Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 36 (5.9.1913)
- Date
- 1913-09-05
- Page
- Seite 432 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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dem^Wirrsal der Meinungen sich Klarheit zu verschaffen. .Um so freudiger dürfen wir es begrüßen, wenn ein Forscher von dem Range Iacobs die Führung unternimmt, der wie wenige das ganze Rüstzeug sprachlichen und kritischen Charakters beherrscht und im Hinblick auf eine stattliche Folge gelehrter Untersuchungen aus dem vollen Quell eigener Leistungen schöpfen kann. Zum erstenmal wird uns in seinem vorliegenden Buche eine populär-wissenschaftliche Einleitung in den Pentateuch von einem jüdischen Gelehrten geboten. Jacob entwickelt die hohe Bedeutung, die der Pentateuch als Buch innerhalb des Gottesdienstes errungen hat: eine einzigartige Erscheinung, die weit über den religiösen Kreis wirken mußte. Haben! sua fata libelli: Der Pentateuch hat nicht minder fein besonderes Schicksal erfahren. Mit wunderbarer Treue, so orientiert uns Jacob im ersten Kapitel, ist sein Text behütet, mit allen Mitteln wissenschaftlicher Gründlichkeit und Strenge erhalten. So ist er gesichert worden gegen alle Gefahren, die ein literarisches Werk bedrohen, und so ist er zumal erprobt gegenüber den ältesten Uebersetzungen, denen keineswegs ein unbedingt zuverlässiges Zeugnis gegenüber dem erhaltenen Text zusteht. Den weitaus -größten Teil nimmt die Behandlung der gegenwärtigen Pentateuchkritik ein. Wir werden ausgezeichnet unterrichtet über ihre Geschichte, über Tendenz und Ziele, die sie verfolgt, über die Art, wie sie durch Dogmen, „Entwicklun g" und „Quellenscheid u n g" geleitet wird. Die großen Verdienste, die sich die Kritik um die Aufrollung der großen Probleme erworben hat, verkennt auch Jacob nicht, aber -er erblickt ihren „Grundfehler in der Willkür", mit der sie die Ueberlieferung behandelt, um von vorgefaßten, historischen, literar- und religionsgeschich'tlichen Dogmen aus ihre Konstruktion der israelitischen Geschichte und Religion um jeden Preis an der Thora durchzusühren (Seite 54). Um diese These gruppiert Jacob die Darstellung der gegenwärtigen bibelkvitischen Anschauungen und die Einwendungen, die er dagegen geltend macht. Klar und übersichtlich formuliert er seine Gegengründe und macht die Unhaltbarkeit der heute gültigen Theorien deutlich. Die Kritik muß von ihrer bisherigen Einseitigkeit absehen, von einer Methode, die einem anderen Wissensgebiet entnommen, gewaltsam der Erkenntnis der Bibel aufgepfropft wird. Sie hat lediglich nach inneren Gründen zu entscheiden. Bon diesem Standpunkte aus gelangt aber auch Jacob zu bedeutsamen Resultaten, die die „traditionelle und rechtgläubige Ansicht" nicht zu retten vermögen. So kurzgefaßt die Ausführungen des Schlüßkapitels auch sein mögen, die unverkennbar den Kernpunkt des Ganzen bilden, so schwerwiegend und entscheidend sind die Schlußfolgerungen, zu denen sie in streng logischem Aufbau führen. Sie korrigieren unsere Anschauungen von der Komposition des Pentateuchs nach ganz neuen Gesichtspunkten, und sie sind geeignet, der Kritik neue Bahnen zu weisen und neue Anregungen . zu geben: Denn die Entstehungsgeschichte der Thora ist möglicherweise noch verwickelter., als die Kritik annimmt. Aber unsere Mittel reichen nicht aus, sie zu verfolgen. Im Anhänge ist eine Analyse der vier ersten Bücher des Pentateuchs nach Cornills Einleitung in das A. T. gegeben. Eine Literaturübersicht beschließt das Werk. Wer dem Wunsche des Verfassers entsprechet die zitierten Stellen bei der Lektüre nachliest, wird sich an der sachlich knappen, sprachlich treffenden Darstellung ebensosehr freuen wie au der scharfen, eindringenden Beweisführung, die Jacob eigen ist, und wird der Fortsetzung des Werkes mit interessierter Erwartung entgegensetzen. Göttin gen. Rabbiner Dr. Behrens. Sxrechssal. Eine A u s s P e i s u n g f ü r j ü d i s ch e S ch u l k i n d e r in Jerusalem. Als eine der wichtigsten und unaufschiebbaren Aufgaben zur Sanierung des Elends der jüdischen Bevölkerung Jerusalems drängt sich jedem Besucher der Heiligen Stadt die Schaffung der organisierten' Kinder- und Jugendfürsorge auf. So hoch verdienstlich auch jedes Hilfswerk für die aufblühenden jüdischen Kolonien Palästinas und so willkommen das Streben ist, die Erwerbsverhältnisse in den dortigen Städten aus eine gesunde Grundlage zu stellen, so darf man doch nicht unterlassen, nach Kräften dafür zu sorgen, daß in Palästina selbst eine gesunde Jugend heranwächst, die, je nach Veranlagung und Bedarf, dem Landbau, dem Handwerk, dem Handel oder einem gelehrten Berufe einen tüchtigen Nachwuchs zu liefern und die Zukunft der jüdischen Besiedlung des Heiligen Landes zu sichern imstande ist. . Nun wohnt die überwiegende Mehrzahl der Judenheit Palästinas — etwa 60 OOO Seelen — in Jerusalem, und zwar durchschnittlich' in den kläglichsten Verhältnissen, so daß ein physisches Degenerieren unausbleiblich erscheint. Die politischen Verhältnisse der letzten Jahre haben diese Mißstände noch gesteigert, während auf der anderen Seite die Unterstützungsgelder für die Juden Palästinas aus dem Auslande im Rückgang begriffen sind. Um diesen Verfall auszuhalten und zur Wandlung einer so traurigen Lage an einem entscheidenden Punkt planmäßig einzusetzen. wird in Jerusalem an einem in jeder Hinsicht günstig gelegenen Platze der Jasfavorstadt, des modernen Europüerviertels, eine Ausspeisung für jüdische Schulkinder errichtet. Die Kosten des Betriebes in gewissen Grenzen sind bereits gesichert. Nur für den Bau entsprechender Räume und die Ausgestaltung zu einer Mensa auch für die jüdischen Gymnasiasten und sonstigen Studierenden Jerusalems fehlen die Mittel. Herr Charles L a n d e i s in Wien hat als Grundkapital hierfür auf den Namen seiner verewigten Mutter Frau Regine Landeis, die es sich zur Lebensaufgabe machte, hungernden Schulkindern Brot zu schaffen, 6000 Kronen gestiftet und weitere jährliche Zuschüsse in Aussicht gestellt. Wir bitten für diesen Zweck, dessen Nützlichkeit und Wichtigkeit jedem Kenner der Zustände in der Heiligen Stadt sogleich einleuchtet, um weitere Beiträge, Spenden und Zuwendungen in der Form von Kaddischlegateu oder ähnlichen frommen Stiftungen. Die Namen der Spender werden in der Anstalt an würdiger Stelle verzeichnet, die der Stifter (von 1000 Kronen an) gesondert. Wir betonen, daß es sich hierbei um ein streng kontrolliertes Unternehmen handelt. Die Anstalt untersteht in ritueller Hinsicht der Aufsicht des Jerusalmer Rabbinates, in finanzieller und technischer der eines Kuratoriums, dem in Jerusalem selbst sowohl dort wie im Ausland hochangesehene Persönlichkeiten der jüdischen Gesellschaft, angehören. Sämtliche Einzahlungen erfolgen an die Jüdische Kolonialbank in Jerusalem. (Für Oesterreich durch die „Union-Bank", Wien.) Das Unternehmen empfehlen wir" auf das wärmste. Dr. Alfred S t e r n, Präsident der israelitischen Kultusgemeinde Wien; Dr. Güdemann, Oberräbbiner; Dr. Gustav Kohn, Vizepräsident der israelitischen Kultusgemeinde in Wien; Hofrat Professor Dr. Adam Politzer; Universitätsprofessor Dr.' Salomon Ehr - mann. Nähere Auskunft erteilen auf Wunsch: Dr. Max Grunwahd, Wien XV, Mariahilserstraße 167; Charles Landeis, Wien XII, Schönbrunner Straße 179. Letzte Nachrichten. &&& Wien, 2. September. Heute wurde der 11. Zionistevkongreß eröffnet. An ihm nehmen 550 Delegierte aus allen Teilen der Welt teil. Ungefähr 9000 Teilnehmer sind sonst zu dieser Veranstaltung nach Wien gekommen. Die Beteiligung aus Deutschland ist außerordentlich stark. Die Beratungen gelten hauptsächlich praktischer.zionistischer Ar- , beit in Palästina, u. a. wird auch über die Errichtung. einer hebräischen Universität in Jerusalem verhandelt werden. Die heutige Festversammlung wurde durch den Präsidenten des engeren Aktionskomitees, Professor Marburg- Berlin, eröffnet. Er erinnerte in seiner Ansprache an Theodor Herzl und sprach den Wunsch aus, daß die Türkei die jetzige Krise überwinde und als machtvolles Staatengebilde erhalten bleibe, denn Palästina bilde einen wichtigen Teil des ottomanischen Reiches. Der Redner schilderte den Werdegang der praktischen Palästinaarbeit und erklärte den Kongreß für -eröffnet. Hierauf -erstattete N. S o k o l o w - Berlin einen Bericht über das jüdische Leben in der Diaspora, während Dr. Levin-Haisa über das neue jüdische Leben in Palästina sprach. Die Reden wurden mit begeistertem Beifall ausgenommen. Hierauf wurde das Bureau gewählt. Das charakteristische Merkmal dieses Kongresses ist es, daß die überragende Persönlichkeit Max N o r d a u s aus .Paris, der bisher keinem Kongreß ferngeblieben war, fehlt. Max Nordau befindet sich nämlich in einem Zwiespalt mit der jetzigen Leitung: er vertritt den politischen Zionismus, an den Theodor Herzl dachte, während die jetzige Leitung vielmehr die praktische Arbeit in Palästina betont > wissen will.