Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 36 (5.9.1913)
- Date
- 1913-09-05
- Page
- Seite 430 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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430 V\^i ji\%\ Hi:! il rj' fi, i Aber schon im 1. Kapitel heißt es: „Uno Gott schuf den Menschen in seinem Ebenbilde; im Ebenbilde Gottes schuf er ihn, Mann und Weib schuf er sie." Auch dieser Satz mit seiner stark biblischen Konstruktion scheint ausdrücklich hervvr-heben zu wollen, daß auch das Weib im Ebenbilde'Gottes erschaffen worden sei. Und da zwei Größen, die einer dritten gleichen, auch einander gleich sind, so ist auch hierin eine klare Feststellung von der Gleichartigkeit beider Geschlechter unschwer herauszusinden. Noch mehr Bedeutung gewinnt aber dieser Satz, wenn wir beachten, baß er noch vor der tatsächlichen Erschaffung des ersten Menschenpaares ausgesprochen wird. Das Alte Testament hebt damit ganz unwiderleglich — vielleicht sogar polemisch gegen die gleichzeitig herrschenden Ansichten bei den anderen Völkern — hervor, daß im ursprünglicheil Schöpfungsplane keine andere Absicht lag, als im Weibe ein dem Manne vollkommen gleichgeartetes Geschöpf zu konstruieren, es mit ebenso großen geistigen Gaben „im Ebenbilde Gottes" auszust-atten, und keine andere Verschiedenheit zwischen den beiden aufzurichten, als die rein geschlechtliche Aufgabe derselben mit sich bringt. Das Alte Testament kann also, gerade in den von Frau M.-H. angezogenen Stellen als ein getreuer Anwalt der Frauenbewegung, als der erste Verkünder der sozialen Gleichstellung der Frau ins Treffen geführt werden. Und es wäre gewiß mehr im Interesse des Feminismus gelegen, sich dieses alten uneigennützigen Fürsprechers zu bedienen, als ihm heimtückisch eins zu versetzen und vermeintlich seine Niederwerfung herbeizuführen. Fast schäme ich mich, so billige Wissenschaft, die jeder erwerben kann, der die ersten zwei Kapitel der Bibel lesen will, ausschroten zu müssen, um nicht ganz stillschweigend darüber hinwegzugehen, wie 'unsere als führende Geister anerkannten Juden und Jüdinnen sich am Judentum — gestatten Sie das milde Wort — versündigen. Ja, ich müßte mich an diesem wissenschaftlichen Unfug — und dies ist kein zu hartes Wort — mitschuldig fühlen, wenn ich diesen Vorkommnissen, von welchen Frau Grete Meisel- Heß nur ein Beispiel gab, nicht einmal mit meinen bescheidenen Kräften entgegenträte. Wer das Glück hat, als Jude den geistigen Vorsprung, den unsere Religion nun einmal gibt, durch Abstammung und Erziehung als ein Geschenk der Vorsehung mit auf den Lebensweg bekommen zu haben, der wuchert schlecht mit seinem Pfunde, wenn er es vergräbt und besudelt, um daun als „vollkommen objektiver" Beurteiler die Rost- und Schmutzflecken an dem verunreinigten Erbgute aufzeigen zu können. Neberlassen wir doch die böswillige Auslegung unseres Schrifttums jenen, welche wenigstens den guten Glauben Vorschiitzen können und das Gewohnheitsrecht, für jeden Widersinn und jede Ungereimtheit uns verantwortlich zu machen. Mögen sie das Alte Testament bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit heranziehen und in ihrem Sinne ausbenten; wir werdenes ertragen, wie wir so vieles schon ertragen haben. Denn sie wissen nicht, was sie tun! Diesen Entlastungsgrund kann ich aber den aus dem Judentum hervorgegangenen Aestheten und Ethikern nicht zubilligen. Diese können und müssen wissen, was sie tun! Sind sie aber der jüdischen Sache schon so fremd geworden, daß sie nicht bloß aus Liebedienerei, sondern aus ehrlicher Beschränktheit mit einem animosen Vorurteil an das jüdische Schrifttum Herangehen und im Sinne dieses Vorurteils gegen dasselbe Vorgehen, so werden sie der neuen Sache, der sie dienen, nur mäßigen Gewinn bringen. Geschieht es jedoch, daß sie, entgegen ihrer besseren Einsicht, das Judentum in Gegensatz zu den inodernen fortschrittlichen Geistesregungen setzen, so be- .rauben sie diese, wie sich selbst des wackersten Bundesgenossen, des verläßlichsten Führers, des streitbarsten Mitkämpfers. Es darf ohne Ueberhebung und ohne Uebertreibung gesagt werden, daß jeder ethische und soziale Fortschritt im jüdischen Schrifttum wenigstens als Skizze schon vorhanden ist, und daß jene übel verfahren, die diese Skizzen bloß unberücksichtigt lassen; schmählich aber ist es, sie verwischt und verzerrt und mißbräuchlich entstellt kleinlichen Zwecken zu unterwerfen! Darüber mögen die jüdischen Aestheten einmal Nachdenken! R a h e l E d e l st e i n - F r i e d m a n n, Wien. Der Dntilemit. Roman von Ernst Theodor Justi. X. ^^^ie Debatte wogte hin und her.Heymann wehrte sich für seinen flammenden Protest aus Leibeskräften. Man könne den Protest ja daneben auch in die Zeitungen setzen, aber ' mit voller Namensunterschrift aller fünf; nur mit dieser Modifikation könne er den Perlschen Antrag akzeptieren, und dahin wolle er ihn selbst amendieren. Das sei ihm Ehrensache; kein Artikel ohne Namen; er erinnere nur an den Spruch: „Nomina sunt odiosa", und an den Schillerschen Vers: „Und setzest du nicht den Namen ein, nie wird der Sieg dir gewonnen sein." , Diese Häufung von falschen Zitaten war nun aber doch dem jungen Jtsche zu viel. '„Sv sehr ich auch ein passendes und richtiges Zitat zu schätzen weiß," rief er, „so möchte ich doch den Herrn Kollegen Heymann bitten, sich der falschen und deplacierten Zitate zu enthalten! Muß es durchaus eine fremde Sprache sein, - so eigne sich auch für einen Synagogenvorstand die Ursprache der Väter hierzu weit mehr, und er erlaube sich dem rede- und zitatenfreudigen Herrn zweiten Vorsteher das biblische Wort zuzurufen: „Hakol Jofe beitio (alles ist schön zu seiner Zeit)." Herr 'Heymann war erst blaß, dann rot geworden; jetzt sprang er empor und erklärte, diesen Affront nicht ertragen zu wollen; wenn alles schön zu seiner Zeit sei, so sei es für ihn schön und Zeit, seine Vvrstandswürde niederzulegen. Das hatte nun wieder Herr Jtsche nicht beabsichtigt; er erklärte, eine Kraft wie Herrn Heymann im Vorstande nicht missen zu können; der Gedanke der Beleidigung habe ihm durchaus ferngelegen; er bitte den Herrn Kollegen, seine Demission zurückzuziehen. Herr Bloch bedauerte, daß unter seinem friedlichen Dache ein solch schmerzlicher Streit zwischen zwei so verdienten Vorstandsmitgliedern um ein solches Nichts ausgebrochen sei, und er unterstützte die Bitte um Zurücknahme der Demission aufs eifrigste. Das tat auch der Herr Rabbiner; er betonte, daß man sich gewissermaßen in einer belagerten Stadt befinde, und da sei es Ehrenpflicht der Besatzung, auszuharren. Auch Herr Z. B. Loewy mahnte zur Eintracht und betonte, daß er ohne Herrn Heymann den Vorstand sich überhaupt nicht vorzustellen vermöge. Konnte Herr Heymann den vereinten Bemühungen der Amtsgenossen widerstehend Nein, er widerstand nicht. Er bat ums Wort, und schon fürchtete die allmählich hungrig gewordene Versammlung eine neue Philippika ihres Demosthenes; aber hier wurde einmal das Zulängliche Ereignis; Heymann erhob sich und sprach nur die zwei Worte: „Ich bleibe!" Allgemeines Händeschütteln folgte.