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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-09-05 · Heft 36 (5.9.1913) · p. Seite 429

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 36 (5.9.1913)
Date
1913-09-05
Page
Seite 429 (sequence 9)
Language
German
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Wer wir können» uns auch nicht ganz dazu .verstehen, jene Tatsache mit so viel Genugtuung zu konstatieren, als sie aus den ersten Blick zu verdienen scheint. Denn diese Vorkämpfer — ich spreche hier nur von lobenswerten fortschrittlichen Bestrebungen — diese Ethiker und Aestheten, befinden sich zumeist in einem bedauerlichen Irrtum über sich selbst. Sie glauben nämlich/ wenn sie etwa jene Geisteshöhe erklommen haben, die gegenwärtig als „Monismus" aus dem Dunkel des umnebelten Intellekts herausragt, weit über das Judentum enrporgestiegen zu sein, und sich in einer lichten, freien Region zu befinden, an welche die „finstere Altväterreligion" nimmermehr heranreicht. Sie tun, als ob sie aus dunrpfen Engen und trüben Winkeln zu reinem Geistesodem sich emporgeschwungen hätten und vermeinen, der neugewählten Geistesgenossenschast erst dann würdig zu sein, wenn sie Steine hinabschleudern in jene angebliche Tiefe, aus der sie kraft ihrer Fähigkeiten sich emporgerungen haben. Ja, um es kurz zu sagen, säst alle Juden und Jüdinnen, welche an den keineswegs zu unterschätzenden Kämpfen moderner Ethiker sich beteiligen, wenden sich mehr oder minder heftig gegen ihr altes Judentum und glauben erst dann vollwertig zu sein, wenn sie sich „vollkommen objektiv" oder vielmehr oberflächlich kritisierend und zu Mißverständnissen bereit gegen dasselbe verhalten. Sie sind sich selbst der Tatsache nicht bewußt oder wagen es nicht, sich und andern dieselbe einzugestehen, daß sie gerade ihre Fähigkeit, voranzuschLeiten, wenn es Geistesgüter zu verbreiten gilt, nur ihrer Herkunft aus dem Judentum verdanken, und zwar nicht so sehr ihrer leiblichen als ihrer intellektuellen Abstammung. Sie wollen es nicht merken lassen, daß der reine Quell des Judentums es war, der sie geistig genährt und sie kampsessähig gemacht hat. Sie wollen es mit Absicht vergessen, daß sie in den sittlichen Lehren des Judentums, in seiner geraden, unbestechlichen Denkweise den Nährboden für ihre so angestaunte Denkfähigkeit empfangen haben; und sie dünken sich schon besonders mutig, wenn sie irgendein Faktum aus der jüdischen Geschichte, das auch der schlimmste Ignorant nicht leugnen würde, „vorurteilslos" in günstigem Sinne registriert Haben. Ohne besonders dankbar zu sein, stünde es diesen Aestheten viel besser an, von dem Judentum als von dem Träger des Monotheismus, der höchstentwickelten, wenn auch uns schon seit Jahrtausenden geläufigen Donksorm, als dem Endziele zu sprechen, welches der denkbeslisfenen Menschheit voranleuchtet; ein Ziel, zu welchem die monistische Bewegung eine immerhin beachtenswerte Vorstufe sei. Ohne sich einer Voreingenommenheit für die jüdische Religion schuldig zu machen, brauchten die aus' dem Judentum.hervorgegangenen Ethiker sich nicht zu scheuen, zu betonen, daß alle durch, den Fortschritt des Menschengeschlechtes jemals zu erreichende Ethik in den Religionslehren des Judentums zwar vorweg sestgelegt sei, daß man aber auch noch im 20. Jahrhundert nach Christi Geburt und Tod den Monismus als einen großen fakultativen Schritt nach vorwärts begrüßen dürfe. Dies um so mehr, als derselbe in Vereinigungen von solchen denken Wollenden, die nicht durch jüdisches Denken vorgeschult seien, seinen Ursprung genommen habe. Statt dessen erscheinen unsere Aestheten sich selbst als besonders gelehrt und wohlwollend/wenn sie das Judentum mit den „Kulten der Alten" zusammenwürfeln; sie nennen es auch schmeichelhaft mit dem Hellenentum in. einem Atem; und wollen dieses mit jenem und jenes mit diesem schlagen, wenn sie es als den „Vorläufer des Christentums" bezeichnen. ' Dieser Wahrnehmung konnte ich mich nicht erwehren, als ich jüngst einer sonst ausgezeichnet ausgebauten Vorlesung der anerkannten Schriftstellerin Frau Grete Meisel-Heß „Der Monismus und die Frauen" mit einer an Bewunderung grenzenden Befriedigung folgte. Und da Frau Meisel-Heß wirkliche Begabung mit geläutertem Geschmack verbindet, und dadiese geniale Frau nur in den besten Kreisen der Intellektuellen Gehör sucht und findet und daher mit um so größerem Bedacht' ihre Aeußerungen über das Judentum wählen sollte, so sei ihr der angedeutete Vorwurs nicht erspart. Und jener Passus ihres Essays, der mir die erwähnte Beobachtung ausi drängte, sei hier aus meinem Gedächtnisse angeführt. Ich erlaube mir auch, ihn mit Hilfe meiner auch nicht tiefgründigen hebräischen Kenntnisse zu berichtigen: Die Vortragende ließ also mit der Geste der Großmut dem Judentum Gerechtigkeit widerfahren und stellte es nach dem bekannten Rezepte dem Griechentum gleich.: „Von den alten Völkern waren es nur die Griechen und die Juden, welche dem Weibe nebst seinen geschlechtlichen Funktionen auch eine geistige Bedeutung zuerkannten." Bei den Juden feien es die Prophetinnen Deborah und Hulda gewesen, durch welche dies zum Ausdruck kommt. „Allein trotz Deborah und Hulda," fuhr Frau M.^H. fort — und ich glaube diese Stelle mit solcher Aufmerksamkeit begleitet zu haben, daß ich sie fast wörtlich wiedergebe — „hat auch, das Alte Testament die Frau als tief unter dem Manne stehend betrachtet; denn nur der Mann heißt Adam, „Mensch", die Frau aber heißt Chava, das ist „Tier" oder eigentlich, da Chaje „Tier" heißt, ein Mittelding zwischen Mensch und Tier". Der Eindruck, den diese Worte auf das interessiert lauschende Publikum machten, war der eines gelinden Grauens .und einer begründeten Verachtung gegenüber dem so barbarischen Alten Testamente. Und nun möge Frau M.-H. sich sagen lassen, was aus der angeführten Nomenklatur, ohne dem Texte Zwang anzutun, herauszulesen ist: Adam heißt nicht im entferntesten „Mensch", sondern „Erde", und bedeutet, auf den Menschen übertragen, „der aus Erde Geformte", der „Staubgeborene", „der Erdensohn". Chaja heißt nicht nur „Tier", sondern auch Lebewesen". Demnach heißt auch Chava, eigentlich Chaj—va, nicht ein Mittelding zwischen Mensch und Tier, sondern die „Lebengebende", die „Mutter aller Lebenden", ein Name, der die Mutterschaft für alle Zeiten adelt. Da nun Eva wirklich nicht . gleich Adam dem Staube der Erde entnommen, also keine Staubgeborene war, so konntesie auch nicht „Adam" heißen. Hingegen ist die erste Bezeichnung, die für Eva gebraucht wird, so sehr profeministisch und drückt so vollkommen die Gleichstellung der Frau mit dem Manne aus, als die enragiertesten Feministen nur immer wünschen könnten. Adam sagt nämlich, als er das neue Geschöpf erblickt: „Dieses Mal ist es Bein von meinem Beine und Fleisch von meinem Fleische, diese werde „Männin" (Jscha) genannt, denn vom „Manne" (Jsch) ist diese genommen." Die von Frau M.-H. geforderte Namensgleichheit als Beweis der Gleichwertung von Mann und Frau ist also tadellos im Alten Testament vorhanden und wird bei dem ersten Erscheinen des Weibes auf der Weltenbühne unzweifelhaft ausgesprochen. Ja noch mehr; bevor noch das Weib den Schöpsungsplan betritt, wird ihre Stellung an der Seite des Mannes durch die Worte präzisiert: „Und der Ewige, Gott, sprach: „Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei, ich will ihm eine Gehilfin machen, ihm entsprechend." Eine Gehilfin! Das drückt doch etwas ganz anderes aus als ein Mittelding zwischen Mensch und Tier oder als ein Werkzeug der geschlechtlichen Funktionen; das spricht doch ganz deutlich von geistiger Ebenbürtigkeit.

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