Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 36 (5.9.1913)
- Date
- 1913-09-05
- Page
- Seite 428 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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428 dringt, desto klarer und unverhüllter tritt es zutage: dies Buch, ist-nichts als eine Tendenzs.chvift in des Wortes vollster Bedeutung, eine Tendenzschrift mit allen Vorzügen, aber auch mit allen Schwächen einer solchen. Als bedenklichste und verhängnisvollste dieser durch die Tendenz des. Werkes bedingten Schwächen muß es bezeichnet werden, daß sie^dem Verfasser jedtz Objektivität raubt und ihm eine unbefangene Beurteilung der tatsächlichen Verhältnisse unmöglich macht. Und so kann, was er einem Chamberlain und Sombart vorwirft, auch aus ihn, Wort für Wort, Anwendung finden: er sieht mit seinem durch die Brille der Partei bestimmten Blick an dem heutigen Judentum gerade das, was in Gegensatz zu seiner Anschauung steht, und darum verurteilt er es, darum muß er an dem geschichtlich gewordenen Judentum Wesenszüge seststellen, die mit dem wahren Wesen des Judentums, und das heißt für ihn des antike n Judentums, nicht in Einklang zu bringen , sind und' die es notwendigerweise der Auflösung, dem Untergange zuführen. Will das Judentum diesem Schicksal entgehen, so muß es frei zu werden suchen von diesen ihm wesensfremden Elementen, muß frei werden von dem Buch, das vor allem diese Vergewaltigung seiner ursprünglichen Eigenart verschuldet hat Und das heute gleichwohl den Schwerpunkt seiner Existenz bildet: vom Talmud. Wo dieses Buch herrscht, da hat der antik-jüdische Geist keinen Raum (S. 220); darum gilt es, dem Judentum Lebensbedingungen zu schassen, die denen des antiken Judentums konform sind, und so eröffnet sich ihm als einziger Weg zur Rettung des Judentums der Weg nach der alten Heimat, der Weg nach Palästina. Hier erst, innerhalb des zu schaffenden hebräischen Milieus, „werden sich die Fesseln des Rabbinismus und des starren Legalismus von selbst lösen", denn der Talmud, wie er ein Werk, der Diaspora ist, „ist nur für das Diasporajudentum und wird sich nur in der Diaspora erhalten." Für das Diasporajudentum ist er sogar das unentbehrliche Bindemittel, so daß, „wer sich heute vom Talmud losreißt, sich auch früher oder später vom jüdischen Volkstum losreißt." (S. 210). Wohl ist, von dem „sogenannten Resormjudentum in Westeuropa", der Versuch gemacht worden, auch in der Diaspora vom Talmud sich zu emanzipieren, aber dessen Parole: „Zurück zur Bibel", hat sich als „nachträgliche' Einladung zur Taufe" heraüsgestellt. Und also „wird das Diasporajudentum entweder talmudisch sein oder gar nicht." (S. 211). Diese Gedankengänge und ihre Fundamentierung durch weit ausholende Beweise nehmen einen überaus breiten Raum in den Ausführungen des Verfassers ein. Aber was diese unhaltbaren Behauptungen schon zur Genüge zeigen, das wird bis zur völligen Evidenz durch seine Beweisführung dargetan, daß nämlich das Gebäude, das er errichten möchte, auch nicht eine Handbreit festen Bodens unter sich hat. Zu welch gewaltsamen Verzerrungen der jüdischen Geschichte muß er greifen, um den Nachweis erbringen zu können, daß seine Lösung des Problems die einzig mögliche sei, wie viele Bausteine, die für ein wirklich umfassendes Gebäude des Judentums unumgänglich notwendig sind, läßt er achtlos am Wege liegen, weil sie mit seiner Theorie nicht harmonieren wollen, wie viele andere muß er in einer Weife zurecht hauen, daß man raum noch ihre ursprüngliche Form erkennen kann! Er weiß nichts, oder vielmehr er will nichts davon wissen, daß der Gott, der seinem Volke in der Wüste das Gesetz gegeben — „ausgezwungen", wie der Verfasser an zahlreichen Stellen sagt — nicht bloß der starke und gefürchtete Gott, sondern auch der Gott der Liebe und Barmherzigkeit, der Langmut und des Verzeihens ist, er übersieht, daß schon dem Urahn des in Kanaan nomadisierenden „Hirtenstammes" won Gott verheißen ward, daß alle Völker der Erde durch ihn gesegnet werden sollen, er übersieht ferner, daß Moses den unter ägyptischem Sklavenjoche Schmachtenden eben diesen „Gott der Väter" kündet und daß dieser selbe Moses, in Ergänzung der schon dem Urahn gewordenen Prophezeiung,. diesem Volke, also doch schon dem a n t i k e n Judentum,' die Bestimmung zuweist, die seiner ganzen Geschichte das Gepräge ^gegeben: „Und .ihr sollt mir sein ein Reich von Priestern und ein heiliges Volk!" Ein Volk aber,- dem derartige Prinzipien für seine Geschichte mit auf den Lebensweg gegeben wurden, kann freilich nicht eine Geschichte wie andere Völker ausweisen. Sie kann nichts von Kriegen, nichts von politischen Jntriguen oder dynastischen Streitigkeiten künden. Dem Verfasser ist aber diese Verschiedenheit in dem Inhalt der Geschichte des Judentums und der anderen Völker nur ein Beleg für seine Behauptung, daß die Geschichte des Judentums in den letzten 2000 Jahren überhaupt keine Geschichte sei (S. 19), mit dem Verlust der nationalen Selbständigkeit hört für ihn die jüdische Geschichte aus. Aber geistige und religiöse Kräfte, die übrigens auch schon während des ersten Teils der jüdischen Geschichte ihrem Lauf die Richtung bestimmt haben, sie sind es, die nun, nach dem Zusammenbruch des jüdischen Staates, rein und ungetrübt für ihren Verlauf maßgebend bleiben und die fortan das geistige Band bilden, das dieses Volk zusammenhält und erhält. Durch diese geistigen Prinzipien hört die jüdische Geschichte nicht nur nicht aus, Geschichte zu sein, sie wird durch sie vielmehr zur potenzierten Geschichte. Denn wenn nach einem Worte Macaulays") das innere Leben eines Volkes den Kern, die Politik und die gelegentlichen Kriege hingegen nur die Schale der Geschichte bilden, dann besteht die jüdische Geschichte in der Diaspora nur aus Kern, sie ist, wie sie genannt worden ist (s. Dubno, a. a. O. S. 9), eine vergeistigte Geschichte. Der Blick für die einzigartige Größe und Bedeutung dieser Tatsache fehlt dem Verfasser, weil seine Tendenz ihn übermächtig beherrscht und die Freiheit seines Blickes behindert. Daß das Büch neben diesen'seinen Schwächen auch manche Vorzüge ausweist, sei dankbar anerkannt. Es ist frisch geschrieben und wirkt darum niemals ermüdend'. So manches Kapitel erfreut durch die Offenheit, mit der der Verfasser auf gewisse Schäden hinweist, und besonders hervorgehoben sei der durchaus gelungene Nachweis, daß biblisches wie talmudisches Judentum in gleicher Weise den Handel perhorreszieren und ihm gegenüber den Wert der Arbeit betonen. Aber um der Tatsache willen, daß hier Eine Parteitendenz sich rn ein wissenschaftliches Gewand zu hüllen versucht und daß sie, um diesen Versuch durchführen zu können, vor keiner noch so gewagten Auffassung zurückschreckt?) mußte mit aller Deutlichkeit auf das völlig Verfehlte dieses Versuches und auf. die bedenklichen Schwächen dieses Buches hingewiesen werden. ' Jüdische Kelcheten. s ist nicht erst eine Errungenschaft der neuesten Zeit, daß an der Spitze jeder geistigen Bewegung Inden und Jüdinnen zu finden sind. Wir überlassen es natürlich unfern Gegnern, dies aus die Sucht, sich vorzudrängen und das eitle Bestreben, sich zur Geltung zu bringen, zurückzu- ' beziehen. 2) Zitiert bei Dubno, Die jüdische Geschichte. S. 9., 3) Es sei als Beleg hier nur noch auf die freilich nicht mehr ernst zu nehmende Art und Weise hingewiesen, wie der Verfasser den bekannten Ausspruch Schemajas (Sprüche der Väter I, 10) übersetzt; er benutzt den ersten Teil dieses Ausspruches in durchaus korrekter Weise dazu, um zu zeigen, daß der Talmud den Wert des Handwerks betont habe (ro&&Ü2n flK SnfcO und glaubt bei dieser Gelegenheit auch dessen Abneigung gegen den Rabbinismus erweisen zu können; denn, so lautet ja die Fortsetzung dieses. Ausspruchs und das heißt nichts anderes, als: „hasse das — Rabbinot!" (sie!) S. 148.