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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-09-05 · Heft 36 (5.9.1913) · p. Seite 426

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 36 (5.9.1913)
Date
1913-09-05
Page
Seite 426 (sequence 6)
Language
German
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426 Volk eine öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte in Palästina zu' schaffen, ein mit dem Recht der Selbstverwaltung ausgestattetes Staatswesen unter türkischer Oberhoheit. Angesichts der zu erwartenden Katastrophe schrieb recht treffend eine der bedeutendsten Berliner Zeitungen: „Nicht der Staat ist sicher, dem seine territoriale Unversehrtheit von anderen verbürgt wird, sondern jener, der es nicht notwendig hat, sich unter den Schutz solcher Garantie zu stellen. Wer sich seinen Besitzstand gewährleisten läßt, der beginnt damit eine Fahrt auf schiefer Ebene." . Diese „schiefe Ebene" bildet die politische, die nationale Grundlage des Zionismus — ein Gebäude, aus Sand errichtet, ohne festgemauertes Fundament. Auf den morschen Krücken des türkischen Staates planten die Zionisten in das gelobte Land einzuziehen. Naturgemäß mußten sie, um ihre nationalen Bestrebungen zu verwirklichen, irgendwo eine Stütze suchen — politische Garantien, denn so phantasievoll war wohl keiner der Führer, an einen s e l b st ä n d i g e n Staat, in vollstem Umfange auf eigenen Füßen stehend, zu denken, so verlockend es auch diesem oder jenem erscheinen mochte, in einem Ministerium zu sitzen oder gar Herrschergewalt auszuüben. Die geldschwache und daher gutmütige Türkei wäre auch geeignet gewesen — wenn nicht andere Hemmnisse dazwischengetreten— zum mindesten dem Versuch dieser Gründung Förderung zu sichern. Die gute Absicht ist nicht zu bezweifeln; nicht nur im gesellschaftlichen Leben, fast noch mehr auf politischem Gebiet werden durch ^.gute Absichten" gar oft schlimme Folgen gezeitigt. Der junge jüdische Staat, auf die politischen Garantien des türkischen Staates vertrauend, würde bei einer Vernichtung, sogar schon bei einer wesentlichen Schwächung des schützenden Staates, noch ein schmählicheres Ende finden als der alte selbständige Staat vor zweitausend Jahren, zu einer Zeit, in der noch religiöse Begeisterung, religiöser Fanatismus der Verteidigung Kraft verlieh. Mit der menschlichen Berechnung ist es eben eine heikle Sache; über Nacht stürzt der stolzeste Bau zusammen und begräbt unter seinen Trümmern, die sich in ihm geborgen fühlten. Könnte man nur das politische Mißgeschick allein ins Feld führen, so wäre dies kein genügendes, kein beweiskräftiges Argument gegen den Zionismus, wenn sonst seine Bestrebungen für die Judenheit, für das Judentum, offenkundig sich als nützlich erweisen würden. „National" — wie herrlich klingt dieses Wort: es ist der Ausdruck für alles politische Sehnen und Empfinden, das Stichwort für den Kampf. Es muß allerdings nur richtig angewendet werden, denn vom Erhabenen bis zum Lächerlichen ist nur ein kurzer Schritt. Nationen sollen sich nicht assimilieren, jede Nation soll ihre Eigenart zu bewahren trachten. Warnte doch ein hervorragender deutscher Dichter vor mehreren Jahren vor einer literarischen Assimilation. Jedes Individuum, jedes Volk hat seine besonderen Vorzüge, die gepflegt werden sollen im Interesse der allgemeinen Kultur, des kulturellen Fortschritts. Die jüdische Nation hat ihre Bedeutung in der Weltgeschichte erlangt nicht durch hervorragende Leistungen auf dem Gebiete der Kunst und der Wissenschaft, des Handels und der Industrie, auch nicht durch Waffentaten — so Bedeutendes selbst hierin geleistet worden sein mag — ihre Bedeutung liegt auf dem Gebiete der Religion. Dieses wird von den hervorragendsten christlichen Gelehrten, die sich ein objektives Beurteilen bewahren, anerkannt. Wenn man euren Stolz empfindet, dann muß auch etwas Konkretes vorhanden sein, woran sich dieser Stolz knüpfen kann. Die Zionisten betrachten die Religion — um mich eines vielleicht trivialen Ausdrucks zu bedienen — als „Privatsache". Außer dem Lande, dem Erdboden, ist es nur noch die Sprache, die sie als wertvoll betrachten, für die sie Begeisterung empfinden. Gewiß ist dieses Empfinden nicht zu verurteilen — das ist das Positive; verurteilen müssen wir das Negative — die Gleichgültigkeit gegenüber der Religion. Und darin liegt die Gefahr des Zionismus. Dieser lenkt die Aufmerksamkeit hinweg von dem Wesentlichen, von einem Besitztum, das wir seinerzeit errungen haben, durch alle Stürme der Zeit treu und sicher bewahrt, und triumphierend gegen alle Anfeindungen, gegen Feuer und Schwert, gegen Haß und Verachtung, ein leuchtendes Symbol unserer Macht, bis auf den heutigen Tag vorangetragen und hoffentlich auch für alle kommenden Zeiten vorantragen werden. Von all diesem hinweg lenkt er auf etwas Wesenloses, auf ein Schemen, das einst in unabsehbarer Ferne konkrete Form annehmen soll. Dem Worte „national" wohnt ein mächtiger Zauber inne; wehe, wer ihm verfällt. Auch der Antisemitismus war oder sollte sein ursprünglich „national"; daher packte er die studentische Jugend — und die Jugend ist, wenn überhaupt, leicht begeistert. Ich bin objektiv genug, nicht zu bezweifeln die idealen Beweggründe derer, zum mindesten eines Teils, die sich der neuen Erscheinung, von dieser geblendet, zuwendeten. Das „nationale" Deutschtum sollte nicht von einer fremden Rasse beeinflußt werden, deren Wesen, deren Denken eben diesem „nationalen Deutschtum" gefährlich werden! könnte. Genau betrachtet ist es dennoch nicht die Rasse, sondern die Religion, der der Haß galt und gilt. Warum würde denn sonst der charakterschwache Täufling, sei es auch nicht immer freudig und gern, so doch mit allen Rechten in die deutschchristliche Gemeinschaft ausgenommen? Die chemischen Bestandteile des Taufwassers bewirken doch sicherlich keine Veränderung des Rassenblutes und als Folgeerscheinung ein anderes Wesen, ein anderes Denken. So hat der Antisemitismus in weiterer Folge, selbstverständlich ganz ohne Absicht, den Zionismus gezüchtet, und auch die Einkehr des Zionismus in die jüdisch-studentischen Kreise gefördert. „National" gegen „national", das ist die Kampfdevise. Der wäre ein schlechter Berater, der unseren jüdischen Studenten die christliche Lehre (es ist aber auch nur bei der „Lehre" geblieben) empfehlen würde: „Schlägt dich jemand aus die rechte Wange, dann halte ihm die linke Wange hin." Anders lautet die jüdische Lehre: „Auge um Auge, Zahn um Zahn." Sie bedeutet in dem richtigen Sinne: Mut, gepaart mit Gerechtigkeit. Mit Faust und Säbel fuchteln, ist nicht Bekundung des wahren Mutes. Mut ist — das richtige Wort, die richtige Handlung zur rechten Zeit, am rechten Ort. Ebensowenig zeugt es von Mut, .immer und immer wieder auf den Gegensatz hinzuweisen zwischen dem christlich Deutschen und dem Juden, wie es seitens der Zionisten leider nur zu oft geschieht, letzthin wieder in dem Artikel „Das große Hassen" in der Zeitschrift „Janus", der doch sicherlich das Empfinden dieser Kreise widerspiegelt. (Das möchten wir doch bezweifeln. Die Red.) Kaum gibt es zwei selbst miteinander befreundete Menschen, zwischen denen nicht nach irgendeiner Richtung hin ein Gegensatz besteht; doch wäre es frivol, diesen in demonstrativer Weise hervorzuheben, fast wäre es ein Verbrechen zu nennen. Jeder sollte sich bemühen, das gemeinsam Menschliche zu betonen und nicht den Kampf aller gegen alle zu entfesseln. Gar manches ist für die Juden nicht , schön im deutschen Vaterlande; haben aber auch nicht unsere christlichen Mitbürger über so vieles vollauf Grund zur Klage, zur Bitterkeit? Wer aber würde es wagen, sich auszuschließen von dem

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