlicher Personenwechsel notwendig sein werde, denn es sei einfach undenkbar, daß unter den Juden die Mission auf die Dauer so schlechte Erfolge aufzuweisen haben. soll. Recht zufrieden scheint die Mission mit den Ergebnissen ihrer Seetenretterei im Orient zu sein, Uw sie große Schulen besitzt, die von zahlreichen jüdischen Schülerinnen besucht werden. Für die meisten erweisen sich diese Schulen als erfolgreiche Vorbereitung zur Taufe. Es wurde beschlossen, von nun ab sich mit Vehemenz und großem Apparat auf die Juden in Russisch- Polen, Galizien und Ungarn zu werfen. — Dieser Beschluß möge von den maßgebenden jüdischen Faktoren nicht leichtfertig hingenommen, sondern eher dazu benutzt werden, um schon heute die Mittel zu erwägen, die geeignet sind, diesem schädlichen Einflüsse der Missionäre zu begegnen. Besonders mögen unsere Glaubensgenossen in Rußland vor diesen „Freunden Israels" auf der Hut sein. * Oesterreich-Angarn. K. Wien, 29. August. Am 26. d. M. begann im Beethovensaale die Tagung der Organisation für hebräische S p r a ch e und Kultur. Das Ehrenpräsidium der Konferenz übernahm der amerikanische Orientalist Professor S ch e ch t e r (New Bork). Die Beratungen, die durchwegs in hebräischer Sprache geführt werden, sind modernen hebräischen Erziehungs- und Literaturproblemen gewidmet. An der Konferenz nehmen mehr als hundert Delegierte ans allen Staaten der Welt teil. Von bekannten hebräischen Schriftstellern, von denen einige internationalen Ruf genießen, sind erschienen: Ch. N. Bialik (Odessa), David Frischmann (Warschau), Dr. K-a tz e n e l s o h n (Petersburg) und viele andere. Von den Delegierten seien erwähnt: Leo Motzkin (Berlin), David Yellin (Jerusalem), der gewesene Dumaabgeordnete Dr. Sch'emarjahu-Lew in (Haifa, Palästina), der gewesene österreichische Abgeordnete Adolf Stand (Lemberg), Dawid F l o r e n t i n (Saloniki), Staatsrabbiner Jakob Mnse (Moskau). Die Verhandlungen fanden heute ihren Abschluß. Im Anschluß an die Tagung findet ein Vortrag mit Phonogrammen über hebräisch-orientalische Volkslieder statt. — Wie der „Neuen freien Presse" aus verschiedenen Gemeinden gemeldet wird, bereisen ganze Gruppen von jüdischen Wanderern, bestehend aus Männern, Frauen und Kindern, die Kultusgemeinden der österreichisch-ungarischen Monarchie und geben sich als russische Emigranten aus Kiew aus und bitten um wohltätige Unterstützungen. Das Bureau der „Israelitischen Allianz" in Wien sieht sich infolgedessen veranlaßt, zu erklären, daß alle diese Angaben unwahr sind, daß es sich vielmehr durchwegs um professionelle Bettler handelt, die das Mitleid mit den verfolgten russischen Juden mißbrauchen und durch die Reisen nach Zigeuenerart mit ihren Familien von Ort zu Ort den erwerbsmäßigeu Bettel betreiben. Der Ausgangspunkt solcher jeden Sommer wiederkehrenden geschäftsmäßigen Bettelrcisen ist zmueist Sadagora in der Bukowina oder Galizien. Das Hilfswerk für die wirklich ans Kiew und den anderen russischen Städten wegen der schweren Verfolgungen auswandernden Juden ist von der „Israelitischen Allianz" mit Hilfe zahlreicher von ihr eingerichteter Hilfskomitees an der russischen Grenze so organisiert, daß kein einziger Emigrant sich in Oesterreich von Ort zu Ort durchbetteln muß, und speziell den Angaben der mit Pferd und Wagen durchs Land wandernden Personen ist in keiner Weise Glauben zu schenken. * Luszland. Z. Warschau, 29. August. Daß die Schwiegermütter einem das Leben sauer machen, ist eine längst bekannte und anerkannte Tatsache, daß sie aber auch, ohne es zu Nüssen und zu wollen, gefährlich iverden können, das hat erst Rußland, dieses Land der unmöglichen Möglichkeiten, bewiesen. Derjenige, dem die Ehre dieses Beweises zjusällt, ist der Gouverneur von Wolhynien. Vor etwa zehn Jahren wanderte ein junger Färber, Mojsche Spiwak, im Dorfe Dombrowka ein und heiratete dort ein jüdisches Mädchen namens Schapiro. Er ging, ohne sich mit Politik zu befassen, seinem Handwerk nach und ernährte sich schlecht und recht. Plötzlich, nach Ablauf von zehn Jahren, erinnerte sich die gestrenge Behörde, daß er sich' in dem Dorfe nach dem Jahre 1882, d. h. nach Veröffentlichung des famosen Gesetzes, welches den Juden dje Ansiedlung in den Dörfern verbietet, niedergelassen hat. Die darüber eingeleitete strenge Untersuchung ergab, daß Spiwak ausschließlich mit seinem Handwerk sich befaßt und somit das allergesetzlichste Wohnrecht besitzt. Alle Versuche, zu beweisen, daß Spiwak einen ihm als Handwerker verbotenen Handel betreibt, hatten keinen Erfolg. Nichtsdestoweniger hat die Gouvernementsbehörde beschlossen, Spinmk auszuweisen, „weil seine Schwiegermutter Handel betreibt". So lautet der offizielle, mit allen zuständigen Unterschriften und Stempeln versehene Beschluß. Und so erteilt der Jsprawnik den Befehl, den Spiwak anszuweisen, die „verbrecherische Schwiegermutter" aber in Ruhe zu lassen, da sie, „als vor dem Jahre 1882 einregistriert, das Recht zu wohnen und zu handeln besitzt". Spiwak wurde also nusgewiesen, weil er kein Recht dazu hat, daß seine Schwiegermutter Handel betreibe. — In Kaluga haben sich die dortigen Beho-Mnchthaber zu einem noch besseren Stückchen verstiegen.' Bauern fnuften von einem Grundbesitzer ein Grundstück. Alles war in Ordnung. Als man aber die Kaufurkunde dem Notar unterbreitete, verweigert der aus Grund des Gesetzes über die Einschränkung des Wohnrechts der Juden die Legalisation. Weder der Grundbesitzer noch die Bauern aber waren jemals Juden. Doch der Notar erklärte, daß der — Vermittler ein Jude sei; als solcher habe er kein Recht, in Kaluga ein Grundstück zu besitzen. Wie hier „das Recht des Vermittlers", den doch die Bauern mit dem Grundstück nicht mitgokauft haben, in Betracht 'kommt, ist für einen gewöhnlichen Sterblichen schwer zu verstehen. Es verstand es aber die Gerichtskammer in Moskau, welche die Meinung des Notars bestätigt hat. — Petersburger Blätter

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