Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 36 (5.9.1913)
- Date
- 1913-09-05
- Page
- Seite 431 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Da inzwischen aber die Eßstunde von Mondenstein herangerückt war und ein Beschluß doch gefaßt werden mußte, so schritt man auf Vorschlag des Rabbiners zur Einsetzung einer dreigliedrigen Kommission, die aus Heymann als Vorsitzendem, Z. B. Lvewy und Jtsche als Beisitzern bestehen und bis morgen oder übermorgen Vorschläge machen sollte. Damit waren alle zufrieden, am meisten Herr Hehmann Cicero. Er lud sofort die Herren vom Ausschuß zur Sitzung in seine Wohnung, und zwar noch für den Nachmittag desselben Tages. „Wir müssen das Eisen schmieden", so rief er begeistert, „solange es heiß ist; Gefahr ist im Verzüge; I^erikles in nioica; daher ist meine Parole: „Hie kUroäus, Ine salto mortale." ' Achtes Kapitel. Das konstante Kriterium. Der Donnerstag war ganz normal verlaufen. Der Patient hatte sich vorschriftsmäßig gelangweilt; alle Besuche, die Teilnahme oder Neugierde 31t ihn: geführt hatte, waren ausnahmslos abgewiesen worden. Auch die Nacht war vortrefflich. Als der Oberstabsarzt am Freitagmorgen um 7 Uhr erschien und den Rapport der Diakonissin entgegengenommen, auch den Fuß besichtigt hatte, konnte er einen beträchtlichen Rückgang der Anschwellung und volle Beseitigung jeder Gefahr konstatieren. Er gestattete denn auch die vom Patienten gewünschte Vertauschung des Bettes mit dem Sofa und erlaubte sogar eine ganz kurze Rücksprache mit dem Sekretär Fiedler wegen der Amtsgeschäfte: Derminsabhaltung und Dezernat blieben jedoch verboten; der Umschläge wegen sollte die Schwester noch bleiben; die eingegangene Korrespondenz dürfe gelesen werden; Besuche seien zulässig; gegen die Zigarre sei nichts einzuwenden. „So rauchen Sie mit mir, und schenken Sie mir ein Plauderstündchen." „Höchstens ein halbes! Mein Dienst beginnt, wie Sie wissen, um acht Uhr." Patient und Arzt setzten die Havanna in Brand. „Und nun, mein werter Aeskulap, erlauben Sie mir noch eine Bemerkung zu unserem gestrigen Gespräch." „Wieder über den Antisemitismus? Das sollte ich als Arzt eigentlich nicht zugeben." „Aber ich bin ja ganz fieberfrei, und ich rege mich dadurch in keiner Weise auf." „So erwarte ich Ihre Bemerkung." „Ich habe über Ihre gestrigen Ausführungen nachgedacht. Zeit genug hatte ich ja dazu. Und da räume ich Ihnen willig ein, daß Liebe und Ehe zwischen Juden und Christen recht oft und gerade in den höchsten Schichten unserer deutschen Bevölkerung, im Geburts- und Geistesadel begegnen; aber das beweist immer noch nichts gegen das Vorhandensein und die Berechtigung des Rassenhasses gegen die Juden. Oder laufen nicht Tausende von Mulatten, Mestizen, Quadronen und sonstigen buntscheckigen Bastarden in der Welt herum? und doch sind die Chinesen, Neger und Indianer uns Weißen-ein Greuel; kein vornehmes Hotel nimmt sie auf; der freie Amerikaner mag nicht neben dem Farbigen sitzen." „Die Väter jener Buntscheckigen müssen diese Empfindung doch wohl nicht gehabt haben, wenigstens temporär nicht. Uebrigens ließe eine instinktive Abneigung gegen alle Farbigen sich noch notdürftig medizinisch rechtfertigen: eine Abneigung gegen die Juden als solche dagegen nicht." „Ja, warum in aller Welt nicht auch hier?" „Weil es sich bei den Juden weder um ein Pigment noch um eine abweichende Transpiration handelt, weil die Juden sich überhaupt von lins Deutschen durch kein konstantes Merkmal unterscheiden." - „Sie scherzen, Doktor! Die Juden sich nicht von uns unterscheiden? Ich erkenne den Juden auf fünfzig Schritte Distanz, mag er nun getauft oder ungetauft sein, und ich habe mich noch nie getäuscht." „So unfehlbar bin ich meinerseits nicht, und die wenigsten sind es. Ist es doch einem so feinen Menschenbeobachter und Judenkenner, wie es mein lieber Theodor Fontane ist, anno 3 870 in Nancy passiert, daß er einen Reisegefährten für einen christlichen Rittergutsbesitzer hielt, der sich später als jüdischer Prvduktenhändler entpuppte." „Fontane ist französischer Abkunft; ich als Vollblutgermane empfinde darin schärfer." „Und woran erkennen Sie unfehlbar den Juden? Ich lerne gern." „Zuerst natürlich an der großen hakenförmig krummen Judennase, an jenem abscheulichen Gesichtserker, den man schon auf den altägyptischen Bildern bei den Semiten oder korrekter bei den Chetiten begegnet." „Die Chetiten gebe ich Ihnen preis, da wir von ihnen noch recht wenig wissen, obschvn gerade diese vermutlich keine Semiten waren, ihre Sprache vielmehr eine indogermanische gewesen sein soll. Aber jedenfalls ist die sogenannte Chetitennase kein konstantes Merkmal unserer heutigen Juden. Die Lucca wenigstens besaß sie nicht." „Ich sprach nicht von den Jüdinnen, sondern von den Juden." „Auch von den jüdischen Männern besitzt nur ein Teil die sogenannte Judennase. Uebrigens finden Sie die große gebogene Nase wie bei den Juden auch bei den Armeniern, die unweigerlich keine Semiten, sondern reine Arier sind. Also nennen Sie mir ein anderes Unterscheidungsmerkmal." „Nun, den Plattfuß." „Auch der ist sicher nicht allen Juden eigen. Wir haben jüdische Infanteristen genug, die diesen Fehler nicht besitzen. Wäre aber der Plattfuß ein Judenmerkmal, so müßten unsere Müllerburschen zum guten Teil Juden sein, von den amerikanischen Sklaven ganz zu schweigen." (Fortsetzung foint.) Literarische Mitteilungen. S chrifte n zur A u f k l ü r u n g über d e n Z i 0 n i 8 - m u s. Nr. 1: Zionistische Tiktik. Herausgegeben vom Antizionistischen Komitee, Berlin. Eine sehr gut geschriebene Schrift, die auf die zahllosen Broschüren und Artikel der zionistischen Blätter eingeht und die starken Widersprüche enthüllt, die sich iit diesen Schriften finden. Der Schlußsatz der Schrift faßt gut den Inhalt zusammen. Er lautet: „Weder die Idee einer palästinensischen Heimstätte, noch die Vorstellung einer öffentlich-rcchtlich gesicherten Heimstätte, noch der Glaube an ein zu politischer Aktion fähiges jüdisches Volk haben Wahrheitsgewalt genug, nur einfach ausgesprochen die Geister der Menschen zu bewegen. Sie müssen je nach dem Publikum, je nach der Situation hin und her gewendet werden und offenbaren sich deshalb in vollkommen widersprechenden Gestalten. Es gibt daher keinen schlüssigeren Beweis gegen die Unmöglichkeit und Unfruchtbarkeit der zionistischen Bewegung als die zionistiische Taktik." L. G. # — Dr. B. Jacob, Dortmund. Die Thora Moses. I. Da? Buch. III. und IV. Heft (Doppelheft) der Volksschriften über die jüdische Religion. Heransgegeben von Dr. I. Ziegler, Karlsbad. I. Jahrgang. Frankfurt a. M. 1912/13. 8°. 100 Seiten. In Zieglers zeitgemäßem Unternehmen gebührt der Bibel ein hervorragender Platz. Was wir an religiösem Empfinden, au sittlichem Ernst, an seelischer Kraft besitzen, das verdanken wir unbeanstandet der Verdienste späterer Generationen der Bibel und insbesondere ihrem Grundbuche, der Thora Moses. Sie ist in der Wissenschaft des letzten Jahrhunderts zum Gegenstände heftigen und leidenschaftlichen Streites gemacht worden. Es ist nicht eben leicht, in