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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-09-05 · Heft 36 (5.9.1913) · p. Seite 427

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 36 (5.9.1913)
Date
1913-09-05
Page
Seite 427 (sequence 7)
Language
German
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427 Kämpfen und Ringen nach Besserem, nach Höherem, nach Vervollkommnung innerhalb des nationalen Gedankenkreises? Hat der jüdische Student ein Recht, -diesem Kämpfen und Ringen gegenüber eine gleichgültige oder gar feindselige Stellung einzunehmen; ist es nicht seine heilige Pflicht, tatkräftig mitzuwirken? Der Zionismus drängt den jüdischen Studenten auf eine gefährliche Brücke, die gar leicht von einer mächtig anschwellenden antisemitischen Flut hinweggeschwemmt werden könnte. Nicht nur dem jüdischen Studententum, der gesamten Judenheit — nennen wir es Volksstamm, und der jüdische Student dürfte sich zu deren vornehmsten Vertretern zählen -- dem Judentum droht Gefahr. Politischer Scharfsinn war nie eine hervorragende Eigenschaft der zionistischen Führer, so Bedeutendes sie auch aus anderen Gebieten vollbrachtem Sie spielten und spielen mit dem „nationalen" Gedanken, als gelte es nur eine wissenschaftliche Theorie zu verfechten, und vergessen, daß es sich hierbei nicht um Grundsätze handelt, die vielleicht nach so mancher Richtung hin ihre Berechtigung haben mögen, sondern um das Schicksal von Menschen, das nicht allein mit noch so guten Absichten gestaltet werden kann. Sie verkennen oder beachten nicht die Wirklichkeiten, die ehernen, unabänderlichen Wirklichkeiten in dem politischen Leben der Völker. Sonst würden sie sich nicht so eilfertig mit der Idee vertraut gemacht haben, einen Staat zu g r ü n d e n, der außerdem auch erhalten werden muß, wenn er nicht in der Geschichte als eine „Episode" bezeichnet werden soll. Ist es nicht ein Fehler, ich stehe nicht an zu sagen, ein Vergehen, der Gegenwart den sicheren, trotz aller trüben Erscheinungen, -sicheren Boden zu entreißen, um eines traumartigen Zukunstsgebildes willen? Wir drehen uns nach der einen Seite und pochen auf unseren Einfluß, unsere Macht innerhalb des Rahmens der christlichen Völkerschaft, dann drehen wir uns nach der anderen Seite und bekennen unsere Schwäche, auf diesem Boden uns nicht behaupten zu können. Ein stolzes Bild bieten wir hiermit nicht dar: unsere Gegner hätten Grund zur Befriedigung. Anerkannt soll werden, was der Zionismus Großes, Gutes geschaffen: — er hat L e i denschaft e n geweckt innerhalb der gleichgültigen, schlafenden jüdischen Gemeinschaft. Das ist ein nicht wegzuleugnendes Verdienst; nur sollen diese Leidenschaften nicht in falsche Bahnen geleitet werden. Das Wort „national" schasst einen Tummelplatz für einander .widerstreitende Meinungen, gibt den Anstoß zu Spaltungen. Wo Verwirrung herrscht, gehen selbst die mächtigsten Staaten ihrem Niedergang entgegen. Die Religion allein vermag den Sammelpunkt zu bilden für die geistigen Kräfte des Judentums. So war es, und nur so kann und wird es sein. Wer das Judentum nicht kennt — leider kann man dieses von Aner recht großen, vielleicht der größeren Zahl der Juden sagen — verbindet mit dem Wort „Religion" eine kirchliche Institution, einen kirchlichen Machtfaktor. Die einstige Institution des Priestertums schwebt'noch in der Erinnerung vor. Fremd geworden ist all denen das sittlich H o h e der jüdischen Religion, deren Bekenner ein jed er ein Priester sein soll; einer absoluten Freiheit, wie in der jüdischen, kann sich keine andere Religion rühmen. Mit dem „j ü d i s ch n a t i o n a l -e n" Gedanken schalten wir uns aus aus dem Rahmen des Volkes, aus dem Rahmen des Staates, in dem wir wohnen, und führen einen Vernichtungskampf gegen uns selbst. „Nationale" Verblendung, nach einem phantastischen Punkt hinzielend, verschließt sich dieser Erkenntnis. 3Vir haben den entschiedenen Willen, mit den Völkern in Frieden zu leben, gemeinsam wirtschaftliche, politische, kulturelle-Arbeit zu pflegen, und wer uns, selbst in guter Absicht, störend entgegentritt in Wort oder Tat, müssen wir als FeinddesJudentums betrachten. Die Führer der Zionisten sollen sich ihrer schweren Verantwortung bewußt sein. Psychologie drs Milchrn Griltes. Von Rabbiner Dr. H. Schreibe r, Potsdam. ie Literatur des 19. und vor allem des beginnenden 20. Jahrhunderts ist reich — und fast wäre man versucht, im Hinblick auf gewisse Erscheinungen zu sagen: überreich — an Versuchen, die Psyche des Judentums wissenschaftlich zu erfassen und sie durch mehr oder minder gewagte Theorien dem Verständnis nahe zu bringen. Nicht bloß von jüdischer Seite rühren diese Versuche her, in eben so reichem Maße treten sie auch auf nichtjüdischer Seite in die Erscheinung. Läßt man diese Versuche Revue passieren, so kann man die überaus interessante Wahrnehmung machen, daß eine große Anzahl der Autoren, die sich berufen fühlen, die Psyche des Judentums bloß zu legen, an ihr das herausfindet, was sie in Gegensatz zu ihrem eigenen persönlichen Standpunkt setzt — woraus sie dann das Recht, wenn nicht gar die Pflicht herleiten zu können meinen, sie zu verurteilen und zu verdammen. So ist für den Verfasser der Kritik der reinen Vernunft das Judentum überhaupt keine Religion, da es von seinen Bekennern nicht das verlange, was das Wesen aller Religion ausmacht: nicht sittliche Gesinnung, sondern nur starre Erfüllung äußerer Formen und Gesetze sei seine Forderung. Der pessimistische Denker, der die Welt als Wille und Vorstellung erfaßte, hat den Geist des Judentums mit der ganzen Kraft seines Hasses und seiner Verachtung bedacht, weil er in ihm den Träger realistisch-optimistischer Weltanschauung sieht, der Dichter des Zarathustra ruft zum Kampf gegen den jüdischen Geist, weil er d i e Moral geschaffen, die der heutigen Kultur zur Unterlage dient, Chamberlain sagt dem Judentum wegen seines Formalismus Fehde an, und der Jüngste in der Reihe dieser Beurteiler jüdischen Wesens und jüdischer Eigenart, Sombart, erblickt aus Grund seiner, wie ihm von kompetentester Seite nachgewiesen wurde, ebenso willkürlichen wie unwissenschaftlichen Beweisführung in dem Juden die Verkörperung teleologischer und kapitalistischer Gesinnung. Vor uns liegt ein Buch, das es sich ebenfalls zur Aufgabe gemacht hat, eine „Psychologie des jüdischen Geistes" zu liefern?) Der Verfasser weist in seinem zur „Einführung" dienenden Kapitel mit Recht darauf hin, daß die Versuche all der genannten Autoren schon darum hinfällig sein müssen, weil der Psyche des Judentums, des alten wie auch des Judentums der Gegenwart, nur gerecht werden kann, wer das biblische und das nachbiblische hebräische Schrifttum, diese an 30 000 Bände umfassende Literatur, beherrscht. So oft das schon betont worden ist — es ist gut, daß immer wieder, wie es auch von seiten unseres Verfassers geschieht, darauf hingewiesen wird, daß es ein Unding und eine Ungerechtigkeit ist, ohne genaue Kenntnis des hebräischen Schrifttums oder gar aus einer übersetzten Bibel eine Psychologie des Judentums geben zu wollen. Erweckt er so in uns das Vertrauen, daß er das Material zu seiner Psychologie des jüdischen Geistes aus einer genaueren Kenntnis des hebräischen Schrifttums hergeholt hat und daß sich in ihm diese bessere Kenntnis mit der Objektivität paaren werde, die er bei den anderen so schmerzlich vermißt (S. 10), so wird dies Vertrauen schon durch die ersten Kapitel seines Buches arg erschüttert, und je weiter man in der Lektüre vor- *) Die Psychologie des jüdischen Geistes von Dr. S. Mölamed, Berlin, Schwetschke.

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